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Suchtkranke in deutschen Gefängnissen

Externe Suchtberatung hinter den Mauern
1. November 2019

Timo Stukenberg, Deutschlandfunk | Foto: Patrice Perrin.

Drogensucht im Gefängnis gehört zum Alltag, geben auch die AnstaltsleiterInnen zu. In Deutschland gibt es jedoch keinen einheitlichen Umgang mit drogenabhängigen Inhaftierten. Nicht überall wird eine Substitutionstherapie angeboten und auch Suchtberatung fehlt. Jeder 3. Inhaftierte hat Erfahrungen mit illegalen Drogen. Florian ist 29 Jahre alt, kommt aus einem Dorf in Brandenburg und heißt eigentlich anders. Er saß vier Monate im Untersuchungsgefängnis in Berlin-Moabit, wurde wegen räuberischen Diebstahls verurteilt und in die Strafhaftanstalt in Berlin-Tegel verlegt. Dort saß er weitere neun Monate.

Drogen habe er das erste Mal genommen, da sei er 13 Jahre alt gewesen, sagt er. „Na, zu meinen besten Zeiten alleine im Monat 150 Gramm Speed. Immer druff, immer druff. Das hat sich dann so entwickelt, dass ich dann nicht schlafen gegangen bin. Ich war ja dann auch immer sieben, acht, neun Tage wach am Stück.“ Als er 25 Jahre alt war, starben seine Großeltern. Die Gedanken, den Schmerz, habe er mit Speed weggedrückt, sagt er, jeden Tag. „Nur noch Ballern im Kopf gehabt, und wenn kein Zeug da war, dann gings natürlich auch los. Musste ja Geld ran. Irgendwann hat man sich auch nicht mehr um das Amt gekümmert, ist man auch nicht hin. Und dann, dann hat man angefangen zu klauen.“ Etwas mehr als zwei Jahre kam Florian damit über die Runden. Was dann passierte, daran erinnert er sich so: Eines Tages klaut er einen Laptop in einem Elektronikmarkt. Er zieht weiter in einen Handyladen und dann nochmal in einen Elektronikmarkt, wieder mit einem elektrischen Gerät unter der Jacke. Als er den letzten Laden durch den Notausgang verlassen will, hält ihn jemand auf.

Es ist jedem selbst überlassen, ob er Drogen nimmt oder so. Und man wird ein Gefängnis auch nie drogenfrei bekommen. Ich behaupte mal, dass keine Justizvollzugsanstalt frei ist von Suchtmitteln. Man kann es vielleicht in einem geringeren Maß eindämmen. Das ist so ein Katz-und-Maus-Spiel – das die Justiz in aller Regel verliert.

Florian wehrt sich, versucht zu entkommen, attackiert einen Angestellten. Mitarbeiter, Security-Kräfte und Ladendetektive überwältigen ihn und rufen die Polizei. Er wird festgenommen, kommt erst in den Polizeigewahrsam, dann in die Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Moabit. „Ich war ein, zwei Tage da, da hat mir schon einer Koks angeboten und Speed und so, und ich habe gesagt: ‚Ne, will ich nicht. Bin jetzt erstmal raus aus die Nummer auf jeden Fall.‘“

Jeder dritte Häftling drogenabhängig

In deutschen Gefängnissen wird alles konsumiert, was es draußen auch gibt: Cannabis, Speed, Methamphetamin, Kokain, Heroin. Viele Inhaftierte nehmen, was gerade verfügbar ist. Rund jeder dritte Inhaftierte in Deutschland ist von einer oder mehreren Drogen abhängig – so wird geschätzt. Seit 2016 erstellen die Bundesländer jährlich eine Statistik zur Suchtproblematik. In Berlin waren 2018 demnach mehr als 1.000 Inhaftierte drogenabhängig, in Niedersachsen rund 1.500. Die letzten verfügbaren Zahlen aus Bayern für das Jahr 2017 sprechen von mehr als 2.600 drogenabhängigen Gefangenen. Das Dunkelfeld gilt als riesig, sagen sowohl Gefängnisdirektoren als auch Forscher übereinstimmend.

Diese Zahlen veröffentlichen die Landesregierungen nur auf Anfrage von Parlamentariern. Dabei sind sie die Grundlage, um eine wichtige Frage zu beantworten: Erfüllen die Gefängnisse ihren Sicherheitsauftrag? Denn das Gefängnis muss auch innerhalb der Mauern Sicherheit schaffen, sagt der Leiter der JVA Tegel Martin Riemer. Das gilt umso mehr, wenn man Drogenhändler und Konsumenten auf engstem Raum zusammensperrt. „Unser Auftrag ist es auch, für die Sicherheit der Gesellschaft zu sorgen, indem Menschen entlassen werden, die dann möglichst kein Risiko für die Gesellschaften darstellen. Und je besser wir das hier tun, desto geringer sind natürlich die gesellschaftlichen Folgekosten draußen, die durch neue Kriminalität, aber auch durch weiterhin bestehende Suchterkrankungen oder sonstige sozial unerwünschte Verhaltensweisen entstehen.“ Mehr lesen…

 

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