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Weißer Ring: Nicht Täter im Blick, sondern Verletzte

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Warten ist eine alltägliche Erfahrung. Wenn es aber um Straftaten und die Folgen geht, verwandelt sich das Warten in eine existenzielle Angelegenheit. Ingrid Liebs leitet die Außenstelle des Weißen Rings in Minden-Lübbecke. Im Gespräch mit dem Dom spricht die ehemalige Schulleiterin von einem Bad Driburger Gymnasium über ihr ehrenamtliches Engagement. Oft reicht schon wenig aus, um viel zu helfen. Ein Mann hat einen Minijob, um die Rente aufzubessern. Bei der Arbeit greift ihn plötzlich ein aggressiver Fremder an und schlägt ihn zusammen. „Bei dem Angriff ist seine Winterjacke zerrissen. Da haben wir schnell und unbürokratisch geholfen“, sagt Ingrid Liebs.

Mit „wir“ ist der Weiße Ring gemeint. Der Weiße Ring ist am 24. September 1976 in Mainz als „Gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten e.V.“ gegründet worden. Rund 46000 Mitglieder zählt der Verein. „Eines der Gründungsmitglieder war Richard Oetker nach seiner Entführung“, so Ingrid Liebs. „Viele Täter bekommen ein paar Jahre Knast, aber die Opfer haben lebenslänglich.“ Richard Oetker wurde von seinem Entführer in eine viel zu enge Kiste gesperrt. Strom sollte ihn am Ausbrechen hindern, aber die Täter lösten die Falle selber aus und Oetker brach sich mehrere Wirbel und beide Oberschenkelhälse. Durch das stundenlange beengte Liegen wurde auch seine Lunge schwer in Mitleidenschaft gezogen. Noch heute leidet er unter den Folgen und spricht erst seit 2006 öffentlich im Rahmen seiner ehrenamtlichen Arbeit für den Weißen Ring über seine persönlichen Erfahrungen. Ingrid Liebs tut das nicht. Bei ihrer Arbeit rückt ihre eigene Biografie in den Hintergrund.

Wenn eine Straftat plötzlich das bisherige Leben auf den Kopf stellt, findet sich ein Mensch unfreiwillig in einer Wartesituation wieder. Das Warten unter dem Motto „Was geschieht jetzt?“ bezieht sich in vielen Fällen auf psychologische, rechtliche und finanzielle Aspekte.

Am 20. Juni 2006 verschwand ihre Tochter Frauke in Paderborn, nachdem sie mit Freunden ein WM-Spiel in einem Irish Pub in der Libori-Galerie gesehen hatte. Am 4. Oktober 2006 wurde ihre Leiche in einem Waldstück bei Lichtenau gefunden. Der Täter wurde bis heute nicht gefasst. „Bei meiner Arbeit geht es nicht um mich, sondern immer um das Opfer“, betont Liebs. Es hänge immer von der Persönlichkeit des Opfers ab, wie mit einer Tat umgegangen wird. Wird jemand Opfer einer Straftat – es kann jeden zu jeder Zeit treffen – muss der Betroffene „das Geschehene verarbeiten, um wieder auf die Beine zu kommen“. Ingrid Liebs hat das Handy immer dabei. „Das Schöne an diesem Ehrenamt ist, dass ich mir die Zeit frei einteilen kann. Wenn jemand anruft, kann ich dann sofort handeln und Termine absprechen.“ Viele Opfer seien glücklich, nicht alleingelassen zu werden.

„Die Zusammenarbeit mit der Polizei vor Ort läuft gut“, lobt Liebs. „Entweder empfiehlt uns die Polizei oder umgekehrt: Wenn sich Opfer bei uns zuerst melden, raten wir, sich an die Polizei zu wenden.“ Vor Corona hat sie sich mit Opfern entweder bei ihnen zu Hause oder an öffentlichen Orten getroffen. „Dann sucht man sich einen ruhigen Tisch in einem Café, um zu reden. Die meisten Menschen sind ja total unsicher, was jetzt rechtlich auf sie zukommt. Viele sagen mir, dass sie noch nie in ihrem Leben mit der Justiz zu tun hatten.“ Dabei sehen sich die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer des Weißen Rings, die alle eine mehrstufige Ausbildung durchlaufen haben und sich regelmäßig fortbilden, als „Lotsen“, die Möglichkeiten aufzeigen. „Neben der Soforthilfe hören wir zu, ermitteln den konkreten Hilfebedarf und empfehlen entsprechende Stellen weiter“, sagt Ingrid Liebs. „Wir selber sind keine Therapeuten oder Rechtsanwälte. Wir haben ein Netzwerk – zum Beispiel zu Traumaambulanzen, Beratungsstellen wie Wildwasser in Bielefeld und empfehlen dann die Fachkräfte weiter.“

Selber aktiv handeln statt zu warten

Dabei gibt es von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Weißen Rings ausschließlich Empfehlungen, damit das Opfer im Besitz der „Macht zum Selbstentscheiden“ bleibt. Das sei wichtig, um aktiv aus der passiven Rolle des Opfers herauszukommen. Selber zu handeln und zu entscheiden, anstatt zu warten, dass andere etwas tun. Grundsätzlich habe eine Straftat viele Facetten: Neben den rechtlichen, materiellen Seiten sei auch psychologische Hilfe gefragt. Für den angegriffenen Rentner erledigte Ingrid Liebs ein paar Telefonanrufe. „Er brauchte eine Rechtsberatung, da hing ja noch die Berufsgenossenschaft mit drin.“ Aber davor habe die Frage gestanden, ob er sich überhaupt eine Fahrkarte nach Bielefeld zu einem Anwalt leisten kann. „Oft helfen wir bei ganz banalen Dingen.“ In einem anderen Fall ging es um Beerdigungskosten. „Ein junger Mann war erstochen worden. Die Familie war vorher unverschuldet in Hartz IV gerutscht, doch das Sozialamt weigerte sich, die Kosten zu übernehmen“, sagt sie. Zu dem Verlust kämen in solchen Fällen noch Existenzsorgen. „Die Mutter hatte noch einen Minijob. Ich habe ihr geraten, sich erst mal krankschreiben zu lassen.“ In so einer Ausnahmesituation käme man selber nicht auf so naheliegende Gedanken. „Zusammen haben wir einen Antrag gestellt. Zwei bis drei Tage vor Weihnachten konnten wir dann die Rechnung bezahlen.“

Wieder ganz andere Sorgen hatten Angehörige eines Mannes, der zu Hause niedergeschlagen wurde. „Das Opfer hatte Glück gehabt, sich in der Reha so weit erholt, dass er wieder nach Hause konnte. Die Verwandten hatten seine Katzen mitgenommen und versorgt, aber bei ihm zu Hause nur die Tür zugezogen“, erzählt sie. „Als klar war, dass der Mann wieder heimkam, hat der Weiße Ring mit rund 1400 Euro die Tatortreinigung finanziert, damit er sich nicht sofort wieder mit der Tat konfrontiert sieht, wenn er die Haustür aufschließt.“ Die geschilderten Fälle erzählen von männlichen Opfern. „Männer sind häufiger von heftigen Delikten wie Mord betroffen“, so Liebs. „Bei Frauen, die rund 80 Prozent der Hilfesuchenden ausmachen, geht es um Stalking, häusliche Gewalt oder Missbrauch.“ Ihren Worten nach hat in der Gesellschaft eine Sensibilisierung für diese Taten stattgefunden: „Die Opfer werden ernstgenommen und Täter verurteilt.“

Warten, dass etwas passiert

Grundsätzlich sei das Gefängnis eine Chance zur Resozialisierung. „Unser Rechtssystem basiert ja nicht auf Rachegedanken, aber manche Täter gehören einfach lebenslang in die Forensik. Man muss die Allgemeinheit vor ihnen schützen.“ Ein extremer Stalking-Fall ist ihr im Gedächtnis geblieben. Der Ex-Mann einer Frau verbüßte eine Haftstrafe im Gefängnis. „Und zwar ganze fünf Jahre und er ist keinen Tag eher rausgekommen. Die Frau wusste genau, dass wieder etwas passieren wird, nur nicht wann“, sagt Ingrid Liebs. Beim Stalking seien manche Täter so fixiert, dass Frauen in ständiger Angst lebten, dauernd die Umgebung checkten und überlegten. Den Namen ändern, in eine andere Stadt ziehen sei möglich, allerdings ein Riesenschritt mit erheblichen Konsequenzen. Das sei dann ein komplett anderes Leben. „Manche Männer sagen Frauen auf den Kopf zu: Du hast mein Leben zerstört, jetzt zerstöre ich deins und dann setzen sie alles daran. Es gibt Fälle von Frauen, die sich gerade noch ins Bad retten konnten.“

Ingrid Liebs erinnert sich an einen weiteren Fall, bei dem der Vater, der seine Tochter missbraucht hatte, in der Haft verstorben war. „Die Tochter meinte, sie könne seine Asche ja nicht irgendwo verscharren, das sei schließlich ihr Papa. Da sieht man die hohe Ambivalenz und die hohe Bindung zu den Eltern bei solchen Beziehungstaten.“ Für viele Opfer ist eine Verurteilung des Täters wichtig, um ein „Stückchen Gerechtigkeit“ zu erfahren und einen „Schlusspunkt“ zu ziehen, auch wenn einen eine Tat nie ganz loslasse. Persönlich hat Ingrid Liebs nie aufgehört zu warten. Darauf, dass der Mörder ihrer Tochter Frauke gefasst wird.

Julia Hollwedel | Aus: Der Dom Nr. 13 /2021, Magazin im Erzbistum Paderborn

 

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