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Seehaus ist anstrengender als im Gefängnis

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Der Jugendstrafvollzug in freien Formen ist eine andere mögliche Art des Strafvollzuges. Es ist weder ein offener noch ein geschlossener Vollzug. Nicht in allen Ländern gibt es solche Alternativen. In Baden-Württemberg gibt es bereits länger das Seehaus e.V. in Leonberg. Das Seehaus hat keine Mauern, aber trotzdem dürfen sich Jugendliche und junge Erwachsene nicht frei bewegen. Seit 2018 ist das Seehaus Leipzig (Gemeinde Neukieritzsch) mit einem Neubau am Netz. Junge Männer bewerben sich aus dem Jugendstrafvollzug Regis-Breitingen, um ihre Reststrafe abzuleisten.

Die jungen Männer verbringen – je nach Haftzeit – ca. 1-2 Jahre im Seehaus. Neben den Wohngemeinschaften, dem Wohnraum für Mitarbeiter, Ausbildungswerkstätten, Schul- und Verwaltungsräume soll ein Naturkindergarten mit 30 Plätzen entstehen, der von der Diakonie Leipziger Land betrieben wird. Um 5.45 Uhr beginnt der Tagesablauf mit Frühsport. Bis 22 Uhr sind die jungen Männer in ein konsequent durchgeplantes Erziehungsprogramm eingebunden. Soziales Training und die Vermittlung bürgerlicher Werte und Normen sind fester Bestandteil des Konzepts.

Als Mitglied der Diakonie sind die MitarbeiterInnen im Seehaus dem christlichen Menschenbild verpflichtet und vermitteln christliche Normen und Werte. Dazu gehört die Toleranz gegenüber anderen Menschen, anderen Sichtweisen, anderen Religionen. Eigene Standpunkte zu haben, diese zu vertreten, aber trotzdem – oder gerade deswegen – den Anderen und dessen Standpunkte zu akzeptieren und zu respektieren. Der Tag im Seehaus beginnt mit einer „Zeit der Stille“, in der sich die jungen Gefangenen am Anfang mit ihren Hauseltern über Lebens-, Werte- und Glaubensfragen unterhalten. Nach den ersten drei Wochen können sie dann frei wählen, mit welcher Literatur sie den Tag besinnlich beginnen. Sonntags besteht die Möglichkeit, dass die jungen Männer “ohne Zwang” einen Gottesdienst besuchen.

Das Prinzip Familie

Das Familienprinzip spielt in der alternativen Strafvollzugsform eine wichtige Rolle. Jugendliche und junge Erwachsene sind in Wohngruppen mit einer Hauseltern-Familie untergebracht. Diese haben ihre Wohnung direkt nebenan und leben vier Tage in der Woche und jedes zweite Wochenende mit an diesem Ort. Es sind Familien mit Kindern. Der Gedanke ist, den “Inhaftierten” ein Familienleben vorzuleben. Einige kennen z.B. nicht, gemeinsam zu essen oder Konflikte gemeinsam zu lösen. Die Jugendlichen sollen ein Vorbild gegenüber den Kindern sein.

Es gibt strenge Regeln, die eingehalten werden müssen. Schimpfwörter und Szenensprache sind verboten. Die Kinder würden die Wörter einfach nachsprechen. Alle MitarbeiterInnen und die Inhaftierten, die “junge Männer” genannt werden, duzen sich untereinander. Das Seehaus ist eine Art Lebensgemeinschaft. Jeden Donnerstag ist Familienabend. Hier verbringen die jungen Männer gemeinsam mit den MitarbeiterInnen ihre Zeit. Im Familienrat sagt jeder, was gut läuft und was nicht. Die Wohngruppen-MitarbeiterInnen sind SozialarbeiterInnen, die da sind, wenn die Hauseltern frei haben. Außerdem führen sie Einzelgespräche. Jeder Neuling bekommt am Anfang ein Gesprächspartner zugewiesen. Es geht vor allem um Tataufarbeitung und der Planung der Entlassung, aber auch um persönliche Probleme. Der Kontakt zur eigenen Familie oder Pflegeeltern wird gehalten. Alle zwei Wochen kann Sonntagnachmittag Besuch empfangen werden.

Positive Gruppenkultur

Im Jugendknast gibt es trotz aller Bemühungen und Massnahmen eine inoffizielle Kultur der Gefangenen untereinander. Der Einfluss der Jugendlichen untereinander ist stark. Die Beziehung von Erziehenden und Inhaftierten ist einem starken Machtgefälle ausgesetzt und unangepasstes Verhalten führt schnell zu Sanktionen. Eine Strategie zur Vermeidung solcher Sanktionen liegt in einem passiven, angepassten und zurückgezogenen Zweckverhalten. Durch die Unterbringung im geschlossenen Vollzug werden die Jugendlichen von ihren sozialen Kontakten und Peer-Gruppen isoliert. In Haft treffen sie nicht nur auf erzieherische Maßnahmen, sondern auch auf eine ausgeprägte Subkultur unter den Inhaftierten.

Es existiert eine Vielzahl an unterschiedlichen Peer-orientierten Ansätzen, die sich mit dem Einfluss von Jugendlichen auf anderen Jugendlichen und deren positive Effekte auf das Verhalten und die Entwicklung beschäftigt. Es ist ein Gegenpol zur Subkultur. Im wissenschaftlichen Sprachgebaruch haben sich die Begriffe “nicht-formales Lernen” und “informelles Lernen” etapliert. Informelles Lernen wird bestimmt durch das Lernen am Arbeitsplatz, im Familienkreis oder in der Freizeit.

Im Seehaus versucht man, diese Tatsache positiv zu nutzen. Die jungen Männer müssen Verantwortung füreinander übernehmen. Wenn jemand neu kommt, hat er beispielsweise einen “Buddy”, einen anderen jungen Mann, der schon länger da ist und ihn in den Alltag hinein nimmt. Sie sollen verstehen, dass es ein gemeinsames Projekt ist und dass es auf alle in dieser Gemeinschaft an kommt. Die so genanten “hilfreichen Hinweise” werden im Laufe des Tages verteilt: Wenn einer sieht, dass ein anderer die Regeln bricht, weist er ihn darauf hin und überlässt das nicht den MitarbeiterInnen. Konfrontationen gehen meist von den Jugendlichen untereinander aus. Man lernt also nicht nur, an einem Strang zu ziehen, sondern vor allem mit Kritik umzugehen. Dazu gehört auch zu sagen, was einem Positives am anderen aufgefallen ist.

Vieles läuft über erworbenes Vertrauen. Neue Bewohner werden für alles, was sie tun, benotet. Wenn sie über einen gewissen Zeitraum entsprechende Noten bekommen, können sie aufsteigen. dies heißt, dass sie mehr Privilegien bekommen. Beispielsweise, dass sie sich frei auf dem Gelände bewegen können, alleine in die Stadt gehen oder Vereinssport machen. Es geht nicht alleine um Anpassung. Die jungen Männer sollen merken, dass sie in dieser Weise besser klar kommen. Die Zeit im Seehaus ist anstrengender als im Gefängnis. Man kann sich nicht in sein Haftraum zurückziehen. Die zugesprochene  Verantwortung will gepfelgt und gehütet werden. Wenn man die Gemeinschaft der Wohngruppen-Familien erlebt hat, das traditionelle Neujahresbaden im eiskalten See oder die mehrtägige Osterwanderung, dann kann das Anlass sein, sein Leben neu zu überdenken und zu gestalten.

Tirza Georg-Müller-Schule Bielefeld | Foto: Seehaus e.V.