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Junge Belgierin sucht nach Spuren Ihres Uropas

Man soll nicht in alten Geschichten  „herumrühren“, sagen einige. Linte rührt nicht herum. Die junge Belgierin will einfach nur wissen, was mit dem Vater ihrer Oma passiert ist. Sie will es bald ihrer 87-jährigen Großmutter erzählen. Ihr hat sie versprochen herauszufinden, wo und wie der Vater der damals Zehnjährigen auf der Odyssee durch Strafeinrichtungen des Deutschen Reiches sein Leben verloren hat.

 

Die Großmutter der jungen Belgierin Linte war 10 Jahre alt, als ihr Vater, Lintes Urgroßvater, in die Gefängnisse und Konzentrationslager des Reiches geriet und nie mehr zurückkehrte. Das Mädchen kam in ein Waisenhaus. Ihr ältester Bruder meldete sich als Freiwilliger in Deutschland, um der drohenden Zwangsarbeit zu entgehen. Er überlebte, wurde aber später nicht zu den politischen Opfern gezählt. Für alle 10 Kinder des deportierten Firmin-Florin de Riemaecker war dessen Verhaftung wegen antideutscher, kommunistischer Propaganda die größte Katastrophe ihres Lebens.

Hier hat er gesessen.“, sagt Urenkelin Linte sichtlich erschüttert. Sie besucht den ersten Haftort des Urgroßvaters in Deutschland, das damalige Strafgefängnis, die heutige JVA Bochum. Sie steht an der Außenmauer der „Krümmede“. In ihrem Gesicht spiegelt sich etwas von dem Schrecken, der Trauer, der Bitterkeit ihrer Großeltern, die mit dem Tod des Vaters und Ernährers leben mussten. Linte schrieb einen Brief an die Stadt. In anderen Fällen landete ähnliche Post bei der VVN/BdA. Über das Stadtarchiv erreicht die Anfrage der Belgierin auch mich.

In den Sterbebüchern des Archivs ist der Name des Urgroßvaters nicht zu finden. Gefangenenakten gibt es keine. Am Ende hilft der Internationale Suchdienst aus Bad Arolsen. Der Maurer Firmin-Florin de Riemaecker, geboren am 10.5.1901 in Nukerke, saß vom 26.9.1942 bis zum 21.5.1943 im Gefängnis Bochum ein. Dann wurde er ins Camp VII der Esterwegener „Moorlager“ verbracht, von dort im März 1944 ins Zuchthaus Groß Strehlitz und ins Außenlager Blechhammer. Hier verliert sich seine Spur für immer. Verfolgt man die Wege seiner Mitgefangenen, dann könnte Firmin-Florent ins KZ Groß-Rosen verbracht worden und bei den Hungermärschen gegen Kriegsende verstorben sein.

Linte will all diese Strafeinrichtungen in Deutschland und Polen besuchen. Vor der Bochumer Anstalt kann ihr berichtet werden von schweren alliierten Luftangriffen auf die benachbarten Stahlwerke und auch von brennenden Gefängnisdächern im Mai 1943. Das war der Hauptgrund seiner Weiterverlegung. Der erste große Transport heraus aus dem beschädigten Gefängnis Bochum ging für 250 Inhaftierte für einen Tag nach Essen. Firmin-Florent mit der Haftnummer 243/43 war dabei.

Es ist nicht sicher, aber gut möglich, dass der Transport über den Rheinischen Bahnhof Bochum-Nord verlief. Linte spricht mit den Bediensteten des Rangierwerkes. Sie zeigen der Belgierin alte Postkarten des damaligen Personen- und Güterbahnhofs. Am Abend des Tages fährt Linte weiter nach Esterwegen. Sie hofft, im damaligen –Strafgefangenenlager den Namen des Urgroßvaters in Listen zu finden und einiges über die Haftumstände zu erfahren. Der weitere Weg wird sie nach Polen führen zu den letzten Schicksalsorten des Urgroßvaters.

Alfons Zimmer

 

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