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Die Welle ist das Meer

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Die mystische Erfahrung – die auch in der Geschichte des Christentums eine große, allerdings immer wieder verdrängte Rolle spielt – geht zurück hinter die Kluft zwischen Gott und Welt. Anschaulich beschreibt Willigis Jäger, Benediktinermönch, Zen-Meister und Mystiker, mit dem Bild von der Welle, die das Meer ist. Die ursprüngliche Wirklichkeit – das Meer – ist nicht zuerst da, um dann eine Welle hervorzubringen, die losgelöst vom Meer existiert: Die Welle (das Ich) ist das Meer; und gleichzeitig ist das Meer nur als Welle. Alle Gegensätze und Dualismen sind in der einen Wirklichkeit aufgehoben.

Gott will nicht verehrt, er will gelebt werden. Nur auf diesem Grund sind wir Menschen geworden, weil Gott in uns sein möchte. Die verschiedenen Religionen sind für Willigis Jäger gleichwertige Wege auf den einen, immer gleichen Berggipfel. Die eine Wirklichkeit ist das Ziel jeder spirituellen Übung – egal ob im Buddhismus, im Islam oder im Christentum. Das „reine Sein“, die Leere, die Gottheit, Nirwana – laut Willigis Jäger alles Namen für ein- und dieselbe Erfahrung. Eine Erfahrung, über die sich nur in Bildern reden lässt. Hier liegt die Keimzelle jeder institutionalisierten Religion.

Das trifft umso mehr im Gefängnis zu, wo viele Kulturen, Religionen und Weltanschauungen auf einander treffen. Die Tendenz der Spaltungen ist im Knast noch mehr gegeben als draußen. Zu spiritueller Erfahrung und  zum Austausch hat die Arbeitsgemeinschaft Jugendvollzug eine Studientagung auf der Insel Langeoog veranstaltet. Gefängnisseelsorger und Teilnehmer Romain Kremer aus Luxemburg berichtet hierzu:

Am Montagabend nach der Ankunft auf der Insel Langeoog: Vorstellungsrunde und Einstimmung ins Thema. Wir saßen um eine schön gestaltete Mitte herum – wie es sich gehört, doch nicht nur mit Kerze, Blumen, bunte Tücher, sondern mit vielen ganz verschiedenen Instrumenten. Wir wurden eingeladen, eines der Instrument zu wählen und unseren Ton zu finden. Auch wenn das Zusammenspiel nicht gerade nach einem klassischen Konzert klang, so hatte jeder doch seinen Ton gefunden und konnte den andern nicht nur etwas von seinem Ton, sondern von sich selbst und seiner Motivation erzählen.

Niemand ist tonangebend

Schön fand ich, wie betonte wurde, dass bei dieser Tagung niemand den Ton angeben werde, auch das Vorbereitungsteam nicht, sondern das jeder für diese Tage seinen eigenen persönlichen Ton finden sollte. Praktisch bedeutete das, dass alle Aktivitäten als Angebot galten und keiner zur Teilnahme verpflichtet war. Jeder war damit für sich selbst verantwortlich und musste selbst dafür sorgen, dass seine Erwartungen erfüllt wurden. Im Endeffekt nahm sozusagen jeder an allen Programmpunkten teil.

Am nächsten Tag ging es los mit einer Wattwanderung. Ein quicklebendiger Wattführer begleitete uns ins Weltkulturerbe. Er wies uns auf das wundersame Zusammenspiel von unzähligen Lebewesen in diesem einzigartigen Lebensraum hin. Keine heile Welt, eine Welt von Mord und Totschlag, von fressen und gefres- sen werden, wo jede Pflanze, jedes Tierchen ganz erfinderisch Mittel findet, um sich anzupassen, sich zu verstecken, sich zu schützen und Nahrung zu ergattern. Da stellt sich die Frage nach dem Schöpfer, nach dem Urheber dieser Wunderwelt wie von selbst ein.

Nur Meer… und die Insel

Ein kreativer Austausch zu eigenen Verwundungen (Lk 4, 16-30) fügte sich nachmittags an diesen Naturgang an. Pastoralreferentin Susanne Wübker von der katholischen Inselkirche St. Nikolaus lud uns anderntags zu einem meditativen Inselrundgang ein. Wir waren zufällig die selbe Anzahl von männlichen Gefängnisseelsorgern und 13 weiblichen Kita-Verantwortlichen, die sich uns für diesen spirituellen Spaziergang anschlossen. Anhand von Psalmen, passend zu den jeweiligen Inselpunkten, berührten wir wichtige Lebensthemen. Jeder konnte entscheiden, inwieweit er diesen Themen innerlich nachspürte. Am meisten begeisterte mich der Text von Erich Fried „Nur Meer“.

Der Nachmittag stand jedem frei zur Verfügung. Jeder konnte, wie schon angekündigt, auf seine Weise nach seinem Ton suchen. Es war für mich nicht leicht zwischen den vielfältigen Möglichkeiten zu wählen. Schließlich mietete ich ein Fahrrad und verbrachte den Nachmittag allein in den Dünen und am Meer. Herrlich!

Labyrinth – Das Ziel ist der Weg

Am darauf folgenden Tag stand das Symbol Labyrinth auf dem Programm. Wie schon beim Bibelteilen war das Leitungsteam mit Karl Schwellenbach (JVA Wuppertal-Ronsdorf) und Michael King (JVA Herford) sehr erfinderisch uns zu motivieren. Beim Ausmalen meines Papier- Labyrinthes hatte ich die Mitte als Ankunft klar im Blick. Das Ende meiner Gefängnistätigkeit ist nahe und so kreisten meine Gedanken um dieses Ende, sozusagen als Ziel meines Weges. Am Strand erstellten wir anschließend gemeinsam ein großes Labyrinth und begingen es. Jeder auf seine Weise. Für mich hat sich dadurch vieles verändert. Ich ging von der Mitte aus bewusst zurück in eine ungewisse Zukunft.

Vom Gottesdienst, den wir mit Inselbewohnern und Gästen in der katholischen Inselkirche feiern konnten, vom Besuch der evangelischen Kirche und ihrem ganz speziellen Altarbild, von den tiefgründigen Gesprächen beim Bier, aber auch vom herzhaften fröhlichen Lachen kann ich noch weiter erzählen. Es begeistert mich immer wieder, ob mit belgischen oder deutschen KollegInnen der Gefängnisseelsorge, wie schnell und wie vertraulich Gemeinschaft entsteht. Kommt dies daher, dass wir jeden Tag damit konfrontiert sind und uns ganz persönliche Dinge anhören und verantwortungsvoll damit umgehen? Der gegenseitige Funke springt sehr schnell über. Ebenso eine mystische Erfahrung.

Romain Kremer | Luxemburg

 

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