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Seit 23 Jahren ein offenes Ohr für Strafgefangene

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Eigentlich hatte er „nicht vorgehabt, so lange zu bleiben“. Aber manchmal kommt es im Leben eben anders als geplant, und so arbeitet Hubertus Mayer bereits seit fast 23 Jahren als katholischer Seelsorger in der Justizvollzuganstalt Heilbronn. Zuvor hat der 59-Jährige in der Fachschule für Sozialpädagogik in Ludwigsburg Religion unterrichtet. Und dort auch seinen Vorgänger kennengelernt, der ihm von seiner Arbeit in der Justizvollzugsanstalt erzählte. „Gefängnis war für mich eine ferne, fremde Welt. Ich konnte mir wenig darunter vorstellen.“ Zwei Jahrzehnte später ist das natürlich anders: „Mein Herz hängt an dieser Arbeit. Ich merke, wie gerne ich hier bin.“

Bevor Hubertus Mayer katholischer Seelsorger in der Heilbronner Justizvollzugsanstalt wurde, hat der 59-Jährige in der Fachschule für Sozialpädagogik in Ludwigsburg Religion unterrichtet. Foto: Mario Berger

Mayer und sein Kollege, der evangelische Gefängnisseelsorger Jochen Stiefel, haben einen abwechslungsreichen Arbeitsalltag: So führen sie unter anderem seelsorgerliche Gespräche mit Strafgefangenen oder Bediensteten, sind mit Angehörigen in Kontakt und organisieren Gottesdienste. Sucht ein Inhaftierter das Gespräch mit Hubertus Mayer, muss dieser in der Regel erst einen Antragszettel ausfüllen. Manchmal geht der Seelsorger aber auch direkt auf einen Strafgefangenen zu, zum Beispiel, wenn dieser frisch ins Gefängnis gekommen ist. Das Gespräch findet im Normalfall in Mayers Büro statt. „Dann können wir ungestört reden.“ Es brennt eine Kerze, Pflanzen schmücken den Raum, und es gibt Kaffee. „Die Gefangenen genießen das, mal raus aus ihrer Zelle zukommen“, weiß der Seelsorger.

Neben allen Bemühungen um eine entspannte Atmosphäre kommt natürlich auch die Sicherheit nicht zu kurz und so trägt Hubertus Mayer, wie jeder andere Bedienstete der JVA auch, ein Personennotrufgerät bei sich. Den Alarm auslösen während eines Gesprächs musste der 59-Jährige noch nie, wie er sagt. In seinem Job sei es wichtig, klar aufzutreten, zu fragen, was sich der Inhaftierte von dem Gespräch erhofft und keine falschen Erwartungen zu wecken: „Ich entscheide nicht über Ausgänge oder eine frühere Entlassung“, nennt Mayer zwei Beispiele. Manch einer sei sauer, wenn man Grenzen setzt oder versucht, Briefmarken „zu schnorren“ oder ein Telefonat auf Kosten des Hauses abzuringen. Die meisten aber suchen das Gespräch mitihm, weil sie ein Anliegen haben. Die Verbindung zur Familie, Schuldgefühle oder Zukunftsängste, wie es nach dem Gefängnis weitergeht, sind oft Thema, erklärt der Seelsorger. Vor allem in der U-Haft, wenn noch kein Urteil gesprochen ist oder aber kurz vor der Freilassung.

Gespräche mit Inhaftierten sind keine Einbahnstraße, betont Mayer. Wenn er ihnen mit Wohlwollen begegnet, ganz ohne Vorwürfe, sie einfach fragt, wie es ihnen geht, öffnen sie sich im Normalfall oder sind dankbar. „Das macht vieles an Belastung wieder wett und bestätigt mir, dass ich am richtigen Ort bin.“ Manchmal steht einem Gespräch die Sprache im Weg, räumt der Seelsorger ein. Nicht alle Gefangenen sind deutscher Herkunft. Dann muss sich Mayer mit Google Translator helfen, einem Online-Dienst, der ganze Sätze in eine bestimmte Sprache übersetzt. „Das ist schwierig, vor allem, wenn es um ganz persönliche Dinge geht.“

Nicht nur für Inhaftierte, auch für Bedienste hat der 59-Jährige ein offenes Ohr. „Wenn es Auseinandersetzungen zwischen ihnen und Gefangenen gibt, sie angepöbelt oder beleidigt werden, ist das belastend. Dann gehe ich vorbei und frage nach, wie es ihnen geht.“ Ertönt ein Alarm, weiß Mayer, dass etwas vorgefallen ist und er vorbeischauen sollte. Um bei all den „belastenden Situationen“, die er in seinem Job erlebt, selbst einen kühlen Kopf zu bewahren, ist Mayer der Ausgleich zu seiner Arbeit wichtig. So geht er regelmäßig für ein paar Tage ins Kloster, wandert gerne oder macht Sport. Außerdem steht er beispielsweise mit Kollegen aus dem Stuttgarter Gefängnis in Kontakt und tauscht sich über Situationen und den Berufsalltag aus.

Lisa Könnecke | Heilbronner Stimme

 

Bei den etwa 200 Justizvollzugsanstalten in Deutschland mit etwa 70 000 Inhaftierten arbeiten etwa 300 SeelsorgerInnen. Wenn sie Strafgefangene, Untersuchungsgefangene oder Sicherungsverwahrte besuchen, tun sie dies vomEvangelium Christi her und im Auftrag ihrer Kirche. Darüber informiert das Katholisches Dekanat Heilbronn-Neckarsulm auf seiner Website. Zu den Hauptaufgaben der Seelsorger gehören unter anderem seelsorgerliche Gespräche unter vier Augen, Gruppenangebote, die diakonische Unterstützung der Inhaftierten, die Förderung von familiären Kontakten als auch die Feier von Gottesdiensten. Die Seelsorge gilt nicht allein den Gefangenen und ihren Angehörigen, sondern auch den Bediensteten.

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