parallax background

Was ist da oben (oder unten) ohne Gott zu sagen?

Forumtheater im Strafvollzug, geht das?
27. Januar 2020

“Eigentlich geht es darum“, diesen Titel trug die Theaterperformance des AlarmTheaters in Bielefeld. Die Vorstellung dieser Produktion hat sich nicht nur gelohnt, sondern das Publikum konnte eine tiefe und bewegende Performance über die verschiedensten Themen des Lebens miterleben. Die Akteure waren zehn Jugendliche aus aller Welt – zum Teil auch minderjährige Geflüchtete. Vor Beginn der Performance hielt Dietlind Budde, Leiterin des AlarmTheaters, eine kurze Ansprache über die Entstehung der Produktion. Daraufhin betrat man durch den kleinen Theatersaal den großen, in dem die Performance spielte.

Auf der Bühne waren Blätter und Laub verteilt, dazu zwei Jugendliche, die mit arabischen Instrumenten spielten. Schon dieser Anfang fesselte und war so feinfühlig wie das gesamte Stück. Arabische, afrikanische, fernöstliche sowie südamerikanische Rhythmen, meist selbst gespielt oder eingespielt. Die Aktionskarten, die das Publikum vor Beginn der Performance im Foyer mit all dem beschriften durfte, worum es einem ganz persönlich geht, wurden von den Jugendlichen vorgelesen und in ihr Spiel miteinbezogen. Es ging um Sehnsucht, Leben, Sterben, Wurzeln, Einsamkeit und sowohl um die Frage nach Gott, als auch um die Frage, wie sich ein Terrorist fühlt. Die Jugendlichen spielten einzigartig und dermaßen glaubhaft, als spielten sie sich selbst. Das alles in einem Potpourri aus Laub und Stellwänden, die als bewegliche und sich verändernde Kulisse dienten. Jeder Griff saß, das Zusammenspiel war großartig inszeniert. Geschickt wurde die Bühne um das Eingangsfoyer erweitert, in dem das Treppenhaus liegt. Von dort wurden die Stellwände im Treppenhaus heruntergetragen. Die Schwere des Lebens kam dabei zum Ausdruck.

Stellenweise ging ein Laubregen herunter oder Bodenplatten wurden unter dem Laub hervorgehoben und gefragt, was ist der Grund, was gibt mir Beständigkeit? Die Platten verschwanden schließlich unter den Füßen der Zuschauer in der ersten Reihe. Die Zuschauer waren mitten im Geschehen. Dazwischen Fragestellungen, tiefe Textpassagen in einem manches Mal gebrochenen, aber sehr gut verständlichen Deutsch. Und arabische Musik, Rap und Tanz. Die Gestik und Mimik, der Witz und Ernst der jungen Leute kam an.

Es sind Lebensthemen, die gespielt, dargestellt und gelebt werden. Das Laub als Symbol der Vergänglichkeit und als Symbol für das Lebensspiel und die Lebenslust. Faszinierend, wie ein Jugendlicher auf Arabisch auf den Boden schreibt und seine „großen“ Gedanken äußert. Faszinierend, wie ein afrikanischer Jugendlicher verschmitzt aus einer der Stellwände kriecht und dabei seinem Schmetterlingsnetz folgt, um Momente einzufangen. Faszinierend, wie ein deutsches Mädchen ihren Freund auffordert, doch endlich zu sagen, an was er glaubt und doch selbst nicht weiß, an was sie selbst glauben soll oder an was sie gerne glauben würde. Faszinierend wie ein aus Syrien stammender junger Mann erzählt, was Krieg ist und wie ihn sein Vater schützte.

Was ist da oben (oder unten) ohne Gott zu sagen? Allah? Jesus? Ibrahim? Nichts? Gekonnt und schon fast zufällig kamen die Einwürfe und die Antworten aus der Gruppe. Und doch wurde keine Antwort gegeben, alles blieb offen und der Zuschauer konnte sich seine eigenen Antworten geben. „Ich glaube… wenn man angekommen ist, ist das Ankommen schon vorbei…“ „Man ist nie fertig… ein Baum wächst immer weiter“. Und zu guter Letzt (nach anderthalb Stunden, aber gefühlte 30 Minuten) kam das Lied „Todo Cambia“ der argentinischen Sängerin Mercedes Sosa. Der deutsche Text „es ändert sich, alles verändert sich“ war auf den Stellwänden mittels Schwarzlicht zu lesen. Nicht nur ein berührender Moment, sondern ein Moment der zur Verinnerlichung geradezu auffordert: „Wie alles sich verändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich verändere, aber meine Liebe ändert sich nie .“

Michael King | Fotos: Cornelia Lembke

Das AlarmTheater ist ein freies Theater mit eigener Spielstätte im Bielefelder Westen. Dietlind Budde und Harald Otto Schmid verlegten 1993 ihr künstlerisches Schaffen aus Italien an den Teutoburger Wald, um hier ein eigenes Theater ins Leben zu rufen.

Jährlich entwickelt das AlarmTheater bis zu fünf Produktionen für Jugendliche und Erwachsene mit durchschnittlich zwanzig Akteuren. Darüber hinaus führt das Theater Projekte in Kooperation mit Schulen, Sucht- und Gewaltpräventionsstellen, Integrationsvereinen, Wohngruppen für Geflüchtete etc. durch.

 

Ihr Feedback interessiert uns

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.