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Sehen, was wir sehen wollen und einprägten?

Psychiatrisches Grundwissen für Seelsorgende
9. Januar 2020

Auf dem spontan gemachten Blitzfoto auf einem Einkaufsparkplatz sehen Sie einen Polizeikleinbus. Der Transporter T3 von Volkswagen war die dritte Generation des Nachfolgers des legendären VW-Bully. Das Modell wurde in den Jahren 1979 bis 1992 produziert und war die letzte Baureihe mit Heckantrieb. Ganz klar, oder etwa nicht? Zwar ist das Fahrzeug in der alten grünen Polizeifarbe und kein aktuelles Modell, aber es ist eindeutig als Polizeibully zu erkennen. Man könnte das Sondersignal des Blaulichts vermissen. Schauen Sie doch noch einmal genauer hin…

Vielleicht eines der Fahrzeuges des Zolls, die noch stellenweise die grünen, anstelle der blauen Streifen aufweisen. Erst bei längerem Betrachten springt es ins Auge: Da steht POZILEI und nicht POLIZEI. Das Fahrzeug darf regulär im Straßenverkehr betrieben werden. Niemand verbietet sein Auto in dieser Weise zu gestalten. Dies ist kein Fakebild. Gesehen wurde der VW Bus auf einem Einkaufsparkplatz in Baden-Württemberg. Das Fahrzeug ist vorschriftsmässig zugelassen. Wir sehen das, was unser Gehirn kennt.  Die Hirnforschung hat uns dazu einiges zu sagen.

Näher in den Blick nehmen und mit einer anderen Brille betrachten?

Misstrauen gegenüber unserem Gehirn ist angebracht. Die Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes ist trügerisch: Wie gut wir Farben sehen, wie genau wir Objekte greifen, wie gut wir Muster erkennen. Nicht alles was wir sehen, fühlen, hören ist auch Realität. Fragen wir Unfallzeugen, was sie gesehen haben, so wird die Polizei voraussichtlich verschiedene Varianten des Unfallhergangs hören. Jeder hat eine anderen Blickwinkel und jeder sieht etwas anderes. Dies hat aber nicht nur damit zu tun, dass wir verschieden sind, sondern dass wir auch verschieden denken. Jedes Ereignis, jedes Bild wird abgeglichen im Gehirn. Was wir kennen, erkennen wir auch besser.

Alexander Jatzko ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Klinik für Psychosomatik am Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern. Als neurobiologischer Forscher führt er die Arbeit seiner Eltern weiter: Die Gesprächstherapeutin Sybille Jatzko und der Arzt Hartmut Jatzko haben sich in der Katastrophennachsorge einen Namen geschaffen. Psychische Störungen, die als Folge von Traumata auftreten können, hat Alexander Jatzko mit dem Kernspintomografen bildlich festgehalten. Er ist dabei auf Hirnareale gestoßen, die durch ein traumatisches Erlebnis und durch die daraus resultierende Posttraumatische Belastungsstörung verändert worden sind.

Das Großhirn, das der Mensch braucht, um bewusst zu denken, wird nicht mehr richtig durchblutet. Es verliert damit die Kontrolle über die Hirnbereiche, welche die Emotionen steuern. Auch das Angst- und Gedächtniszentrum im Gehirn kann das Großhirn nicht mehr in Schach halten. Kurz: Die negativen Emotionen und die schmerzhaften Erinnerungen können ungehindert wuchern und immer wieder, auch aus scheinbar nichtigem Grund, überhandnehmen. Sie haben quasi freie Bahn. Das ist gemäß Erkenntnis von Alexander Jatzko umso fataler, „als der Mandelkern, einer der Hauptakteure im emotionalen Gedächtnis, bei Traumafolgestörungen deutlich heftiger auf negative Reize reagiert.“

Bilder halten sich im Kopf fest und werden mit Erlebten abgleichen. Ist die Situation gefährlich, oder nicht? Ist alles im Rahmen oder kann ich das, was ich sehe oder sah, einordnen? Besonders in der Trauma-Forschung sind solche Erkenntnisse wichtig. Doch nicht nur da. Ebenso kann es wichtig sein, dass ich das. was ich sehe genauer ansehe. Im Gespräch mit Menschen, die ich einordne und abscanne, im Beurteilen von Situationen, in denen ich denke, dass es schon wieder ein gleiches oder ähnliches Erlebnis ist. So manches Bild stimmt nicht mit der Realität überein. Schärfen Sie immer wieder Ihren Blick…

Michael King

 

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