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Glückspielsucht: Gewinn macht alleine der Automat

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Mit anderen im Vordergrund stehenden Süchten wie der Alkohol- oder Drogensucht ist eine pathologische Glückspielsucht nicht auf den ersten Blick erkennbar. Erst in den letzten Jahren sind spezielle Angebote im Vollzug entwickelt worden. Therapieplätze gibt es für die Behandlung der seit 2001 anerkannten Erkrankung sehr wenige, obwohl die Auswirkungen wie die Beschaffungskriminalität und die Verschuldung sehr groß sind. Die Arbeitsgemeinschaft „Jugendvollzug“ beider Kirchen hat das Tagungsthema im gemeinsames Arbeitsfeld des Jugendvollzuges aufgenommen: die Glückspielsucht.

Zum Auftakt konnten die TeilnehmerInnen Einblicke zur Handhabung und Funktion von Spielautomaten gewinnen. Der Leiter der technischen Koordination der ostwestfälischen Spielautomatenfirma mit der Merkur-Sonne, Sören Pinke, erklärte die technische Seite von Spielautomaten. Diese muss den staatlichen Vorgaben entsprechen. Für den Spielerschutz soll auf Gesetzgeberseite die Verordnung in naher Zukunft geändert werden. Das sogenannte Punktespiel, das in praktisch allen Geldspielautomaten in Deutschland praktiziert wird, soll aufgehoben werden. Das Spiel um Punkte ist nach Ansicht von Suchtforschern besonders gefährlich, weil die Spieler jeden Bezug zum Geld verlieren.

Probeweise stand ein Vorführ-Spielautomat für die Nutzung während der Tagung zur Verfügung. Das Interesse der Kirchenleute ließ aber bereits nach den ersten 30 Minuten merklich nach, auch wenn das eingeworfene Münzgeld wieder herausgenommen werden konnte. Die SpielerInnen machten die Erfahrung, dass sie den Spielautomaten durch noch so gut geglaubte eigene Kompetenz nicht beeinflussen können.

Es ist imposant, sich mit Spielautomaten zu beschäftigen. In Wirklichkeit steckt darin aber ein sehr hohes Suchtpotential.

Am zweiten Tag widmeten sich die SeelsorgerInnen im Evangelischen Kreiskirchenamt Herford der Thematik „Sucht“. Der Suchttherapeut, Horst Brönstrup von der Suchtberatungsstelle des Diakonisches Werkes Herford, erläuterte anhand eines Würfelspiels, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist zu gewinnen oder zu verlieren. Fazit ist: Die mathematische Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Gewinn macht alleine der Automat bzw. der Betreiber der Spielautomaten. Spielsucht zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Süchtige zum einen über die Konsequenzen des Spielens oder Wettens bewusst ist, zum anderen aber nicht in der Lage ist, das Spielen zu stoppen. Die eine Ursache gibt es wie bei anderen Suchtformen nicht. Gründe können im Umfeld, in bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen oder aber auch im erhöhten Stressaufkommen zu finden sein. Meist überschneiden sich mehrere Ursachen, so dass eine eindeutige Zuordnung oftmals nicht möglich ist.

Für das eigene seelsorgerliche Arbeitsumfeld in den Justizvollzugsanstalten war der Besuch vor Ort in der JVA Herford naheliegend. Der katholische Gefängnisseelsorger, Michael King, und der evangelische Seelsorger, Stefan Thünemann, luden die KollegInnen beider Kirchen in die Anstaltskirche ein. Neben der Begrüßung durch den Anstaltsleiter, Friedrich Waldmann, wurden andere Fachdienste der JVA zum Gespräch hinzugezogen. Drei Statements zur Diagnostik, der Behandlung und den Umgang mit Glückspielen in Haft wurden von der Sozialarbeiterin, Martina Twelenkamp, dem Suchtberater der „Therapie-Vorbereitungs-Abteilung“ (TVA) und Bediensteter des Allgemeinen Vollzugsdienstes, André Bauch, sowie dem externen Mitarbeiter der Drogenberatungsstelle (DROBS) Bielefeld, Ian Modest, dargelegt.

Widersprüche in der Behandlung während der Haft sind vorhanden. So gäbe es als Freizeitangebot Pokerspiele oder Wetten würden innerhalb der Inhaftierten abgeschlossen, um in der Mangelwirtschaft und den begrenzten Genuss-Ressourcen eines Gefängnisses zu überleben. In Kleingruppen stellten sich drei junge Inhaftierte zum Gespräch zur Verfügung. Sie berichteten von ihrer eigenen Glückspielsucht und wie sie mögliche Hilfen in Haft annehmen oder auch nicht.

Der Hersteller und Betreiber von Spielautomaten von der Firmengruppe Gauselmann hat seinen Firmensitz in Espelkamp bei Lübbecke. Dorthin fuhren die Frauen und Männer der Gefängnisseelsorge, um sich ein Bild von der Produktion durch eine Werksführung zu machen. An den Ort der Herstellung von Spielautomaten zu gehen, blieb nicht unumstritten. Würden solche Geräte nicht hergestellt, wäre auch kein Suchtpotential vorhanden. Aber diese Widersprüche gibt es auch mit anderen Suchtmitteln und Produkten unserer Gesellschaft. Der Verbraucherschutz- und Präventionsbeauftragter der Firma, David Schnabel, stellte sich den kritischen Fragen der Pastorenrunde im Tagungszentrum von Schloss Benkhausen. Als einer der größten Arbeitgeber der Region und weltweit agierendes Unternehmen versteht sich die Gauselmann Gruppe als Teil der Gesellschaft und setzt alles daran, diese zu stärken. So kam der Vorschlag von den SeelsorgerInnen, dass sich die Firma finanziell in der Bereitstellung von Therapieplätzen zur Behandlung von Glückspielsucht einsetzen könnte. Ob er umgesetzt wird ist fraglich.

Die Widersprüche zum Thema wahrzunehmen und auszuhalten ist für niemanden im Hilfesystem einfach. In der firmeneigenen Familienstiftung unterstützt Gauselmann betroffene Suchtfamilien und macht aber auf der anderen Seite satte Gewinne mit Spielautomaten, Spielhallen und den boomenden Sportwetten und dem Online Gaming. Nichts birgt so viel Suchtpotenzial und so viel Gewinnmaximierung wie das Glücksspiel.

Michael King | JVA Herford

 

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