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Spiegelung im Gefängnisfenster der JVA Bochum

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In einem Kapellenfenster des Strafgefängnisses Bochum spiegelt sich bei günstigem Sonnenstand die Chorraum-Rosette mit dem Motiv des himmlischen Jerusalems. Für unser angeschlagenes und gefangenes Ich mit mancher Schuld, vielen zerbrochenen Träumen, falschen Hoffnungen gibt es kaum ein passenderes Symbol als das Gefängnisgitter. Nicht aufdringlich, aber unübersehbar deutlich jedoch weist das gespiegelte bunte Altarraumfenster hin auf die Verankerung unseres Ichs im Himmel. Lebensbetrachtung eines JVA-Seelsorgers.

Welche Zeitspanne umfasst das Menschenleben? Von der Zeugung bis zum natürlichen Tod, sagen viele. Manche setzen den Beginn erst mehrere Wochen nach Zeugung an. Paulus denkt revolutionär. Er legt den Beginn unserer Existenz hinein in die vorzeitliche Ewigkeit. Und ihr Ende verankert er in der nachzeitlichen Ewigkeit. Predigerinnen und Prediger sind erpicht auf lebenspraktische Anwendungsmöglichkeiten. Die Texte des Paulus sind darum bei vielen unbeliebt. Der Völkerapostel ist ihnen zu theologisch, nicht erdgebunden genug. Und er behauptet Außergewöhnliches. Aber gerade deswegen kann er aufrütteln und unsere Denkgewohnheiten sprengen. Im Epheserbrief sagt er: „In ihm, Christus, hat Gott uns erwählt vor der Erschaffung der Welt“ (Eph 1,4). Und er fährt fort: „Durch ihn, Christus, sind wir als Erben eingesetzt“ (Eph 1,11). Im Kapitel zwei steigert er sich noch: „Gott hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben“ (Eph 2,6). Wie selten hört man, dass unsere Auferstehung schon hinter uns liegt? Auch an die Taufe ist hier zu denken.

Fragmente und Brüche

Welche Sprengkraft und Hoffnung in diesen Paulusworten liegen, kann man am besten dann ermessen, wenn man einmal nüchtern von seinen Erfahrungen ausgeht. Wenn man das eigene kleine Leben mit seinen Brüchen und Fragmenten ehrlich und ungeschminkt betrachtet. Was habe ich geschafft? Was verpasst und verbockt? Wo habe ich mich was getraut, wo nicht? Aus welcher Motivation heraus habe ich das ein oder andere Gute getan? Wo habe ich schwere Fehler begangen, wo nach dem Schuldbekenntnis das Gute unterlassen? Wieviel Sinnvolles war dabei, wieviel Sinnloses? Wie oft ging es mir um Ablenkungen? Um das Gefallen vor den Leuten? Wieviel Unterdurchschnittliches war dabei? Wieviel echte Liebe? Wieviel verratene Liebe? Wie viele Zwänge gab es? Wieviel frei Gestaltetes? Wie viele Sackgassen und Umwege? Wieviel Schöngeredetes? Wieviel Vertrödeltes? Auch die Glücksmomente sollen nicht unterschlagen werden. Aber wer wird – auf die ganze Lebenssumme ehrlich blickend – sagen: Toll! Das hat Bestand in sich selber. Das alles zwischen Geburt und Jetztzeit und zu erwartendem Tod, das hat alles Sinn in sich selber.

Wer dies dennoch glaubt, erliegt wahrscheinlich in günstigem Betrachtungsmoment einer Selbsttäuschung. Oder er ist als Christ schon unbewusst infiziert vom Glauben an ein Menschenbild, das in Gottes Vaterliebe verankert ist und in der des ewigen Sohnes Christus, „der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Damit sind wir wieder bei Paulus vom Anfang. Der sieht Leib und Seele des Christenmenschen, sein Ich, seine Identität verankert in Gottes Ewigkeit vor Erschaffung der Welt und nach Ende der Welt. Dieser Anker wird von keinem Sturm mehr weggerissen. In noch größerer Weise, als das Kind im Blick der Mutter und der Geliebte im Blick der Geliebten sich findet, sich sicher weiß, darf dies der Christenmensch im Blick, in der Liebe des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gespiegelte Verheißung

Ohne den Glauben an diese Liebe zerfallen die Fragmente unseres Lebens in einen unförmigen Trümmerhaufen ähnlich dem der Dresdner Frauenkirche nach dem Weltkrieg. Der Märtyrerbischof Ignatius von Antiochien (+ 108 n. Chr.) betont, zugehend auf das Martyrium in Rom, in seinen Briefen, dass unsere Zukunft beim Herrn liegt. Das Geborenwerden stehe ihm noch bevor. „Nach dem Blutzeugnis beim Herrn angekommen, werde ich Mensch sein“ (Röm 6,1-2). Bis dahin hält sich der Bischof für einen unvollendeten Niemand, der in seinen Fesseln erst langsam zum Jünger und zum Jemand wird (Eph 3,1). In einem Kapellenfenster des Strafgefängnisses Bochum spiegelt sich bei günstigem Sonnenstand die Chorraum-Rosette mit dem Motiv des himmlischen Jerusalems. Für unser angeschlagenes und gefangenes Ich mit mancher Schuld, vielen zerbrochenen Träumen, falschen Hoffnungen gibt es kaum ein passenderes Symbol als das Gefängnisgitter. Nicht aufdringlich, aber doch unübersehbar deutlich weist das gespiegelte bunte Altarraumfenster hin auf die Verankerung unseres Ichs im Himmel. Unser kleines Menschenleben, das in Fragmente auseinanderzubrechen droht, ist festgemacht in Christi Liebe vor aller Zeit, jetzt und in Ewigkeit. Nur dort ist es sicher und aufgehoben.

Alfons Zimmer | JVA Bochum

 

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