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Trotz allem etwas schaffen. Jerusalema ist ein Ausdruck

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Jerusalema ist das Lied, das der südafrikanische Komponist und Produzent Master KG mit bürgerlichem Namen Kgaogelo Moagi mit der Backgroundsängerin Nomcebo Zikode aufgenommen hat. Der Videoclip zu einem Remix des Songs von Moagi feat. Burna Boy verbreitete sich online außerhalb Südafrikas. Nachdem einige junge Angolaner ein Tanzvideo dazu gedreht und online gestellt hat, begann ein Video-Boom, der das Lied weltweit bekannt macht. Die Polizei, das Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg, Franziskaner und Nonnen und jetzt auch Inhaftierte der JVA Hohenleuben in Thüringen bewegen sich auf die Musik.

Körper und Tanz werden zum kleinsten gemeinsamen Nenner einer globalisierten Gesellschaft, die sich mit demselben Problem konfrontiert sieht: einem Virus, das tötet. Einem Virus, das zwischenmenschliche Beziehungen auf ein Minimum reduziert und Weltbilder erschüttert. Der Wunsch nach Orientierung ist groß, das Bedürfnis nach Hoffnung besonders. Im Justizvollzug ist solch eine Aktion mit dem Tanz etwas, was den Alltag für kurze Zeit auf den Kopf stellt. Bedienstete und Gefangene auf Augenhöhe, verbunden mit den Schritten und der Musik. Wir sind alle betroffen. Auch vor den Mauern eines Gefängnis macht die Pandemie nicht Halt.

Jerusalema Video aus der Justizvollzugsanstalt Hohenleuben in Ostthüringen. Die JVA ist für den Vollzug von kürzeren Freiheitsstrafen an erwachsenen männlichen Gefangenen zuständig. 

Auswirkungen auf den Knast

Die ostthüringische Justizvollzugsanstalt Hohenleuben hat das Projekt umgesetzt, mit Inhaftieren ein Video zu drehen. In Thüringen sind die Inszidenzzahlen besonders hoch. Der Lockdown hinter den Mauern trifft besonders hart. Es gibt keinerlei Veranstaltungen und gemeinsame Aktionen, teils abgesagte Gottesdienste. Nach außen wird möglichst abgeschottet. Dies hat Auswirkungen auf den Besuch von Inhaftierten und das alltägliche Leben untereinander. “Jerusalema” verspricht Hoffnung – auch auf textlicher Ebene. “Jerusalem ist meine Heimat, rette mich, er ging mit mir, verlass mich hier nicht”. Was auf den ersten Blick vielleicht nach einer Passage aus der Bibel klingt, ist die deutsche Übersetzung der ersten Zeilen des Songs.

Projekt: Streitschlichtung

Geschrieben ist das Lied auf Zulu, einer der elf Amtssprachen in Südafrika. Schaut man sich den Songtext etwas genauer an fällt auf, dass dieser, genau wie der Beat, einfach und ruhig gehalten ist. Immer wieder werden die Passagen “Jerusalem ist meine Heimat”, “Rette mich” und “Verlass mich hier nicht” gesungen. Mit dem Song wird Gottes Schutz und Führung erbeten, so “Master KG”. Jerusalem als heilige Stadt der monotheistischen Religionen ist ein Symbol für die Gemeinsamkeit im Kampf gegen das Virus und Unfreiheit weltweit. Derzeit läuft in der JVA Hohenleuben ein interessantes Projekt mit dem Namen “Konsensuale Streitbeilegung”, bekannt unter den Täter-Opfer-Ausgleich. Die Wiedergutmachungsmöglichkeiten und die Neubestimmung des beschädigten Verhältnisses von Nähe und Distanz spielen Rolle. Zunächst im Vollzugsalltag angewendet gibt es Bestrebungen, diese Initiative im “Außenbereich” durch Zusammenarbeit mit Opferorganisationen und gesellschaftlichen Einrichtungen zu verwirklichen.

Die JVA Hohenleuben

Die Stadt Hohenleuben ist ein alter Justizstandort. Bereits im Mittelalter gab es hier die so genannte Pfarrgerichtsbarkeit, das heißt, Hohenleubener Pfarrer hatten zugleich die Rechtsprechung inne. Im Fürstentum Reuß jüngere Linie mit der Landeshauptstadt Gera war Hohenleuben Sitz des Amtsgerichts. Der erste Teil der heutigen Justizvollzugsanstalt wurde im Jahr 1897 als Gefangenenhaus erbaut. Im Jahr 1934 kam ein weiteres Grundstück hinzu und damit ein neues  Zellengebäude als Frauengefängnis. Nach Kriegsende bestand das  Frauengefängnis in Hohenleuben fort und hatte von 1954 bis 1967 den Status eines Jugendhauses, danach diente es als Arbeitserziehungskommando. Von 1970 bis 1977 wurde es als Jugendstrafanstalt und im Anschluss bis 1990 wiederum als Jugendhaus genutzt. Um 1980 ist ein Neubau des Hafthauses entstanden. Anfänglich waren weibliche und männliche Erwachsene sowie Jugendliche der Straf- und Untersuchungshaft untergebracht. Die JVA Hohenleuben ist für den Vollzug von kürzeren Freiheitsstrafen an erwachsenen männlichen Gefangenen zuständig. Die Hafträume werden heute meist mit 3 bis 4 Personen in der Belegung genutzt. Das Gefängnis verfügt über 345 Haftplätze im geschlossenen und 25 Haftplätze im offenen Vollzug. Infolge des Baus des Zwei-Länder-Gefängnisses in Zwickau-Marienthal wird die JVA Hohenleuben in diesem gemeinsamen Neubau mit dem Freistaat Sachsen aufgehen.

Michael King

 

Kommentar (1)

  1. King sagt:

    Wie Fokus online berichtet, fordert der Musikkonzern Warner aus Hamburg von Teilnehmern der “Jerusalema-Challenge” Lizenzgebühren für die Nutzung des Liedes. Betroffen sind Kliniken, Polizei, Feuerwehren, Ordensschwestern und alle, die die Idee des Jerusalem-Tanzes aufgriffen und ins Netz stellten. Jetzt wendet sich eine Sozialarbeiterin in einem Brandbrief an Warner und fordert den Konzern auf, das eingetriebene Geld für die Pandemie-Bekämpfung zu spenden. Bei den Forderungen geht es im Einzelfall angeblich um mehrere tausend Euro. Entsprechende Rechnungen sind an Polizeibehörden und Feuerwehren gegangen. Warner Music verteidigte sein Vorgehen gegenüber FOCUS Online: „Wenn Organisationen in Deutschland den Song nutzen, um sich selbst zu promoten, sollten sie sich unserer Meinung nach eine Synchronisationslizenz sichern.“ Lesen Sie mehr dazu bei Fokus online…

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