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Vulnerabilität und die Kostbarkeit des Lebens

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„Vulnerabilität“ war vor kurzem noch ein unbekannter Zungenbrecher. Aber mit der Corona-Pandemie zeigte sich die Notwendigkeit, über Verwundbarkeit und vulnerable Gruppen zu sprechen. In der wissenschaftlichen Forschung ist der Begriff bereits länger verwurzelt. Seit einigen Jahren bringt sich die Theologie, die diesen neuen Diskurs lange Zeit ignoriert hat, verstärkt in die interdisziplinären Debatten ein. Prof. Hildegund Keul an der Universität Würzburg leitet das Forschungsprojekt „Verwundbarkeiten“. Jetzt hat sie ein neues Buch mit dem Titel „Verwundbar sein“ herausgegeben.

Der Umgang mit Wunden und Verwundbarkeiten gehört zu den Kernkompetenzen der Theologie. Sie hat neue Perspektiven einzubringen, die den Diskurs interdisziplinär befördern und weiterführen. Grundlage hierfür sind die Geschichten der Bibel. Bereits zu Beginn ihres neuen Buches schreibt Keul von der Weihnachtsgeschichte und der Verletzlichkeiten. Jesus als Kind mit Migrationshintergrund, Josef, der sich bückt und Essen kocht oder die dahergelaufenen SterndeuterInnen. Ob man den letzteren vertrauen kann? „Die Angesehenen werden zu Dahergelaufenen, für die niemand bürgt. Das bringt sie in Gefahr“, so Keul in den ersten Kapiteln. Die aktuelle Migrationspolitik zeugt davon.

Wunden sind Herausforderung

Liest man weiter, meint man ein theologisches Buch zur Hand zu haben, dass es bereits gibt. Den österlichen Glauben diakonisch bereichern oder das Plädoyer für ein neues Pfingsten in verwundbarer Welt. Maria Magdalena hat als traumatisierte Frau den Lebendigen am Grab des Toten gefunden. „Dabei erfährt die Wunde, die zuvor verletzend war, eine glückhafte Wende. […] Wunden sind eine Herausforderung, human zu handeln, sich einander zuzuwenden und beizustehen. […] Der Schmerz bleibt. Aber es öffnet sich ein neuer Handlungsraum“, so Keul im Kapitel des geistreichen Umgangs mit Vulnerabilität. Spätestens im 2. Teil des Buches wird Keul deutlich klar und aktuell. Die Corona Pandemie zeigt die Verwundbarkeiten in der Welt. Und doch gibt es in dieser Zeit neue Formen der Kommunikation. „Die Wunde wird zu einem Ort mystischer Erfahrungen.“ Im Buch zitiert Keul immer wieder Georges Bataille, einen französischen Schriftsteller und Philosoph. Er galt als Vertreter des Surrealismus. Schutzmechanismen einzuleiten sei verständlich, sie dürfe aber nicht auf Kosten anderer gehen. „Vulnerablität und Vulneranz hängen eng zusammen“, sagt Keul. In vielen Fällen treffen sie Andere und erhöhen deren Vulnerabilität.

Aktuelle Beispiele

Die Autorin und Professorin nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie die katholischen und politischen Verschwörer mit dem Herodes Effekt beim Namen nennt. „Um die eigene Kirche und die eigenen Privilegien zu schützen, werden sie vulnerant“, schreibt Keul. Das Verletzlichkeitsparadox besagt, dass je mehr die Gesellschaft geschützt wird, desto mehr verwundbar wird sie im Schadenfall. Als Beispiele nennt Keul das „Münsterländer Schneetreiben“ im Winder 2005 und auch die Vertuschung sexueller Gewalt in der eigenen Kirche. Warum haben so viele geschwiegen? „Die vulnerante Macht der Vulnerabilität ist stärker“, resümiert Keul. Die prekäre Machtkonstellation am Beispiel der Schönstattbewegung greift Keul deutlich auf. „Eingeforderter Gehorsam, der mit Jungfräulichkeit, Reinheit und Demut sexuell konstituiert wird (Immaculatageist), öffnet der Vulneranz Tür und Tor.“

Hochaktuell schildert Keul das Heilsversprechen des ehemaligen Schulleiters an der Odenwaldschule. Dessen Mechanismus kann in den Überzeugungen von Gemeinschaften gefährlich werden. Die „Suche nach der verlorenen Intimität des Lebens“ (Bataille) strebten die Missbrauchstäter an, indem sie die Opfer ebenfalls in diese Intimität hinziehen.“ Das Erwähltsein für eine bessere Sache oder eine höhere Autorität greift in den Kirchen ähnlich. In allen Verletzlichkeiten, um den Frieden zu ringen, appelliert Keul, anders mit Verletzlichkeit umzugehen, als mit Krieg zu antworten. Bei Trump und anderen politischen Führungskräften blickt man in eine Welt der Abgründe. Die Empörung darüber nützt nichts.

Die Abgrenzung ist nicht nur ein Problem der Klöster. Sie ist gesellschaftlich weit verbreitet. Die Erfahrungen der Migrationspolitik hat Abgrenzung und Ausschließung im Programm. Ansehen und wahrnehmen, gemeinsam Erfahrungen zu machen, mindern das mögliche Gewaltpotenzial, das bis zu Terroranschlägen geht. Die Haltung gilt im Großen der Weltpolitik wie im Kleinen des Alltages. Keul bringt die Reizthemen zur Sprache. Orte besonderer Vulnerabilität sei das schwulenfeindliche Milieu. Die Gerüchte um den Philosophen Michel Foucault, der in den 1960er Jahren in Tunesien auf einem Friedhof Jungen für Sex bezahlt hätte, lässt Keul an diesen prekären Kontext denken. Ausgerechnet auf einem Friedhof? Keul fragt: „Produzieren homophobe Gesellschaften durch den Ausschluss von Schwulen solche Heterotopien schwuler Existenz, um anschließend Schwulen vorwerfen zu können, dass sie die Orte (Cruising-Areas) aufgesucht haben?“

Schöpfung durch Verlust?

Die Kostbarkeit des Lebens: Mystik. Der letzte und 5. Teil des Buches von Hildegund Keul. Auch hier zitiert sie Bataille: Poesie als Schöpfung durch Verlust. Keul widmet sich der Lyrik Ingeborg Bachmanns, die österreichische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts. Wie kann Leben gelingen mit all den schmerzlichen Erfahrungen und Brüchen? Manches Mal lernen Menschen nur schmerzhaft, wenn dann gar nichts mehr geht. Da kommen mir Inhaftierte in den Sinn, die in den Gefängnissen einsitzen. So mancher lernt erst daraus, wenn er wieder einmal an diesem Ort landet. Überraschenderweise fügt Keul aus der Katastrophenforschung an, dass Menschen sich im Notfall gegenseitig helfen. Die Hilfsbereitschaft widerspricht dem, was Menschen voneinander denken.

Zum Abschluss widmet Keul sich der theologischen Poesie, der schöpferischen Kraft. „Ganz nah und doch ganz weit entfernt“, so drückt es der Buchautor Pierre Stutz aus. Metaphern können Ungesagtes ausdrücken, die Ambivalenz menschlichen Lebens konkret. Eine Theologie muss sich der verwundbaren Welt und der Lebensrealität stellen, sich nicht zurückziehen in eine wohlbehütete Luftblase und Sprache. Man setzt seine eigene Verletzlichkeit aufs Spiel. Doch genau darin zeigt sich die Stärke jedes einzelnen Menschen. Die Kostbarkeit des Lebens zeigt sich in aller Verwundbarkeit immer wieder neu. Das ist zutiefst mystisch. Daher ist das Buch empfehlenswert zu lesen.

Michael King

 

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