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Justizvollzugsangestellte liebt Ex-Häftling seit 25 Jahren

Kein Fernseher: Häftling zündet seine Zelle an
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Der Mann mit dem Schlüssel hinter den Mauern
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Sie haben sich im Knast in Hagen verliebt: Die JVA-Bedienstete und der Untersuchungshäftling. Die verbotene Liebe hält seit gut 25 Jahren. Das Feuer war entfacht: Die Flammen schlugen hoch, sie legten den Thekenbereich der City-Kneipe in Schutt und Asche. Als vermeintlicher Brandstifter war schnell ein attraktiver Grieche ausgemacht. Und der schmorte fast sechs Monate unschuldig in Untersuchungshaft. Doch hinter Gittern knisterte, loderte und brannte es tatsächlich – das Feuer einer heimlichen Liebe. Ein Artikel der Westfalenpost.

Dies ist die Geschichte einer „verbotenen“ Romanze hinter dicken Mauern. Sie spielt im Knast, korrekt gesagt in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hagen an der Gerichtsstraße. Ein böser Junge lernt dort eine Frau mit guter Erziehung kennen: Er (damals 28), großflächig tätowiert, mit Silberohrring, Pferdeschwanz, Lederstiefeln und Vorlieben fürs Rotlicht-Milieu – der Untersuchungshäftling. Sie (damals 26), brav blond-gescheitelt, Fachabitur, Vater Polizeibeamter – seine Vollzugsbeamtin.

Keine „Lie­beszel­len“ für die Ge­fan­ge­nen

„Wir beweisen seit fast 25 Jahren als Paar, dass es funktioniert! Noch Fragen, bitte?“, lacht die Frau, die dem Strafvollzug längst den Rücken gekehrt hat und nun den Haushalt führt – er ist mit 51 Jahren Frührentner. Nein, keine weiteren Fragen. Die erste Begegnung: „Unauffällig, eher beiläufig, beim Umschluss“, erinnert er sich. Beim Umschluss dürfen sich die Gefangenen auf der Zelle besuchen. „Sie hat mir damals die Tür aufgeschlossen, ich dachte nur: Was für ein hübsches Gesicht.“ „Macho“, fährt sie ihm ihn die Parade, „wenn das so weitergeht. kommst Du gleich an die Acht.“ So werden, im Gefängnis, miteinander verbundene Handschellen genannt.

Ganz tief in die Augen geschaut

Dass der Funke nicht auf Anhieb übersprang, mag an den ungewöhnlichen Umständen gelegen haben: Ein Knast ist nun mal kein Ort für romantische Begegnungen. Strafvollzug ist mit einem straffen Regelwerk verbunden, vor allem mit Verboten. Dass das Personal einen sachlichen und distanzierten Umgang mit den Inhaftierten einhalten muss, versteht sich von selbst.

Sie reflektiert: „Was man im Vollzugsdienst als erstes lernt, ist deutlich NEIN zu sagen.“ Einfach alles zu unterlassen, was von einem männlichen Gegenüber eindeutig zweideutig missverstanden werden könnte. Soweit die Theorie. „Mein Verhängnis war: Ich hab’ JA gesagt.“ Und die zweite Begegnung? „Im Sozialraum“, glaubt sie sich zu erinnern. „Nein“, berichtigt er sie, „beim Hofgang. Da habe ich dir, als ich kurz an dir vorbeiging, ganz tief in die Augen geschaut.“

Die nächsten Tage folgten immer wieder Gespräche. Erst kurze („über Griechenland“) dann längere („darüber, wie sexy griechische Männer sind“). Gemeinsames, herzliches Lachen. Das Eis war gebrochen. Er sagt: „Schmetterlinge im Bauch sind unerträglich schmerzhaft, wenn du weißt: Sie ist da und du kannst ihr doch nicht nah sein.“ Die immer größer werdende Sehnsucht musste unter Kontrolle bleiben. Ein intimer Kontakt innerhalb der Anstalt wäre für sie ein gravierendes Dienstvergehen gewesen, mit disziplinarischen Folgen. Es gab nur selten Gelegenheiten, sich unbeobachtet näher zu kommen. Da blieben allenfalls kurze Momente. Zu groß war die Angst, entdeckt zu werden und aufzufallen.

Freispruch ebnet Weg zur Liebe

Eine unerträgliche Liebessituation. Monate später war das Versteck-Spiel endlich vorbei: Dem vermeintlichen Brandstifter – die Anklage ging davon aus, dass er in der Hagener Kneipe, in der überwiegend Zuhälter verkehrten, Feuer gelegt hatte – wurde der Prozess gemacht. Er erhielt einen Freispruch und kam auf freien Fuß. Nach einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal gemeinsam an der Gefängnispforte. Starke Gefühle kommen hoch. Es ist ihr peinlich. „Furchtbar unangenehm.“ Sie zittert, er ergreift ihre Hand: „Ich hasse diesen Bau bis heute. Die Monotonie. Die Flure. Das Geräusch, wenn die Stahltür ins Schloss fällt und die Schließer mit dem Schlüsselbund rasseln.“

Jetzt musste die Zuneigung kein Geheimnis mehr bleiben. Sie kündigte bei der Justiz, denn sie war schwanger. Kurz nach der Geburt des Kindes wurde geheiratet. Der Sohn ist heute erwachsen. Ob er tatsächlich hinter Gittern gezeugt wurde, wie der Vater kess behauptet? Sie schweigt. Er ist hingegen geschwätzig: „Sie dürfen mich gerne als Ex-Zuhälter bezeichnen.“ Der schöne Grieche saß, in jungen Jahren, mehr als einmal hinter schwedischen Gardinen: „Bis ich dort meine jetzige Frau kennenlernte und ein anderer wurde.“

Nach Vierteljahrhundert vor der JVA

Nach einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal gemeinsam an der Gefängnispforte. Starke Gefühle kommen hoch. Es ist ihr peinlich. „Furchtbar unangenehm.“ Sie zittert, er ergreift ihre Hand: „Ich hasse diesen Bau bis heute. Die Monotonie. Die Flure. Das Geräusch, wenn die Stahltür ins Schloss fällt und die Schließer mit dem Schlüsselbund rasseln.“ Sie fällt ihm ins Wort: „Sag’ nicht Schließer.“ Justizvollzugsbeamter wäre richtig. „Ich sag ja auch Zelle und nicht Haftraum“, erwidert er und grinst: „Wie damals im Knast. Sie führt noch immer das Kommando.“

Helmut Ullrich | Mit freundlicher Genehmigung: FUNKE Online NRW GmbH

 

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