Michael Bleiß war viele jahre lang in der Sucht gefangen. Bis er sich auch mit Hilfe einer Kreuzbund-Gruppe daraus befreien konnte. Heute schätzt er, dass er wieder all das tun kann, was das Leben lebenswert macht: von Reisen bis Lieben. „Freiheit bedeutet für mich, alles tun und lassen zu können, was ich mir wünsche, zumindest solange es legal ist“, sagt Michael Bleiß und lacht.

Fotos: Privat
„Der Stoff beruhigte mich“
„Sich mit Freunden treffen. Mit dem Motorrad verreisen. Der Liebsten ein leckeres Essen zaubern. Oder einfach nur im Sommer auf einer Decke liegen und den Wolken beim Wandern zugucken.“ Das alles war für den 63-jährigen Berliner lange unerreichbar. Über viele Jahre war er abhängig von Alkohol und Cannabis. Seit 2006 ist er abstinent und leitet heute beim Kreuzbund der Berliner Caritas eine Sucht-Selbsthilfegruppe für junge Menschen. Aufgewachsen ist Bleiß in der Berliner Hochhaussiedlung Gropiusstadt. Schräg gegenüber wohnte die heroinabhängige Christiane F., die mit „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ berühmt wurde. Auch er selbst habe „verkehrte Freunde zur verkehrten Zeit“ gehabt, sagt Bleiß.
Er nahm zwar nie harte Drogen. Doch angefangen zu trinken hat der gelernte Gärtner, der seit vielen Jahren auf dem Friedhof Ruhleben arbeitet, früh: „Mit 14, auf Klassenfeten im Mittelstufenzentrum.“ Dann kam Cannabis dazu. Schon vor der Schule rauchte er den ersten Joint. In der Pause den nächsten. „Ick fand dit cool“, sagt er. Sogar seine schulischen Leistungen wurden zunächst besser. Wahrscheinlich, weil der Stoff ihn beruhigte. Doch aus Spaß wurde rasch Ernst. Die Sucht isolierte Bleiß immer mehr. Aus Scham traf er sich immer seltener mit Freunden, erfand ständig neue Ausreden, warum er gerade nicht aus dem Haus gehen könne. Der passionierte Harley-Davidson-Fahrer und leidenschaftliche Rockkonzertbesucher verlor jede Spontaneität. „Ich wollte nicht, dass mich jemand so sieht“, sagt Bleiß. Bald beklagten sich seine Freunde: „Wir wollen unseren alten Micha wiederhaben.“
„Bewusster und freier erlebe ich es jetzt“
Auch als Vater blieb er hinter seinen Ansprüchen zurück. Wenn er seinen beiden heute erwachsenen Söhnen bei den Schulaufgaben half, trank er das erste Bier. Zum Abendessen das zweite. Und wenn die Kinder im Bett lagen, folgten etliche weitere. Bis er zugedröhnt einschlief. Oft kamen seine Kinder und weckten ihn, weil Bleiß vergessen hatte, den Fernseher oder die viel zu laute Musik abzustellen, erinnert er sich. Seine Augen werden feucht, wenn er das erzählt. „Auch weinen konnte ich jahrelang nicht mehr“, sagt Bleiß. Weder gute noch schlechte Gefühle konnte er während der Sucht empfinden. „Alles war eingeschränkt, gedämpft.“ Heute dagegen erlebe er die Dinge wieder „bewusster, offener, freier“. Wenn er Musik hört, „geht die mir wirklich wieder in Kopf und Herz“. Zweimal verlor der Berliner den Führerschein und damit viel von seiner Bewegungsfreiheit. Nichts ging mehr: „Urlaub, verreisen oder einfach mal mit den Kindern raus an einen See fahren.“ Trotzdem bezeichnet Bleiß den Verlust heute als Glücksfall. Er war der Startschuss in die Abstinenz. Sein Hausarzt ermunterte ihn, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen. „Doch nichts passte.“ Bis Bleiß zum Kreuzbund kam.
„In guten wie in schlechten Zeiten“
„Der Gruppenleiter war auch Harley-Fahrer. Das passte sofort“, erinnert sich Bleiß. Als eine „riesige Befreiung“ erlebt er die Gruppentreffen. Er kann dort die Sachen aussprechen, die ihn bedrücken. Etwa Erlebnisse an seinem Arbeitsplatz wie die Exhumierung alter Grabstellen oder die Bergung verwester Leichen. Oder bewegende Gespräche mit Hinterbliebenen. Vor allem aber genießt Bleiß seine wiedergefundene Spontaneität. „Ich muss keine Panik mehr haben, wenn mir mitten in der Nacht das Bier ausgeht. Ich kann zu Konzerten wieder ins Umland oder ins Bundesgebiet fahren“, sagt er. Auch im Ausland war Bleiß mit seiner Harley. Einmal in Portugal an der Algarve. Zweimal hat er in Norwegen im Winter am kältesten Motorradtreffen Europas teilgenommen. Wenn ihn ein Gruppenfreund anruft und Not hat, kann er spontan helfen. Auch für seine Lebensgefährtin ist er jetzt ganz da. „In guten wie in schlechten Zeiten“, sagt Bleiß.
„Für das ´Richtige` entschieden“
Einmal im Jahr nimmt er an einem großen Drachenbootrennen in Berlin teil. Auch das wäre in seiner Suchtzeit undenkbar gewesen. Freiheit heißt für Kreuzbündler zudem, die eigenen Grenzen besser einschätzen und bewahren zu können. „Ich kann heute auch mal Nein sagen, wenn mir etwas bei der Arbeit zu viel wird. In der Zeit des Konsums hätte ich mich das nie getraut“, sagt Bleiß. Auch eine Krebsdiagnose vor ein paar Jahren warf ihn nicht komplett aus der Bahn. „Weil ich einen klaren Kopf hatte, konnte ich mich für das Richtige entscheiden“, sagt er. Hätte er damals noch getrunken, hätte er einer Radikaloperation nie zugestimmt. Genau die aber rettete sein Leben.
Andreas Kaiser | Bistumspresse





