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Ein Sommerfest hinter den Mauern

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Wie jedes Jahr öffnen sich in der Justizvollzugsanstalt Herford in Ostwestfalen Anfang September die großen Tore der Innenhöfe. Damit wird der „Freiraum“ für das Sommerfest eröffnet. Von den ca. 260 Inhaftierten nehmen 140 Gefangene daran teil. Dazu kommen die Fußballmannschaften von fünf weiteren JVA´en und ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Eine Art Stadtfest mit Bratwurst- und Dönerstand, mit Fußballturnier und Musik.

Die Vorbereitungen für solch ein Sommerfest hinter Mauern sind enorm. Neben der Organisation der Essensstände müssen die Essenmarken für die Gefangenen sortiert und abgebucht werden. Nicole Sonnenbaum vom erziehungswissenschaftlichen Dienst der Anstalt lächelt routiniert. “Es ist für die Gefangenen ein Highlight”, sagt sie und gibt ihren KollegInnen in Uniform und der Fachdienste Instruktionen, wie alles abzulaufen hat. “Hauptsache am Ende stimmt der Bestand der Gefangenen.” Tatsächlich sind beim Sommerfest freiwillig über 25 Bedienstete mehr im Einsatz. Von den Seelsorgern über die Pädagoginnen und Sozialarbeiterinnen bis hin zum Anstaltsleiter.

Der oft vergebliche Kampf mit dem wilden Rodeostier sorgt für manche Lacher.

Neben der leiblichen Versorgung mit Pommes, Bratwurst und Döner werden Fußballturniere auf dem Hartplatz durchgeführt. Mannschaften aus der Jugendanstalt Hameln, den JVA´en Wuppertal-Ronsdorf, Hövelhof, Bielefeld-Brackwede und Iserlohn reisen in dafür vorgesehene Gefangenen-Bullys an. “Von der Sicherheit her können wir sagen, dass noch nie etwas gravierendes beim Sommerfest passiert ist”, so der Anstaltsleiter Friedrich Waldmann. “Die Inhaftierten wissen, dass wenn es so sein sollte, das Sommerfest ersatzlos gestrichen wird.” Junge Männer mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Geschichten an einem Ort birgt die Gefahr von Auseinandersetzungen mit sich. Resozialisierung bedeutet aber, sich den normalen Gegebenheiten “draußen” so weit wie möglich anzupassen. Irgendwo muss es dafür, neben den anderen Ausbildungs- und Behandlungsmassnahmen, soziale Lernorte geben.

Die Gefangenen machen einen gelösten Eindruck. Sie schlendern von Hof zu Hof und formieren sich in kleinen Gruppen zusammen. An Attraktionen gibt es Torschiessen und ganz besonders: Eine Bullriding-Arena. Die aufblasbaren Fallkissen (wie bei einer Hüpfburg) fangen die mutigen Reiter bei einem Sturz sanft auf. Das spektakuläre Bullriding ist ein Publikumsmagnet. Bei dem Versuch, sich so lange wie möglich im Sattel des mechanischen Bullen zu halten, haben nicht nur die Gefangenen, sondern auch die Bediensteten Spaß. Der oft vergebliche Kampf mit dem wilden Rodeostier sorgt für manche Lacher.

“Ich fühle mich fast so, als wäre ich nicht mehr hinter der Mauer,” sagt Tim (Name geändert). Er holt sich mit seiner letzten Wertmarke eine Cola. “Die haben ich sonst nicht, hier im Knast”, grinst er. Es ist für ihn schon das zweite Sommerfest im Jugendvollzug. Drei Jahre Jugendstrafe aufgrund einer Körperverletzung und Schwarzfahren. „Ich war jung und dumm“, sagt der 17 jährige. „Nächstes Jahr werde ich entlassen und feiere dann anders.“

Ein professioneller DJ hat seine Anlage auf dem Werkhof aufgebaut. Dieser legt bereits das vierte Jahr in Folge Musik hier auf. Die Boxen geben was her – sie beschallen das Gelände auch über die Mauern. So mancher der Jugendlichen tritt an den DJ heran und äußert Wünsche, was man gerne hören möchte. Doch nicht alle Wünsche werden erfüllt. Es soll kein gewaltverherrlichender Rap gespielt werden. Einer der Gefangenen beginnt zur Musik zu tanzen. Andere wippen zum Rhythmus mit.

Sahin Yalmanci, der muslimische Betreuer, im Gespräch mit Fussballspielern beim Sommerfest.

Drei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen sitzen auf der Bank direkt bei der Musik. “Es ist laut hier, aber das macht mir nichts aus”, sagt Maria Aufderhardt, die seit Jahren Jugendliche im Besucherbereich besucht, die sonst keinen Besuch bekommen. Dazu gesellt sich Sahin Yalmanci, ein muslimischer Betreuer des deutsch-türkischen Kulturvereins in Herford. Er ist erst vor kurzem für sein Engagement vom Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, ausgezeichnet worden. Von der muslimischen Gemeinde wird das Fest mit Lahmacun bereichert. Dies ist ein Fladenbrot aus Hefeteig, das vor dem Backen dünn mit einer würzigen Mischung aus Hackfleisch, Zwiebeln und Tomaten bestrichen wird.

Noch ein Ritt, noch schnell ein Eis holen und dann zur Siegerehrung auf den Fußballplatz. Dieses Jahr hat die Hausarbeiter-Mannschaft gewonnen. Ein Sommerfest geht damit langsam zu Ende. Fast wie “draußen”, nur dass die Teilnehmer nichts mit in ihre Hafträume nehmen dürfen. Schnell werden die Pommes noch verdrückt. Einer, der am Haftraumfenster drinnen sitzt, ruft heraus, man solle ihm doch etwas vorbeibringen. Doch so einfach ist das nicht. “Es hat Spaß gemacht und ich bin froh, dass ich einige Stunden vom Haftraum runter war”, sagt Tim und geht durch die Tür. Er hat erlebt, dass es im Justizvollzug menschlich zugeht und neben all den dunklen Stunden solche Momente wie die des Sommerfestes geben kann.

Michael King | JVA Herford

 

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