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Wenn Helfer selber Hilfe benötigen. Auf Signale der Seele hören

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Thomas Marin ist gewohnt, dass es zuweilen rauer zugehen kann. Der katholische Diakon arbeitet seit über zehn Jahren in der Berliner Jugendstrafanstalt und in der JVA Plötzensee. Daneben ist Marin seit vielen Jahren auch ehrenamtlich als Seelsorger für die Malteser im Katastrophenschutz im Einsatz – ob bei medizinischen Einsätzen oder bei der psychosozialen Notfallbetreuung. Sich nicht bis zur körperlichen und psychischen Erschöpfung verausgaben beim Engagement für Geflüchtete, rät Notfallseelsorger Thomas Marin von den Maltesern.

Nach dem Attentat am Berliner Breitscheidplatz widmete er sich etwa der Nachsorge von seelisch erschütterten Zeugen des Anschlags. Am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) kümmert sich Thomas Marin seit dem Überfall auf die Ukraine um die dort ankommenden geflüchteten Menschen. Hinten auf seiner Einsatzjacke steht groß „Seelsorger“. Er spricht selbst ein wenig „Schul-Russisch“, wie er sagt, und verständigt sich ansonsten mittels Übersetzer-App. Marin erlebt am Busbahnhof zugleich die immense Hilfsbereitschaft der ehrenamtlichen Helfer*innen, die sich teilweise körperlich bis zur Erschöpfung überfordern. Auch für die Engagierten möchte er Ansprechpartner sein und bietet unterstützende Gespräche an.

Am Zentralen Omnisbusbahnhof (ZOB) und anderenorts helfen viele Freiwillige; manche sind seit vielen Wochen im Einsatz, werden mit schlimmen Schicksalen konfrontiert und grausamen Fotos. Kommt es vor, dass sich HelferInnen nach solchen Einsätzen psychisch erschöpft und überfordert fühlen?

Das ist auf jeden Fall ein großes Problem. Unsere Hilfskoordinator*innen und Sanitätskräfte sind durch die Ausbildung vorbereitet auf solche belastenden Szenarien. Die erreichen meine Kolleg*innen und ich auch gut mit Gesprächsangeboten. Das ist anders bei jenen Ehrenamtlichen, die sich am Anfang aus eigenem Antrieb dort am ZOB oder anderswo eingefunden haben, sich untereinander selbst organisiert haben und dafür aber keine Struktur hatten. Die haben aus gutem Herzen und mit gutem Willen helfen wollen. Manche haben am ZOB in einem zeitlichen Umfang geholfen, der unglaublich beeindruckend ist. Andererseits ist das nicht ganz im Bereich des Vernünftigen. Da ist dann auch Selbstüberforderung dabei. Hinzu kommt die Belastung der Helfer*innen, die die Menschen aufgefangen haben, wenn die aus dem Bus steigen und die jene schlimmen Geschichten ungefiltert zu hören oder dramatische Fotos gezeigt bekommen. Und das immer wieder. Diese Engagierten aber erreichen wir mit unseren Angeboten kaum, weil manche dann irgendwann wegbleiben und ihre seelischen Belastungen mitnehmen.

Wie sollte man sich verhalten?

Es sind ja traumatisierende Erlebnisse. Wem das Leid zu nahe geht, dem kann ich nur raten, sich zu schützen. Das heißt nicht, dass diese Person nicht helfen kann. Aber der muss schauen, dass er dann auch wieder Abstand gewinnt. Als wir als Malteser am ZOB angefangen haben, hatten dort schon ehrenamtliche Menschen eine selbstorganisierte Struktur aufgebaut. Da waren Menschen Tag und Nacht vor Ort, die höchstens zwischendurch mal zwei, drei Stunden zum Schlafen nach Hause gegangen sind. Die hatten gar nicht die Möglichkeit, mal runterzukommen und das Erlebte sacken zu lassen und neue Kraft zu tanken. Man schafft diese Dauerbelastung nicht. Deswegen hatten wir bei unseren Sanitäter*innen von Beginn an ein klares Schichtsystem.

Wie ist es denn, wenn Sie Menschen sehen, die sich bis zur Erschöpfung verausgaben. Gehen Sie auf diese Leute zu?

Das tut am ZOB natürlich die inzwischen aufgebaute Projektleitung vor Ort. Die hat das bei den Menschen, die bei den Malteser angedockt sind, im Blick. Es gibt parallel dazu aber selbstorganisierte ehrenamtliche Strukturen, wo ständig auch neue Helfer*innen dazukommen – auch etliche, die zuvor schon am Hauptbahnhof oder in Tegel oder anderswo geholfen haben. Da haben wir natürlich kein Mandat, denen zu sagen, geh mal nach Hause und tanke Kraft. Da können wir uns nur anbieten. Genug getan ist dort angesichts der Not aber nie – deswegen fällt es vielen schwer, ein solches Hilfsangebot auch anzunehmen. Aber ich nutze meine Einsätze am ZOB natürlich, um das Gespräch mit diesen Helfer*innen zu suchen.

Diakon Thomas Marin bei einem Vortrag.

Kommt es vor, dass HelferInnen, die erschöpft sind und sich psychisch belastet fühlen, trotzdem Schuldgefühle haben?

Da gibt es auf jeden Fall. Das äußert sich dann im Verhalten eines Nicht-loslassen-können: Ich kann doch jetzt nicht nach Hause gehen, ich muss doch jetzt Menschen helfen, denen es noch schlechter geht. Das ist dann ein zwanghaftes Verhalten, entstanden aus einer eigentlich guten Motivation heraus. Das ist häufig eine Gefahr, wenn es keine organisierte Struktur gibt und niemand auf eine solche dramatische Situation vorbereitet war, wie es sie nun stündlich zu erleben gibt. Dann ist es schwer, solche Erlebnisse zu verarbeiten. Es gibt ja Signale, die die Seele an den Körper weitergibt. Es ist wichtig, diese Signale auch ernst zu nehmen. Wir können immer nur anbieten, in solchen Situationen unsere Notfall-Nummer zu wählen, die jede*r Sanitäter*in hat. Die ist 24 Stunden erreichbar. Jederzeit, wenn es einem selbst schlecht geht, oder man den Eindruck hat, einem anderen Engagierten geht es schlecht, kann man uns ansprechen. Das kommunizieren wir ständig. Man muss sich nicht schämen, wenn man den Eindruck hat, man schafft das jetzt alles nicht mehr.

Das Gespräch führte Gerd Nowakowski | Berliner tagesspiegel

 

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