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Schuldiger Mensch verliert Würde nicht

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Die Sorge der Kirche um die Gefangenen gehört zu den Werken der Barmherzigkeit, die das Evangelium lebendig werden lassen. Im Gleichnis vom Weltgericht im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums (Mt 25, 31-46) wird auch der Besuch bei den Menschen im Gefängnis zum Entscheidungskriterium über Heil und Unheil: „Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt 25, 36). Dabei ist anscheinend nicht entscheidend, ob jemand unschuldig im Gefängnis sitzt oder ob er ein schlimmes Verbrechen abbüßen muss.

Jesus, der Richter, identifiziert sich mit den Menschen, denen aus welchen Gründen auch immer ihre Freiheit, eines der zentralen Menschenrechte, genommen wird. Bedenkt man diese Aussage des Evangeliums, stehen wir hier vor einer recht provozierenden Aussage: Jesus sieht eine konkrete Not in der Situation des des Gefangenen, und er will ihm ganz nahe sein, ja, er trägt seine Situation mit. Der Hebräerbrief überträgt dies in den christlichen Gemeindealltag: „Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen.“ (Hebr 13,3). Auch dies ist eine provozierende Grundhaltung. Eine Gemeinde kann es nicht gleichgültig sein, dass Menschen im Gefängnis sitzen. Sie soll sich mit ihnen identifizieren, sie soll ihre Lebenssituation mittragen.

Die Außenpforte der JVA Butzbach im hessischen Wetteraukreis.

Hinter diesen Aussagen steht eine christliche Grundeinstellung zu Schuld und Vergebung. Verbrechen und Verantwortung eines Menschen werden nicht klein geredet. Ein Mensch trägt Verantwortung für seine Taten. Es gehört zu einer seelsorgliche Begleitung, Menschen zu helfen, sich der eigenen Verantwortung zu stellen. Es gehört zur menschlichen Würde, seine Tat nicht einfach als Folge einer unglücklichen Lebensgeschichte oder schicksalshaften Verstrickungen zu relativieren. Schuld ist Schuld, Verantwortung muss übernommen werden. Papst Franziskus beschreibt diese Haltung so:

„Die Kirche vor Ort teilt die Sünde, indem sie die Wahrheit sagt: das ist eine Sünde. Aber gleichzeitig umarmt sie den Sünder, der sich als solche erkennt, sie nähert sich ihm und spricht zu ihm von der unendlichen Barmherzigkeit Gottes.“

Das heißt, dass ein Mensch, der schuldig wird, seine Würde nicht verliert. Diese Würde zeigt sich gerade auch in der Anerkennung seiner Schuld und seiner Verantwortung. Das Christentum sieht jeden Menschen als Ebenbild Gottes. Dieses Bild wird durch Schuld verdunkelt oder schwer erkennbar, aber der Mensch bleibt Ebenbild Gottes auch in seiner Schuld. Wenn Christen sich um Menschen in einer schuldhaften Situation, etwa im Strafvollzug, sorgen, tun Sie dies vor diesem Hintergrund. Und wir sollten uns vor Überheblichkeit hüten. Niemand begegnet einem Gefangenen frei von Schuld. Beeindruckend finde ich eine Aussage unseres Papstes:

„Ich habe eine besondere Beziehung zu den Menschen, die im Gefängnis sitzen und ihrer Freiheit beraubt sind. Ich habe mich ihnen immer sehr nahe gefühlt, gerade weil ich mir meines Standes als Sünder sehr bewusst bin. Immer wenn ich zu einem Besuch oder zu einer Feier die Schwelle zu einer Haftanstalt überschreite, kommt mir der Gedanke: Warum sie und nicht ich? Ich müsste hier sein, ich verdiene es, hier zu sein. Ihr Fall hätte mein Fall sein können. Ich fühle mich nicht besser als die Menschen, die ich vor mir habe.“

Papst Franziskus, Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. Ein Gespräch mit Andrea Tornielli, München 2016

Niemand ist eine kriminelle Lebensgeschichte in die Wiege gelegt, und dennoch bleibt es ein Geheimnis, warum sich bestimmte Biografien so entwickeln. Dass ich heute Bischof bin, ist nicht mein Verdienst. Und auch als Bischof trage ich Schuld mit mir, und ich gehe als Sünder durch das Leben. Das zeigt mir, dass wir alle von Gottes Barmherzigkeit leben. Ich habe das Weihnachtsfest in der JVA Butzbach gefeiert. Es ist keine Floskel, wenn ich sage, dass der Gottesdienst eine der berührtesten Weihnachtsfeiern war, die ich je erlebt habe. Als Zelebrant des Gottesdienstes stehe ich nicht in einer professionellen Distanz vor der Gemeinde, sondern wir bilden eine Gebetsgemeinschaft. Das Kind in der Krippe ist für uns alle Mensch geworden, ich brauche seine Liebe nicht weniger als die Menschen aus der JVA. Manche Träne wurde geweint in dieser Stunde. Dies hat mich sehr bewegt, weil ich glaube, dass Gott in dieser Stunde Menschen berührt hat, die sich ihre Würde und ihrer Schuld gleichermaßen bewusst geworden sind.

Die Gefängnisseelsorge erfüllt den Auftrag des Evangeliums, bei den Menschen in Schuldsituationen zu sein. Sie verurteilt nicht, gleichzeitig redet sie die Schuld nicht weg. Sie will helfen, Verantwortung zu übernehmen. Sie möchte Menschen nahe sein in ihren Fragen und Nöten. Wer sich einer solchen Aufgabe stellt, tut dies nicht von oben herab, sondern in dem Bewusstsein, dass wir alle Barmherzigkeit brauchen. Auch die Schuld nimmt einem Menschen nicht die Würde!

Bisher ist kein Wort zu den Opfer gefallen. Es stößt manchem bitter auf, dass in der Bibel anscheinend mehr Sympathie für die Täter als für die Opfer zu finden ist. Schaue ich auf Jesus Christus, begegne ich einem Erlöser, der selbst alle Gewalt erleidet. Er opfert sich selbst, erträgt alles Leid mit. Er identifiziert sich mit den Opfern der Gewalt und der Verbrecher. Es bleibt aber eine provozierende Botschaft. Gott ist Vater von Tätern und Opfern. Alle sind seine Kinder. Alle sind Ebenbilder Gottes. Meine Hoffnung ist, dass es im Himmel eine Wiedergutmachung geben wird, die Menschen nicht schaffen können. Alle Menschen sind eingeladen ihr Leben und ihre Geschichte in seine Hände zu geben. Ich bin für die Arbeit der Seelsorge mit Gefangenen dankbar. Sie führt uns ins Zentrum des Glaubens: in die Erfahrung von Schuld und Sünde, in die Notwendigkeit von Umkehr und Vergebung, in die Tatsache, dass alle Menschen gleichzeitig Sünde und Ebenbilder Gottes hin.

Bischof Peter Kohlgraf, Mainz | Denkschrift zum 125 jährigem Jubiläum der Gefängnisseelsorge, JVA Butzbach

 

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