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Straßenkünstler: Vielfalt der Flaggen mit möglichen Konflikten

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Kürzlich in Hannover: Ein Straßenkünstler malt Flaggen verschiedener Länder auf den Boden. Passanten können auf dem Nationalsymbol ihrer Wahl etwas Münzgeld hinterlassen. In mühsamer Kleinarbeit, auf dem Platz kniend und mit der Kreide malend, entsteht das Kunstwerk. Nicht lange wird es erhalten bleiben. Der Regen spült das Bild auf breiter Fläche bald wieder weg.

„Eine gute Idee“, sagt ein Passant zum Künstler auf dem Boden. Wahrhaftig, die Farben und Bilder sehen beeindruckend aus. In jüngster Vergangenheit gab es in Köln Auseinandersetzungen zwischen einigen Türken und den Straßenkünstlern, weil die erstgenannten der Meinung waren, die Flagge der Türkei gehöre nicht auf den Boden. Geschweige denn schmutziges Geld oben drauf. „Die Russische Flagge fehlt“, sagt ein Mann erbost und zeigt auf einen leeren Kreis. Kein Problem für den Künstler. Er malt die Flagge mit Kreidefarben dazu. Die Fahnen stehen für die Vielfalt der Menschen und Nationen. Eigentlich ganz gut, diese Vielfalt zu sehen. Angesichts des Ukrainekrieges gibt es  einige Diskussionen auf der Straße. „Dieser Staat ist ein autoritärer Staat“, sagt eine Frau. Da mag sie recht haben, aber es gibt das Land nun einmal.

Flaggen seien heilig

Die Bedeutung der türkischen Flagge ist beispielsweise nicht mit anderen Flaggen zu vergleichen. Sie gilt als heilig, weil sie das inoffizielle Symbol des Islam beinhaltet und die rote Farbe das im Heiligen Krieg und Landesverteidigung verlorenes Blut der Märtyrer symbolisiert. Der Halbmond und der Stern stehen für das Glaubensbekenntnis des Islam. Sie war bzw. ist sowohl die Flagge des Osmanischen Reiches und gleichzeitig des damaligen Kalifats, als auch die der heutigen türkischen Republik. Flaggen können nicht als Mittel zum Zweck, geschweige denn zum Geld-Sammeln oder betteln genutzt werden.

Flaggen können Botschaft sein

Die Flaggen folgen einer bestimmten Heraldik. Das ist Lehre von den Wappen und ihrem Gebrauch. Die Gestaltung der Wappen, der Umgang mit diesen und gegebenenfalls die rechtlichen Regelungen unterscheiden sich nach Raum, Zeit, sozialem Milieu und teilweise nach einzelnen Institutionen. Die Regenbogenfahne zeigt eine Position. Genauso die schwarz-weiß-rote Fahne, die zwar nicht verboten ist, aber dennoch in rechtsextremen Kreisen benutzt. In den 1860er-Jahren gab es die ersten Überlegungen, die Farben Preußens Schwarz-Weiß mit den Farben Weiß-Rot der Hanse zu kombinieren. Ein nationalistischer oder gar radikaler Hintergrund existierte folglich zunächst nicht. Die Kombination wurde die Flagge des Norddeutschen Bundes und später die Flagge des Deutschen Kaiserreiches.

Ins Gespräch kommen

Im Jugendvollzug der Justizvollzugsanstalt Herford sind ebenso kleine  Fahnen in der Anstaltskirche angebracht. Ein jugendlicher Inhaftierter will die Flagge seines Landes Syrien abschneiden und mitnehmen. Wieder einem anderem fehlt die Flagge von Kurdistan. Die Flagge Kurdistans oder Ala Rengîn gilt als Nationalflagge des kurdischen Volkes und wird von diesem in allen Regionen ihres Heimatgebietes als solche anerkannt. Im Irak und in der Türkei ist diese verboten. In einem Pfadfinder-Zeltlager ist einmal die DDR-Flagge gehisst worden, was zurecht für Unverständnis und Kritik sorgte. Dies erreicht der Straßenkünstler in der Einkaufsmeile Hannovers: Dass die Passanten miteinander ins Gespräch kommen. Eines soll es aber nicht sein, dass die Leute aufgrund einer Flagge und ihrer Bedeutung aufeinander los gehen. Der Straßenkünstler malt keine verfassungsrechtlich verbotene Fahnen. „Das ist ganz klar“, sagt er und grinst in die Kamera.

Michael King

 

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