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Suchender, Fragender und Zweifelnder zugleich

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Vor einigen Wochen hat ein Gefängnisseelsorger der Justizvollzugsanstalt Brandenburg von einem jungen Mann ein Bild geschenkt bekommen. Er sitzt in dem Gefängnis, in dem der Seelsorger arbeiten darf. Der Mann hat das Bild selbst gemalt. Als Vorlage diente ihm die kleine Skulptur von Ernst Barlach. Der beschenkte Gefängnisseelsorger erzählt.

Der Gefangene hat sich eine Abbildung der kleinen Skulptur von Ernst Barlach „Das Wiedersehen“ als Vorlage genommen. Zwei Menschen begegnen sich. Der eine ist dem Augenschein nach wohl einer der sucht, der verzweifelt ist. Er scheint getrieben von seinen Sorgen, seiner Not, und sehnt sich nach Halt, nach einem, der ihn annimmt. Begegnungen mit Menschen sind das Entscheidende meiner Arbeit.

Unzufriedenheit mit sich selbst

In der JVA treffen Menschen unterschiedlichster Couleur aufeinander. Viele Menschen müssen hier in einer streng hierarchisch organisierten Zwangsgemeinschaft leben und arbeiten. Das gemeinsame Ziel, es lautet wohl: die Zeit so gut wie irgend möglich zu bestehen, sie möglichst sinnvoll zu gestalten. Ein angemessener Umgang mit Nähe und Distanz ist in meiner Arbeit unerlässlich. Viele kommen zu mir, suchen Nähe, einen, der zuhört, vorbehaltlos annimmt, der sie akzeptiert, so wie sie sind, ohne alles gut zu reden und suchen dabei manchmal sogar den Widerspruch. Der Unmut über bestehende Verhältnisse, der manchmal nachvollziehbar ist, hat seine Wurzeln oft in der Unzufriedenheit mit sich selbst. Wie oft höre ich Sätze wie: „Ich verstehe mich selbst nicht.“, „Ich bin ein Versager.“, „Ich mache mir Sorgen um meine Beziehung, um meine Familie und kann nichts tun.“. Manchmal ist es schwer, die Sorgen und Lasten mitzutragen. Aber dann ist da auch die Freude über die Offenheit, das entgegengebrachte Vertrauen, die gelebte Wertschätzung.

Zugewandt bleiben

Was im Blick auf die Lebenswelt der Gefangenen wie unter einem Brennglas deutlich wird, ist auch das Entscheidende in unserem Leben: gelungene Beziehungen; in unserem Miteinander in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft. Wir sind angefragt. Spüren wir die Not, die Ängste, die Hilflosigkeit unserer Mitmenschen? Halten wir auch die Menschen, die eine andere Meinung oder Einstellung zum Leben haben aus, ohne alles gut zu heißen oder sie zu bevormunden? Ich möchte unseren Blick noch einmal auf das Bild lenken. Der Zweite, er steht fest und aufrecht. Seine Hände greifen dem Müden unter die Arme. Er gibt ihm Halt und richtet ihn auf, bleibt zugewandt.

Wir sind in dem Bild abwechselnd der eine und der andere. Manchmal der, der sucht, der müde geworden ist, der zweifelt und ein andermal der, der annimmt und Halt gibt, der einen Weg mitgeht. Wir brauchen Begegnungen. Sie tun gut, sind heilsam. Und noch etwas scheint mir bedeutsam. Barlach stellt Jesus und Thomas in seiner Skulptur dar. Auch Barlach ist wie Thomas sein Leben lang ein Suchender, Fragender und Zweifelnder gewesen, voller Sehnsucht nach der Begegnung mit Jesus und damit mit Gott.

Christoph Pitsch | JVA Brandenburg

 

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