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Corona Präventionsparadox macht es schwer abzuwägen

26. November 2020

Mitten in der zweiten Corona-Welle und mit den Erfahrungen der vergangenen Monate appelliert Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck aus Essen, Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, an Gesellschaft, Politik und Kirche, auf die Hoffnung zu setzen. Die Corona-Pandemie macht die Fragilität und Verwundbarkeit der menschlichen Existenz deutlich.  Zu den zentralen Beobachtungen der derzeitigen Krise gehören die Sozial- und Sozialstaatsbedürftigkeit des Menschen und das Comeback des Staates, das Erstarken der wissenschaftlichen Politikberatung und einer faktenbasierten Bewertung von Vorgängen sowie nicht zuletzt ein großes neues Interesse an ethischen Fragen.

„Wir müssen lernen, mit Corona zu leben.“ Spätestens seit Anfang November 2020 hat dieser Satz wieder eine bedrückende Aktualität gewonnen. Was sind die Erfahrungen aus einem halben Jahr „mit Corona“? Welche Lehren deuten sich an, um Eckpfeiler einer neuen Normalität mit Corona für die nächsten Monate und vielleicht Jahre einzuschlagen? Politisch geht es vorrangig darum, die Infektionszahlen niedrig zu halten und Leben zu retten. Damit verbunden sind Einschnitte in unsere Lebensführung, die eine gerechte Verteilung von Lasten und eine angemessene Gestaltung von Hilfen erfordern. Welcher Grundprinzipien bedarf aber ein Handeln unter der Prämisse, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt? Welchen Sinn hat die menschliche Existenz, deren Fragilität und Verwundbarkeit durch Corona so jäh in unser Bewusstsein gezerrt werden?

Hoffnungslichter aus der Gefängniskirche der JVA Offenburg.

Die Würde des Menschen in Freiheit

Die Coronakrise steht als Ausdruck für eine fundamentale Umbruchsituation unserer Welt. Schon der erste Lockdown im Frühjahr 2020 löste drängende Fragen aus: Isolation oder doch besser Herdenimmunität? Wie gefährlich ist das Virus? Nun zeigt sich immer deutlicher, wie tiefgreifend die Pandemie unsere Welt erschüttert. Das unfassbare Leid und die dadurch hervorgerufene Ausnahmesituation ganzer Staaten werden erschreckend konkret in der nicht mehr beherrschbar scheinenden Situation auf den Intensivstationen und in der großen Zahl der Toten. In den Medien haben wir Militärfahrzeuge gesehen, die die Leichen abtransportierten, und wir haben die Verzweiflung von Menschen gespürt, die ihre sterbenden Angehörigen nicht begleiten und sich nicht von ihnen verabschieden konnten. Wir denken an die vielen Kranken und deren Angehörige, nicht nur in unserem Land, sondern auf der ganzen Welt. All dies führt, je näher es an uns herankommt, zu einer großen Verunsicherung. Die konkreten Erfahrungen der ersten Phase in Deutschland waren dann geprägt vom rechtzeitigen, erfolgreichen Einsatz zahlreicher Präventionsmaßnahmen – die Zahlen in Deutschland verweisen darauf, dass das Ziel „Flatten the curve“ im Frühjahr 2020 vergleichsweise gut erreicht wurde. Zugleich aber wurde gerade hier bedrückend deutlich, dass der Virologe Christian Drosten recht hatte, als er sagte: „There is no glory in prevention“. Das Präventionsparadox macht es für viele schwer, die Beschränkungen zu akzeptieren und mitzutragen.

Die Ungewissheit ist zum charakteristischen Kennzeichen der Gesellschaft im Jahr 2020 geworden. Fehlende Planbarkeit, Überlastung, Zukunftsängste und Isolation belasten die Menschen. Einsamkeit und das konkrete Leid im Falle eines dramatischen Infektionsverlaufs führen uns die ganze Fragilität unserer individuellen und gesellschaftlichen Existenz vor Augen. Fortschritt, Wachstum und Erfolg als Kriterien, die bis dahin weithin die Weltsicht bestimmt hatten, sind der Erfahrung der Verletzlichkeit gewichen. Wir lernen neu, welche Gruppen in besonderer Weise unserer Sorge und Verantwortung anvertraut sind. Waren das im Umfeld des ersten Lockdowns noch zuvorderst die Alten und Kranken, die besonders unter den Folgen dieser rigiden Maßnahmen zu leiden hatten, so sind es jetzt auch zunehmend jene Gruppen, für die die notwendigen Entscheidungen im ökonomischen Sinne zu existentieller Not führen können, etwa die Künstler und Kulturschaffenden.

Für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft als Ganze und all ihre Akteure stellt die Pandemie eine große Herausforderung an die Wahrnehmung und Entfaltung der individuellen Freiheit dar. Gerade in unserer stark ausgeprägten Kultur der Freiheit müssen wir alle neu lernen, was es bedeutet, die eigene Freiheit einzuschränken bzw. einschränken zu lassen. Auch als Kirche tun wir uns schwer mit dieser Situation. Wie für die ganze Gesellschaft ist sie für uns völlig neu. Wir sehen und spüren die Not der Menschen, sind aber oft unsicher, wie wir konkret helfen sollen.  Klar ist, dass der bisherige Modus der Verkündigung derzeit nur noch schwer trägt. Die Kirche muss, aktueller denn je, eine lernende und zuhörende Kirche sein, die das Suchen nach den Spuren Gottes in dieser Zeit und Wirklichkeit in neuer Weise begleitet. Sie muss für ihre Botschaft von dem Gott, der in seiner Menschwerdung selbst die Gestalt eines hilflosen und schwachen Menschen angenommen hat, eine aktuelle Sprache finden, damit sie die Menschen erreicht und tröstet.

Comeback des Staates

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie verstören die Menschen außerordentlich. Wenn das gesellschaftliche Leben zum Erliegen kommt, hat dies dramatische Auswirkungen auf die individuelle Psyche und weitreichende Folgen für das Zusammenleben und den Zusammenhalt in unserem Land. Diese Problemlagen verdeutlichen die Sozial- und Sozialstaatsbedürftigkeit unserer Gesellschaft. In der Pandemie zeigt sich aber auch, wie kompetent und konzentriert unsere Gesellschaft eigene Wege findet, mit der Krise umzugehen. In einer bis dato beispiellosen Ausnahmesituation wurde der soziale Frieden im Großen und Ganzen bewahrt. Das ist eine große Leistung. Die Krisenbewältigungskompetenz und eine kreative Anpassungsfähigkeit zeigen sich in der Politik im Kleinen daran, dass etwa der Deutsche Bundestag Ende März seine Geschäftsordnung geändert hat, um in Zeiten der Pandemie beschlussfähig zu bleiben, im Großen an der Überschreitung bisheriger Tabus, wie die gemeinsame Schuldenaufnahme zur Finanzierung des Europäischen Aufbauplans „Next Generation EU“.

Zugleich beobachten wir ein der Krise geschuldetes Comeback des Staates, das sich in einer breiten Zustimmung zur notwendigen Handlungsfähigkeit der Regierung äußert. Wenngleich Kritik an einem „Flickenteppich“ von Detailregelungen der Länder in mancher Hinsicht berechtigt ist, funktionieren sowohl der Föderalismus als auch unser Gesundheitssystem insgesamt gut – das gilt erst recht im internationalen Vergleich. Mit einer starken Orientierung der Politik an aktuellen Forschungsergebnissen ist im öffentlichen Diskurs ein Erstarken der wissenschaftlichen Politikberatung und faktenbasierten Bewertung von Vorgängen zu beobachten, das sich auch auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit erstreckt. Selbst wenn sich Teile der Bevölkerung der Verantwortung für ihre Mitmenschen verweigern, sich aus einem falsch verstandenen Freiheitsverständnis heraus an

Gesundheitsschutzmaßnahmen abarbeiten und verschwörungsideologischen Ansätzen glauben, ist das Gesamtbild ein Hoffnungsvolles. Nicht zuletzt beobachten wir ein neues großes Interesse an ethischen Fragen, das besonders in der Problematik medizinischer Triage-Entscheidungen sichtbar wird. Darüber hinaus spielen die ethischen Aspekte der Abwägung wirtschaftlicher und gesundheitlicher Interessen, der Verteilung von Impfstoffen oder der Ausstattung der Corona-Tracing-App im öffentlichen und im politischen Diskurs eine bedeutende Rolle. Ethisch betrachtet geht es vor allem um die Solidarität, wie sie in der Tradition der katholischen Soziallehre neben den Prinzipien der Personalität, der Subsidiarität und des Gemeinwohls formuliert ist. In seiner jüngsten Sozialenzyklika Fratelli tutti erinnert uns Papst Franziskus an unser gesellschaftliches Zusammenleben als geschwisterlich verbundene Personen. In der Pandemie zeigt sich diese Geschwisterlichkeit aller Menschen besonders deutlich: Auf der ganzen Erde sind Menschen betroffen, alle Gesellschaften ringen mit denselben Problemen.

Menschen brauchen eine Perspektive

In Zeiten räumlicher Distanz muss die Gesellschaft zusammenrücken. Zielgenau sollten Menschen und Branchen unterstützt werden, denen die Krise ihre Berufstätigkeit zeitweise unmöglich macht. Gerade auf dem Arbeitsmarkt dürfen die Menschen nicht gegeneinander ausgespielt werden: Maßnahmen wie Kurzarbeit oder Finanzierungshilfen sollen Unternehmen in ihrer Verantwortung für Arbeitnehmende unterstützen. Es ist aber eine Frage der Gerechtigkeit, keine Lasten zu verschieben, die nicht verschoben werden sollten. Mit Blick auf die Generationengerechtigkeit ist auf eine tragfähige Finanzierung von Hilfen zu achten. In der Rückschau ist es einfach, Entscheidungen während des ersten Lockdowns vom März 2020 als übertrieben oder unnötig zu bewerten. Mit dem Wissen von damals war das rigide Vorgehen richtig – genauso, wie es jetzt auch wieder richtig ist.

Die Erfahrung zeigt jedoch, dass ein reines „Fahren auf Sicht“ nicht ausreicht. Die Menschen brauchen eine Perspektive, die anhand transparenter Kriterien entwickelt wird. Der Staat hat die Aufgabe, als Garant der verantwortlichen Freiheit des Einzelnen zu agieren und immer wieder abzuwägen zwischen eben dieser Freiheit und der Sorge um das Gemeinwohl. Das oben benannte Comeback des Staates darf nicht zu einer langfristigen Verschiebung der Gewaltenteilung führen. Selbst wenn die Krise zuweilen als die „Stunde der Exekutive“ bezeichnet wird, muss sich unsere Gesellschaft auf den demokratischen Aushandlungsprozess verlassen können. Es ist ausdrücklich zu begrüßen, dass führende Verantwortliche der Politik sowohl einen klugen und verantworteten Umgang mit der individuellen Freiheit als auch unser Engagement für das Gemeinwohl fordern und dabei eine vorrangige Option für die Schwachen der Gesellschaft als handlungsleitend betrachten.

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