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Knast-Soligruppe mit ungewohnter Aktion

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Von Lea Lang | Göttinger Tagblatt.

Das neu gegründete Bündnis „Göttinger Knast-Soligruppe“ möchte Kontakt zu Häftlingen aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rosdorf herstellen und sehen, wo sie helfen kann. Als erste Aktion rief die Gruppe dazu auf, sich mit Fahrrädern zu treffen und gemeinsam an die JVA Rosdorf zu fahren. Mit ausreichend Abstand wurden auf dem Feld vor der Mauer Lautsprecher aufgestellt, Banner gespannt und Silvesterfeuerwerk vorbereitet. Mit Musik und ersten Grüßen an die Inhaftierten machten die Demonstranten auf sich aufmerksam.

Einige Fenster öffneten sich und Inhaftierte riefen über die Mauern zurück. Rufe aus den Fenstern „Freiheit“ oder laute „Hallo“-Rufe konnten die Demonstranten vernehmen, die herzlich grüßten und dann ihre Kritikpunkte am Justizvollzug schilderten: Nicht nur Gefährdung für Leib und Leben werde mit Haftstrafen belegt, einige Strafgefangene säßen nur ihre Geldstrafen ab, da es keinen anderen Weg gebe. „Die Gefangenen werden nicht nur ihrer Freiheit beraubt, sondern auch von Familien und Freunden getrennt“, sagte ein Redner bei der ersten Kundgebung. Die teuren Telefonate in Haft, die in Göttingen über den Anbieter Telio laufen, wurden genauso kritisiert wie die Arbeit in Haft, die Gefangene für sehr wenig Lohn verrichten müssen.

Kontakt zu Inhaftierten

Die „Silvester zum Knast“-Demonstration sollte keine Kundgebung mit festgesetzten Forderungen darstellen, so die Veranstalter. Die vorherrschenden Probleme in Haft wollen sie erst ermitteln. Dafür gaben sie wiederholt ihre Postadresse durch, an die Strafgefangene Briefe schicken können mit Einblicken in ihr Leben in Haft oder Bitten um Hilfe von außen. „Wir haben schon mit einer Person in Haft Kontakt, hoffen aber, dass das mehr werden“, sagt Corinna Sanders, Mitglied der „Knast-Soligruppe“. „Das Wichtigste ist der Kontakt. Erst dann können wir sehen, ob und wie wir helfen können“, ergänzt Michael Kensy.

Für die Expertise Georg Huß eingeladen

Der Ex-Strafgefangene ist für die „Gefangenen-Gewerkschaft“ (GG/BO) unterwegs, genauer für die Soligruppe aus München. „Staatlich anerkannt werden wir nicht, aber das Netzwerk wird mit jeder Soligruppe größer“, sagt Huß. Er selbst saß mehrere Jahre in Gefängnissen und schrieb um Hilfe. „Keine Organisation ist für Gefangene verantwortlich. Ich habe bei Amnesty International angefangen und mich dann durch alle Organisationen und Ansprechpartner geschrieben.“ Auf die Frage, ob er als Strafgefangener in der JVA Rosdorf an die Gruppe geschrieben hätte, sagt er bestimmt: „Auf jeden Fall. Ich kann nicht für alle Insassen sprechen, aber Kontakt nach draußen ist das allerwichtigste.“

Neue Blog-Seite eingerichtet

Seit Juni 2019 gibt es den neuen Blog „Knast-Soligruppe Göttingen“. Unter der Rubrik „Nach draußen!“ berichten Gefangene der JVA-Rosdorf aus ihrem Alltag. Daneben hat die Knast-Soligruppe verschiedenes informatives und kritisches Material zur Situation in Gefängnissen zusammengestellt und dokumentiert auf der Seite auch die Aktivitäten der Gruppe. Neben einer grundsätzlichen Kritik am Gefängnissystem ist es der Knast-Soligruppe ein Anliegen, die Gefangenen konkret zu unterstützen, da wo es möglich ist. Michaela Kensy: „Es gibt immer wieder Gefangene, die sich für ihre Rechte einsetzen oder sich gegen Ausbeutung und Schikanen im Gefängnis wehren. Da wollen wir unterstützen, denn solidarisches Leben muss an der Knastmauer nicht aufhören.“

Foto: Knast-Soligruppe Göttingen