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Die Wendezeit aus der Sicht von DDR Strafgefangenen

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In einem Kurs an der Bauhaus-Universität in Weimar beschäftigen sich Studierende mit dem Transformationsprozess der Wende, der bis heute nachwirkt. Das Ziel ist es, Stimmen hörbar zu machen, die bei der Aufarbeitung der Wiedervereinigung bisher größtenteils übergangen wurden. Wie haben Gefangene die Zeit der friedlichen Revolution und der Wende erlebt? Gab es eine Aufarbeitung der politischen Ereignisse in den Gefängnissen nach der Wiedervereinigung? In einer dafür gegründeten Radio-Redaktion werden im Laufe des Semesters drei Sendungen produziert, die auf Radio Lotte, dem Bürgerradio in Weimar, ausgestrahlt werden.

Die Geschichte des Strafvollzugs in der DDR wird häufig nur aus der Sicht von politischen Gefangenen erzählt. In zahlreichen Gedenkstätten ist die ohne Zweifel wichtige Aufarbeitung der unrechtmäßigen und willkürlichen Inhaftierungen dokumentiert. Doch nur selten stehen Menschen im Fokus, die über die Wende hinaus inhaftiert waren. Ein Großteil der politischen Häftlinge konnte die Gefängnisse im Zuge mehrere Amnestien bis Ende 1989 verlassen. Doch wie haben Gefangene mit einer längeren Haftstrafe den Transformationsprozess in der Gesellschaft und die Wiedervereinigung erlebt? Und konnten sie die Aufbruchsstimmung im Land auch für eigene Forderungen und zur Verbesserung der Haftbedingungen nutzen?

Gefangene in der DDR

Als am 9. November 1989 fällt die Mauer zwischen beiden deutschen Staaten. Die Menschen strömen in die Westen. Die Grenze ist offen und die Menschen feiern. Sie haben ihre Freiheit zurück, sie  können gehen wohin sie wollen. Für die Gefangenen in den Haftanstalten in der DDR geht dies nicht. Ihre Mauer steht noch unüberwindbar. Sie machen sich Sorgen um ihre Zukunft im vereinigten Deutschland. Was der Mauerfall für sie bedeuten wird, wissen Sie nicht. Von 1970-1990 waren durchschnittlich circa 30.000 Menschen in der DDR inhaftiert. Immerhin fast 0,2 % der Gesamtbevölkerung des Landes. Ein Großteil der Gefangenen waren so genannte politische Häftlinge, die wegen Republikflucht oder der Teilnahme an Demonstrationen verurteilt worden. Viele politische Gefangene hatten die Gefängnisse bis Ende Dezember 1989 im Zuge von mehreren Amnestien verlassen. Gefangene mit einer längeren Haftstrafe erlebten die Wiedervereinigung und die Zusammenlegung des Strafvollzugs allerdings im Gefängnis.

Zeitzeuge Johannes Drews erzählt

Sie sind selten im Fokus der zeitgeschichtlichen Forschung. Es gibt nur wenig Publikationen und kaum Aussagen von Zeitzeugen. Johannes Drews gehört zu den wenigen Menschen, die auf dieses Thema aufmerksam machen. Er arbeitete in der DDR als Gefängnisseelsorger in der Strafvollzugsanstalt Brandenburg an der Havel. Dort hat er die gesamte Wende Zeit mit allen Unruhen und Veränderungen erlebt. Zunächst nur als Pfarrer in der Gemeinde der Kleinstadt Premnitz in Brandenburg tätig, übernimmt er 1988 den Posten des Gefängnisseelsorgers in einer der größten Haftanstalt in der DDR. Vor seinem Antritt als Seelsorger wird er von Stasi durchleuchtet. Seine Arbeit in der Strafvollzugsanstalt ist stark reglementiert und eingeschränkt. „Eigentlich war das gar keine Seelsorge“, sagt Drews. „Sondern es war nur, dass ich alle 4 Wochen Gottedsienst halten durfte. Ich sollte keinen Kontakt zu den Gefangenen halten. Mehr und mehr habe ich die Vorgaben durchbrochen. Ich habe den Gefangenen die Hand gegeben und ihren Namen sagen lassen. Die bewaffneten Polzisten haben das mit Argwohn beobachtet und kritisiert“, erzählt Drews im Interview.

Valentin Dudeck

 

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