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Die „Spiele“ der Gefangenen und das Helfen-wollen

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Wenn über Spiele der Gefangenen gesprochen wird, dann heißt das nicht, dass nur die Gefangenen diejenigen sind, die Spiele spielen. Allein kann man schlecht spielen. Einerseits werde werden die soziologischen Aspekte des Spielens der Gefangenen betrachtet, anderseits die psychologischen Aspekte. Wenn man den Begriff „Spielen“ hört, denkt man an ziellose Beschäftigungen, die dem Zeitvertreib dienen. Das Spiel hier ist aber ein anderes Spiel. Es hat zu tun mit dem Spiel aus dem Theater oder dem Drama.

Die Alltagsdramen, die täglich im Strafvollzug präsent sind. In der Soziologie geht man davon aus, dass menschliche Handlungsweisen grundsätzlich eine Funktion haben, auch wenn sie von den Betrachtern nicht sofort erkannt werden. Darüber haben sich auch ganze soziologische Schulen gebildet. Ein berühmter theoretischer Ansatz, der über Spiele sich rechtfertigt, ist die gesamte Soziologie, die mit der Rolle zu tun hat. Das ist ein Teil einer bestimmten soziologischen Schule. Und Rollen, das wissen wir aus dem Theater, müssen gespielt werden. In dieser Theorie wird davon ausgegangen, dass der Einzelne die unterschiedlichen Rollen im Laufe des Tages zu spielen hat.

Der Gefangene

Stellen wir uns das bei einem Gefangenen vor. Morgens ist er der Gefangene, der von seinem Vollzugsbediensteten aus dem Haftraum rausgelassen wird, und eine bestimmte Rolle zu übernehmen, nämlich die des Gefangenen, die eine gewisse Unterwürfigkeit, eine gewisse Unselbständigkeit beinhaltet. Gleichzeitig muss er aber die Rolle des Mitgefangenen spielen, gegenüber den anderen Gefangenen, also des Mitleidenden, des Kumpels vielleicht auch im weniger günstigen Fall des Komplizen. Wenn er zur Arbeit geht, dann hat er zwar innerhalb der Arbeitshierarchie meistens eine etwas untergeordnete Stellung, aber abhängig von der Dauer seiner Zugehörigkeit zum Betrieb und seiner individuellen Geschicklichkeit und Nützlichkeit. Innerhalb des Betriebes kann er dort die Rolle des Arbeitskollegen des Fachmannes des geschickten Handwerkers spielen. Es gibt manchen Betrieb, da fragt man lieber den kompetentesten Gefangenen, wenn man etwas gearbeitet haben möchte, der beschäftigt sich mit den Dingen und der versteht das Geschäft und der Meister ist auch noch da, aber eigentlich hat der Gefangene die große Bedeutung.

Und wenn der Gefangene am Nachmittag Besuch bekommt von seiner Frau, dann muss er die Rolle des Vaters spielen, des Ehepartners, des Geliebten. Alle diese Rollen stehen im Konflikt zueinander und werden von den einzelnen sicherlich auch unterschiedlich gut gespielt. Den Übergang von der einen Rolle in die andere Rolle ist schwierig zu gestalten. Beispielsweise beim Ende der Sprechstunde muss sich der Gefangene unter Umständen aus der verständnisvollen, strengen Vaterrolle, gegenüber seinen anwesenden Kindern innerhalb von einer Sekunde in die Rolle des sich zu unterwerfenden Gefangenen umstellen, und dies führt dann zu ganz bestimmten etwas eigentümlichen Anpassungsmechanismen.

Rolle als strategisches Konzept

Diese Rollen können mehr oder weniger gut gespielt werden, sie können auch Distanz zu der eigenen Rolle erkennen lassen. In der Rolle des Gefängnisseelsorgers können Sie völlig identisch mit der vorgegebenen Vorstellung spielen. Sie können aber auch eigene und persönliche Anteile hinter dieser Rolle vorgucken lassen und der eine tut das stärker und der andere tut das weniger stark. Ich beispielsweise muss immer mal die Rolle des Anstaltsleiters spielen und meine Rollengestaltung gerät durchaus gelegentlich in Kritik, weil sie eben nicht ganz dem entspricht, wie man sich einen Anstaltsleiter vorstellt. Ich lasse zu viel Distanz zu meiner eigenen Rolle erkennen, das ist sicher ein Teil eines Konfliktstoffes. Die Distanz, die jeweils zur eigenen Rolle erkennbar wird, kann als strategisches Konzept gewählt werden, als eine inkomplette Rollenübernahme, Ungeschicklichkeit oder sie kann keine Kenntnis über die Ausformung der Rolle bedeuten.

Die interessantesten soziologischen Vorarbeiten hat Goffman geleistet. In einer im Anfang der 50 iger Jahre durchgeführten Untersuchung, die den Namen Asyle trägt, hat er die Strukturelemente, den Charakter totaler Institutionen analysiert und beschrieben und jeder, der das Buch heute in die Hand nimmt, gerade wenn er Kenntnisse im Strafvollzug hat, sagt, jawohl genau wie bei uns. Goffman gibt eine analytische Beschreibung der Situation, vor allem in psychiatrischen Kliniken, die sich allerdings, wie er nachweist, ni6ht wesentlich z.B. von Gefängnissen unterscheiden. Er nennt diese beiden Institutionen aber auch andere Institutionen „totale Institutionen“. Er meint damit, dass dies Institutionen sind, in die sämtlichen Lebensbereiche unter einer einheitlichen Leitung und Struktur organisiert werden. Andere totale Institutionen sind beispielsweise seegehende Kriegsschiffe, aber auch Klöster usw. Goffman beschreibt in seiner Analyse den komplizierten Prozess der Rollenübernahme, um Mitglied in einer totalen Institution zu sein. Sie können anders formulieren, der Mitspieler muss die Spielregeln erlenen. Goffman beschreibt, wie kompliziert der Prozess ist, diese Spielregeln zu erlenen.

Eine Endindivdualisierung

Ein Kennzeichen für alle totale Institutionen ist, dass ein an Individualität erinnerndes persönliches Merkmal beim Eintritt in eine solche Institution abgegeben werden muss. Beim Eintritt ins Militär, in ein psychiatrisches Krankenhaus, in ein Gefängnis, aber auch in ein Kloster sind dies ja bekannte Rituale, bei denen die gesamte Kleidung, alle Privatgegenstände bis hin zur individuellen Haartracht an der Pforte aufgegeben werden muss. Dies ist ein Prozess einer relativen Endindivdualisierung der den jeweils vorgegebenen Zweck der Institution dienen soll. Wo setzen aber jetzt die Spiele der Inhaftierten an? Die Spiele setzen da ein, wo von den Gefangenen die Endinduvidialisierung beim Eintritt in eine solche Institution nicht hingenommen wird. Goffman beschreibt mehrere Möglichkeiten, die selten in reiner Form vorkommen und auch ineinander übergehen können, die der Verteidigung der eigenen Individualität dienen. Die krasseste Form und die lauteste und deutlichste Form der Verteidigung des eigenen Selbst ist der totale Widerstand gegen die Übernahme der durch die Institution vorgegeben Rolle. Das sind die, die wir als renitent, Vollzugsstörer, Unangepasste, was auch immer es für Bezeichnungen geben mag, bezeichnen.

Dies gilt selbstverständlich nur für Institutionen, in denen man sich nicht freiwillig aufhält und in die man nicht freiwillig eintritt. Das als deutlicher Unterschied. Diese lauten Formen sind aber auch nicht die häufigsten. Viel häufiger ist die Form einer sekundären Anpassung. Das heißt, der Inhaftierte passt sich rein äußerlich an die gegebenen Regeln an und sieht zu, dass er sie zu seinem eigenen Zweck nutzen kann. Die Tatsache, dass der Kirchenbesuch in den Anstalten meist höher ist als außerhalb der Anstalten, dass Personen in die Kirche gehen, die außerhalb der Anstalt niemals in die Kirche gehen würden, liegt nicht daran, dass sie unter dem Eindruck der Inhaftierung plötzlich einen Weg der Besserung im Glauben sehen, sondern an der sekundären Nutzung der Situation in der Kirche. Dies schließt nicht aus, dass auch Leute aus ganz aufrichtigen Motiven in die Kirche gehen. Der Kirchgang für einen Gefangenen ist im einfachsten Fall eine willkommene Abwechslung. Die Möglichkeit aus seinem Haftraum herauszukommen, die Möglichkeit andere Gefangene zu sehen, mit denen er sonst nicht so leicht in Kontakt kommen kann und schließlich die Möglichkeit, kleine Geschäfte zu machen, die sonst nur sehr schwierig zu realisieren sind oder streng verboten werden.

Beispiel aus der Transaktionsanalyse

Ein Gefangener kommt kurz vor Weihnachten zu mir und sagt: „Sagen Sie Herr Fiedler, Weihnachten ist so ein wichtiges Fest in unserer Familie, könnte ich denn nicht Weihnachten einen Ausgang bekommen.“ Ich gucke ihn mir so an und frage, wo kommen Sie eigentlich her? „Ja, ich bin aus der Türkei.“ Ich antworte: „Moment, da sind Sie doch Muslim, da ist doch Weihnachten für sie nicht so ein großes Fest.“ „Doch“ sagt er: `“Wir haben uns angepasst.“ Das heißt, er hatte gelernt, dass Weihnachten uns ja wohl alle immer milde stimmt und dass das Weihnachtsargument immer ein gutes Argument ist, um bestimmte Dinge vielleicht etwas früher zu bekommen, die man sonst vielleicht etwas später bekommen hätte. Und das da so ein paar kleine Ungereimtheiten waren, na gut das musste er eben noch lernen.“

Nun zu den psychologischen Aspekten des Spieles der Gefangenen. Ein Buch aus den 80´er Jahren heißt „Spiele der Erwachsenen“. Das ist ein Buch, das ist über die Transaktionsanalyse und ich glaube, dass die Transaktionsanalyse immer noch sehr viel auch zur Analyse in Beziehungen in Strafanstalten beitragen kann. Bei der Transaktionsanalyse geht es darum, dass davon ausgegangen wird, dass zwischen Menschen eigentlich immer eine Transaktion stattfindet. Letztendlich eine Kommunikation stattfindet. Es würde man vielleicht heute in Anlehnung an Watzlawik sagen: „Man kann nicht Nicht kommunizieren“. Es findet immer etwas statt. Ich teile den anderen immer etwas mit, selbst wenn ich nur in der U-Bahn sitze und vor mich hindöse, dann teile ich dem anderen zumindest mit, in welche Richtung ich mit der U-Bahn fahre, ob ich männlich oder weiblich bin, ob ich jünger oder älter bin, ob ich einen Bart trage oder nicht, also alle diese Dinge teile ich ja mit. Ich teile doch mehr mit, obwohl ich meine, ich spreche mit niemanden, ich sage nichts. Das gehört zur Transaktionsanalyse.

Bei der Transaktionsanalyse wird wieder in weiter Anlehnung an die Psychoanalyse unterschieden, zwischen verschiedenen Ebenen der Kommunikation, der Transaktion, da gibt es ein Eltern-Mich, ein Erwachsenen-Ich und ein Kindheits-Ich, und wenn diese verschiedenen ich’s miteinander kommunizieren, dann gibt es auch gar kein Problem. Probleme entstehen immer dann, wenn solche Transaktionen nicht mehr komplementär sind, das heißt sich ergänzende Systeme sind, also man auf eine Frage eine adäquate angemessene Antwort erhält, sondern wenn die Transaktionen überkreuzt gehen, es gibt die berühmte Sache, die Frage: „Weißt du, wo meine Manschettenknöpfe sind“? Eine mögliche Antwort: „Warum passt du auf deine Sachen nicht selbst besser auf?“ Das würde also nicht von Erwachsenen zu Erwachsenen kommuniziert werden, sondern der andere stellt sich auf den Standpunkt eines Elternteils, der dem anderen gewissermaßen Weisungen gibt, der Konflikt ist vorprogrammiert. Es gibt auch die humorvolle Lösung, weißt du wo meine Manschettenknöpfe sind? „Bei den anderen.“ Das ist eine Nichtantwort. Es gäbe auch die Antwort aus dem Kindheits-Ich bei der Frage: „Wo sind meine Manschettenknöpfe“? Das man sagt: „Immer gibst du mir die Schuld an allem, was du nicht findet.“

Ich-syntone Objektmanipulation

Ich will ein Beispiel nennen. Ein mit einer seriösen weltmännischen Ausstrahlung versehener Gefangener erklärte einer Psychologin in einer Therapiestunde: „Gestatten sie, dass ich mal eine persönliche Bemerkung zu ihnen mache. Sie sind immer so elegant gekleidet, aber eine Frau in Ihrer Stellung sollte andere Schuhe tragen, als sie sie gerade tragen. Wenn Sie möchten, kann ich ihnen die Adresse eines guten Schuhgeschäftes geben.“ Die Kollegin, der das passierte, berichtete dann, dass diese Situation in ihre zwei unterschiedlichen Gefühle hervorgerufen hatte. Einerseits fühlte sie sich geehrt, dass der Inhaftierte fand, dass sie gut gekleidet ist und eine Frau mit einer gewissen Stellung sei. Andererseits entwickelte sich in ihr aber ein Gefühl heftigster Scham, weil sie eben nicht ganz so perfekte Schuhe anhatte, wie sie wohl zu ihrem sonstigen Outfit gehört hätten. Aber in diesem kleinen Satz sind alle Elemente der ich-syntone Objektmanipulation enthalten.

Zunächst mal ist derjenige der so manipuliert wird, primär das Opfer und er nimmt eher eine rezeptive Haltung ein und es ist auch typisch, dass in solchen Situationen heftige Gefühle von Scham auftreten. Und es kommt hinzu, dass diese Art von Manipulation ja allem Anschein nach nicht eine zielgerichtete Intervention ist, das hat er ihr ja nicht gesagt, in der Absicht, Urlaub, Ausgang oder sonst ein unmittelbar bevorstehender Vorteil zu erlangen. Aber es war da eine immens verführerische Wirkung.

Ein paar Kriterien für das Problem der ich-syntonen Objektmanipulation: Es ist zunächst ein Problem von Ab- und Ausgrenzung. Das heißt, Grenzen werden verletzt. Es gehört nicht eigentlich zu dem was üblicherweise der Gefangene einem Therapeuten sagt, wenn er ihm etwas über seinen äußeren Kleidungsstil sagt. Es ist ein Teil einer Grenzverletzung. Und es gehört auch dazu, dass in der Kombination, in dem Falle die Psychologin, aber das kann auch der Seelsorger sein, seinen Wert in den Augen des Klienten oder des Gefangenen misst. Das ist ein wichtiger Faktor. Hat in dem Moment nicht seinen Wert aus sich selbst oder aus anderen Bezügen, sondern seinen Wert daraus geschöpft. Dann kommt hinzu, dass dazugehört jetzt nicht in diesem Beispiel, in solchen vergleichbaren Situationen, dass ein notwendiges, begrenzendes Nein gescheut wird, gegenüber solchen Menschen, weil diese natürlich dann Unmut hervorrufen und der Psychologe oder der Seelsorger natürlich angetreten ist, mit der Idee, er möchte ja gut sein und er möchte keinen Unmut hervorrufen in so einer Situation.

Ein guter Helfer sein wollen

Immer dann, wenn es darum geht, Unrecht wieder gutzumachen, kann man Helfer mobilisieren, das ist eine sehr gute Technik dazu. Dann gibt es insbesondere bei den Leuten mit narzisstischen Störungen völlig verdrängte Größenfantasien. Wir wollen auch gute Helfer sein und wir wollen Dinge möglich machen, die vielleicht nicht so einfach möglich zu machen sind. Daraus ergibt sich dann aus den beiden, dem narzisstisch gestörten mit seiner Größenfantasie und dem Helfer, der da auch angesprochen wird, so etwas wie eine phantasierte omnipotente Symbiose. Und damit sind wir schon einem relativ gefährlichen Bereich. Der Hintergrund davon ist die mangelnde echte Beziehungsfähigkeit bei den narzisstisch Gestörten, wenn die dann z.B. eine symbiotische Beziehung suchen und es werden eben auch ganz stark Schuldgefühle, Schamgefühle aktualisiert, das haben wir ja bei unseren Spielen. Da wo keine Schuldgefühle aktualisiert werden konnten, war es auch viel leichter für den Betroffenen, nein zu sagen und bestimmte Dinge nicht zu gewähren. Auch gehört zu dieser ich-syntonen Objektmanipulation, dass die Ich-Grenzen überschritten werden. Eine Frau in ihrer Stellung sollte schönere Schuhe tragen. Da fängt es eigentlich schon an.

Der Seelsorger wird als Zuschauer unten gebraucht für den Spieler, der oben auf der Bühne spielt. Es wird vor allem Hilfe im Konkreten erwartet; er will ganz konkrete Hilfe haben und wenn das nicht funktioniert, dann wird im konkreten die Schuld gesehen. Wenn sie uns da packen, dann kann es passieren, dass wir im Grunde so funktionieren, wie es die Gefangenen wollen, dann sind wir in ihrem Spiel drin und ihrem Spiel eigentlich voll ausgeliefert. Wenn ich mir die Bedingungen in einer Strafanstalt ansehe, dann wird es aus meiner Sicht sehr viele ich-syntone Objektmanipulationen geben. Wie können wir einen sinnvollen ethnologischen Blick entwickeln, wie können wir mehr über die Lebensgefühle, Lebensumstände, sinnvollen Zielrichtungen von den Gefangenen erfahren, um entsprechend auf sie einzugehen. Wie können wir uns gegen solche Manipulationen durch Spiele der Gefangenen, die sie natürlich erlernt haben, im Überlebenskampf für sich selbst, wie können wir uns dagegen schützen und wir selbst bleiben?

Marius Fiedler | Psychologe

 

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