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Über die Parallelwelt Gefängnisalltag: Inside Knast

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Im Herbst 2009 hält Michael „Blacky“ Heckhoff vier Tage lang die Republik in Atem. Bewaffnet mit Dienstpistolen gelingt ihm und seinem Kumpel Paul Peter Michalski die Flucht aus dem Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Aachen. Die Männer nehmen fünf Geiseln auf ihrer Flucht, werden schließlich gefasst. Es war das vierte Mal, dass Heckhoff, heute 61 Jahre alt, aus dem Gefängnis ausbrach. Heute sitzt er in der JVA Bochum. Der „Ausbrecherkönig“, wie er genannt wurde, hat inzwischen 44 Lebensjahre hinter Gittern verbracht. Ob er je wieder freikommt, ist fraglich. Nach seiner Flucht im Herbst 2009 ordnete das Gericht Sicherungsverwahrung an. 2024 wird ein Richter erneut überprüfen, ob die Unterbringung noch erforderlich ist – oder ob Heckhoffs Prognose positiv ist und er auf Bewährung in die Freiheit entlassen werden kann.

Der Strafverteidiger Burkhard Benecken aus dem Ruhrgebiet behauptet von sich, fast jede deutsche Haftanstalt von innen zu kennen. In seinem Buch „Inside Knast“ lässt er seine inhaftierten Mandanten zu Wort kommen und beschreibt die Realität im Gefängnis – und was schief läuft. Der Mann mit dem langen Strafregister – Körperverletzung, Überfälle, Geiselnahme und versuchter Mord – ist ein Mandant des Strafverteidigers Burkhard Benecken. Der Rechtsanwalt aus Marl hat für sein Buch „Inside Knast. Leben hinter Gittern – Der knallharte Alltag in deutschen Gefängnissen“ mit Heckhoff im Gefängnis über dessen Leben, seine Taten und über Reue gesprochen. Wie lebt es sich mit der kaum spürbaren Perspektive, jemals wieder frei zu sein? Wie laufen die Therapien in der Sicherungsverwahrung ab und wie hat er damals vor seiner Flucht einen Vollzugsbeamten dazu gebracht, ihm und seinem Kumpel Michalski zwei Dienstpistolen zu besorgen? Den Moment, als die beiden schwer bewaffnet aus der JVA herausspazierten, beschreibt Heckhoff als „unheimliches Glücks- und Freiheitsgefühl“. Sie winkten breit grinsend in die Überwachungskameras.

Benecken hat das Buch geschrieben, weil er denkt, dass die meisten Menschen ihre Vorstellungen vom Leben im Gefängnis aus Hollywood-Filmen beziehen, wie er sagt. „Das sind vor allem Klischees, die nichts damit zu tun haben, was sich wirklich hinter Gittern abspielt“, sagt er. Wenn sich nach einem Prozess und einem Urteil die Gefängnistore schließen, ist der Gefangene in einem „abgeschotteten Universum“, wie Benecken sagt. In seinem Buch lässt er einen Untersuchungshäftling seinen Alltag im Knast beschreiben. 5.40 Uhr wecken, 6 Uhr Frühstück, montags, mittwochs und freitags duschen. Wer einen Job als Hausarbeiter hat, sammelt ab 7 Uhr etwa den Müll der anderen Häftlinge ein oder putzt die Flure. Um 9.30 Uhr Freistunde im Innenhof. 12 Uhr Mittagessen, weiterarbeiten, 17 Uhr Abendessen und dann eineinhalb Stunden Umschluss, wer will, kann dabei zu Mithäftlingen zum Quatschen in deren Zelle. Und um 19.30 Uhr schließt sich die Zellentür bis zum nächsten Tag.

Alltag hat, kann sich noch glücklich schätzen. „Die meisten Untersuchungshäftlinge sind 23 Stunden am Tag auf der Zelle“, sagt Benecken. „Eigentlich ist das nicht der Sinn und Zweck von Haft.“ Seiner Meinung nach gibt es in der Strafhaft weder tiefgehende Resozialisierungsprogramme noch genügend Therapeuten. „Im Schnitt ist eine Psychiaterin für 600 Gefangene zuständig.“ Benecken zeigt Schwachstellen in deutschen Haftanstalten auf, indem er seine Mandanten und Justizvollzugsbeamte erzählen lässt. Da ist zum Beispiel Mehmet, der in seinem Job als Vollzugsbeamter Handys für die Gefangenen reingeschmuggelt hat. „Er allein musste 50 Häftlinge unter Kontrolle halten“, sagt Benecken. Oder Sunny, 20 Jahre alt und ehemalige sogenannte Edelprostituierte aus dem Ruhrgebiet, die einen Einblick in das Leben im Frauenknast gewährt. Es kommt vor, dass Ratten aus der offenen Toilette in die Zellen klettern. Statt Duschgel gibt es an manchen Tagen nur Allzweckreiniger und neben ihr rasieren sich in der Dusche HIV-infizierte Frauen die Beine, „mitunter fließt ihr Blut in den Ablauf“, heißt es im Buch. Ihre Geschichte zeigt auch, wie es für schwangere Frauen im Gefängnis läuft – und dass es nicht üblich ist, Neugeborenen bei ihren Müttern zu lassen. „Bundesweit hält der Staat gerade mal 100 Plätze in Justizvollzugsanstalten vor, und die meisten sind ausgebucht“, sagt Benecken.

Ihm geht es nicht darum, Verständnis oder Mitgefühl beim Leser für die Häftlinge zu erwirken. Sunny etwa ist im Gefängnis, weil sie einen ihrer Stammkunden, einen 91 Jahre alten Mann, mit der Hilfe von Mittätern gefesselt, geschlagen und ausgeraubt hat. Benecken will vielmehr das Bewusstsein schärfen für die Probleme in den Gefängnissen – überfüllte Anstalten, Personalnot, zu wenig Therapieangebote, vor allem auch in den Jugendstrafanstalten. „Die meisten Menschen wollen nichts damit zu tun haben, es geht aber uns alle an, weil fast alle Strafgefangenen irgendwann wieder in unsere Gesellschaft zurückkehren“, sagt Benecken.

Claudia Hauser | Mit freundlicher Genehmigung: Rheinische Post/RP Online

 

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