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Haft ist kein Urlaub. Wer hinter Gittern sitzt, hat gegen das Gesetz verstoßen. Die Gefängnisseelsorge ist dennoch für die Probleme und Anliegen der Gefangen da. Frauen haben im Gefängnis ganz spezielle Bedürfnisse. Ein Besuch in der JVA Nürnberg. Einer, der Türen öffnen kann, ist Gefängnisseelsorger Andreas Bär. Dreizehn Schlüssel hängen an seinem Hosenbund. Bei jedem Schritt schlagen sie klimpernd aneinander. Auf dem Weg bis in sein Büro sperrt er zehn Türen damit auf. Suchen muss er die unterschiedlichen Schlüssel nicht mehr: “Ich habe alles in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet und für mich ein spezielles Tastsystem entwickelt.”

Für die Gruppenstunde in der Frauenhaft muss der Gefängnisseelsorger wieder einige Türen durchqueren, bis er auf dem Hof ist. Die JVA Nürnberg ist die zweitgrößte Justizvollzugsanstalt Bayerns. Eine Mauer und ein Zaun trennen den Bereich der Männer- und Untersuchungshaft vom Frauenvollzug. Nach der Ankündigung durch die Gegensprechanlage muss er warten, bis die Tür der Sicherheitszaunes elektronisch geöffnet wird. Bis zur Kirche unter dem Dach sind es wieder fünf Türen. Während Andreas Bär die Stunde vorbereitet, kommen die Frauen und setzen sich in einen Stuhlkreis. Sie tragen unterschiedliche Outfits aus schlecht geschnittener Einheitskleidung. Die viel zu langen Jeans sind hochgekrempelt oder abgeschnitten.

Einige haben blau karierte Blusen mit zurückgeschlagenen Ärmeln an, einige nur weiße T-Shirts. Viele tragen einen Schlüssel an einer Kette um den Hals. “Ein Symbol für die Freiheit”, erklärt Diana K. Diese hat für die Frauen in Haft einen anderen Stellenwert bekommen. “Freiheit ist neben Gesundheit das Wichtigste überhaupt. Das merkst du erst, wenn du hier drin bist”, meint Erika S., die wegen Veruntreuung inhaftiert ist. Auch während der Gruppenstunde muss Andreas Bär sein Funkgerät wie immer zur Sicherheit dabei haben. Zu Gottesdiensten darf er es vor die Tür stellen. “Das ist auch wichtig. Einmal nicht das Gefühl zu haben, dass ständig einer zuhören kann”, erklärt er.

Gefängnisseelsorger Andreas Bär mit einem Kollegen des Allgemeinen Vollzugsdienstes (AVD).

Keine Anrechnung in Rentenversicherung

Privatsphäre gibt es im Strafvollzug kaum. In den zwei Meter breiten und vier Meter langen Einzelzellen ist ein Türspion angebracht. In der Frauenhaft teilen sich bis zu vier Personen ein Zimmer. Rauchen ist auf den Zellen erlaubt. Wer mit wem auf dem Zimmer liegt, bestimmt die Leitung. Und wer nicht arbeitet, verbringt 20 Stunden am Tag im Zimmer. Arbeit ist aber in der Frauenhaftanstalt nicht flächendeckend vorhanden. “Wir haben einfach zu wenig Platz. In Nürnberg sind die Männer das führende Gefangenenklientel, deswegen fallen die Frauen und ihre Bedürfnisse hier oft durchs Raster”, meint Tanja Oberndörfer, juristische Abteilungsleiterin der Frauen. Strafgefangene sind in Deutschland laut § 41 des Strafvollzugsgesetzes zur Arbeit verpflichtet. Die Arbeitszeit in den Gefängnisjahren wird nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung angerechnet. Von 70 inhaftierten Frauen in der JVA Nürnberg arbeiten acht in der Wäscherei und knapp 20 im Hauswirtschaftsbereich. Der Stundenlohn: Zwischen 1,20 und 2,10 Euro.

Das Geld geht vor allem für den täglichen Bedarf im Gefängnis drauf. Wer kein Geld verdienen kann, ist auf Sozialhilfe oder das Geld der Familie auf ein Haftkonto angewiesen, um im Gefängnisladen Tabak oder Kaffee kaufen zu können. Die Familie für sich bezahlen zu lassen – ein Gefühl, das für Judith P. besonders schlimm ist: “Man liegt halt allen wieder auf der Tasche.” Sie sitzt wegen Diebstahls in Untersuchungshaft und ist vor kurzem für die Hauswirtschaftsarbeit angelernt worden.

Danach sei nichts mehr passiert. Wann sie arbeiten darf, weiß sie nicht. Ihr Mann ist selbstständig und kümmert sich um den kleinen Sohn zu Hause. Es sei ihre Verpflichtung, sich in Haft selbst um ihr Geld zu kümmern: “Ich habe den Bockmist gebaut. Ich habe abgelehnt, dass er mir Geld schickt.” Auf Einkaufen verzichtet sie deshalb. Das Verantwortungsgefühl für die Familie ist laut Justizvollzugsbeamtin Ella Breitsameter bei den Frauen besonders stark ausgeprägt. Seit Dezember ist sie Dienstleiterin der Frauenhaft, vorher war sie in einer Männerabteilung angestellt. Frauen würden sich im Gegensatz zu Männern viel mehr Gedanken über das machen, was sie ihren Angehörigen antun. Auch Andreas Bär weiß von diesen Unterschieden zu berichten. Auch die Trennung von den Kindern sei für Frauen viel schlimmer als für Männer.

Fehlende Nähe zur Familie

Unter der fehlenden Nähe zu ihrer Familie leidet auch Seniorin Erika S., die wegen Veruntreuung im Gefängnis ist. “Meine Tochter ist jetzt nach langem Warten endlich schwanger”, erzählt sie mit Tränen in den Augen. Anfangs sei sie mit ihren Gefühlen überfordert gewesen. Eigentlich hätte sie doch jemanden gebraucht. Andreas Bär stand ihr in dieser Zeit als Seelsorger zur Seite: “Denn als Mutter bin ich für mein Kind da. Aber es gibt Zeiten, da darf mein Kind auch für mich da sein, hat er gesagt.” Doch nicht immer kann er jedem Gefangenen sofort beistehen. Dafür hätte er zu viele Anfragen. “Da ist oft Fingerspitzengefühl gefragt, wen ich wann zum Gespräch hole”, erklärt er. Nicht jeder hätte so große Probleme, dass ein Gespräch notwendig ist. Einige überschätzten aufgrund der Frustration auch ihre eigene Situation. Vor der Gruppenstunde kommen einige Frauen und fragen nach Einzelgesprächen.

Manchmal käme am Ende des Gesprächs heraus, dass die Einzelne gerade nur ein Feuerzeug brauchen würde. Es sei deprimierend wie manche Inhaftierte in ein kindliches Verhalten verfielen, sagt Bär. In der Gruppenstunde heute geht es um die eigene Haltung. Selbst in Haft sollen die Frauen ihren Stellenwert nicht vergessen und sich nicht aufgeben. Der Seelsorger lässt die Frauen aufeinander zugehen – so weit, wie sie es als erträglich empfinden. Er möchte sie sensibel für die individuellen Grenzen machen und sie daran erinnern, auf Augenhöhe und respektvoll miteinander umzugehen. Mit Kirche hat das vordergründig erst einmal nichts zu tun. Muss es laut Bär auch nicht. Zuwendung und Zeit für die Probleme der Menschen sei die Hauptaufgabe der Gefängnisseelsorge. Hinter Gittern gebe es immer gleiche Probleme: Schuld, Zukunftsangst, Haftbedingungen.

Kollektivstrafen aufgrund von Drogen?

Besuche sind strikt geregelt. In der Frauenhaft können Angehörige sich täglich zwischen 18.30 Uhr und 20 Uhr telefonisch anmelden. Eine strukturelle Notwendigkeit, meint Tanja Oberndörfer. Da die Besuchsräume sehr klein sind und nur ein Raum mit Trennscheibe für Besuch von drogenabhängigen Frauen zur Verfügung steht, müsse man eben genau planen. Auch Berührungen außerhalb der Begrüßung und Verabschiedung sind beim Besuch in der Frauenanstalt verboten. Die Konsequenz: Besuchsabbruch. Die Regel existiert erst seit kurzem. Der Grund dafür: Zunahme der Drogenproblematik hinter Gittern: “Mittlerweile gibt es so gefährliche künstliche Drogen. Da reichen die kleinsten Mengen aus und die sind besonders bei psychisch Kranken sehr gefährlich”, so die Juristin.

Die dreifache Mutter Judith P. ärgert die neue Regel: “Erklär das doch mal einem Kleinkind, dass es die Mama jetzt nur aus 1,20 Metern Entfernung über die Tischplatte und eine 20 Zentimeter hohe Glasscheibe hinweg ansehen darf.” Für sie ist es nicht der erste Gefängnisaufenthalt. “Aber nirgendwo war es schlimmer als hier.” Als “Kollektivstrafe” beschreibt die 62-jährige Erika S. diese Maßnahme. Sie selbst sagt, dass sie nichts mit Drogen zu tun habe und trotzdem “immer alles mitausbaden” müsse. Abteilungsleiterin Oberndörfer weist diesen Vorwurf zurück: “Gerade Angehörige von Nicht-Drogenabhängigen werden draußen unter Druck gesetzt, weil es über sie leichter ist, Schmuggelware ins Gefängnis zu bringen. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme.” Bei Männern werden Berührungen wie Händchenhalten während des Besuchs toleriert.

Keine reine Frauenanstalten

Ein Bruchteil aller Inhaftierten ist weiblich. Laut dem Statistischen Bundesamt befanden sich zum Stichtag im November 2015 rund 62.000 Personen in Deutschland in Haft. 3.512 davon waren Frauen. In Deutschland gibt es lediglich sieben reine Frauengefängnisse. Die restlichen Haftanstalten sind – wie in Nürnberg – an die Männerhaft angeschlossen. Resozialisierungsprogramme und Unterbringung richten sich oftmals nur an Männer und gehen nicht auf die speziellen Bedürfnisse von Frauen ein. In fünf Anstalten gibt es spezielle Mutter-Kind-Gruppen. Kleinkinder bis zum Alter von drei Jahren leben dort mit ihrer Mutter in kindgerechten Hafträumen und gehen gemeinsam zur Kinderkrippe. In der JVA Nürnberg gibt es so etwas nicht.

Judith P. verzweifelt an der Trennung zu ihren Kindern. Erklären möchte sie sich. Deshalb habe sie einen Brief über sechs Seiten an ihre 11-jährige Tochter geschrieben. Die Post ist das einzige Kommunikationsmittel nach draußen. Sie muss von der Staatsanwaltschaft gelesen werden, bevor sie an die Familie geht. Ihr Brief kam laut Judith P. wieder zurück. Die Begründung: Man könne nur drei Seiten lesen, sie solle sich kürzer fassen. Eine offizielle Seitenbeschränkung gibt es laut Andreas Bär aber nicht. Auch Abteilungsleiterin Tanja Oberndörfer berichtet von Briefen, die über 20 Seiten lang gewesen seien und trotzdem weitergeleitet wurden.

Als willkürlich empfinden viele der inhaftierten Frauen das Verhalten von Staatsanwaltschaft und auch manchen Vollzugsbeamten. Nadine B. erinnert sich an den Tag, als ihre 16-jährige Tochter sie besucht hat. Ihre Tochter sei völlig verschüchtert im Besucherraum gesessen. “Sie meinte, dass sie sich selbst vorkam, wie eine Schwerverbrecherin, so herablassend haben sie die Beamten hier behandelt”, erzählt die Mittdreißigerin mit den akkurat gezupften Augenbrauen und dem strengen Dutt. Besuchen möchte ihre Tochter sie deshalb nicht mehr. Judith P. berichtet von ähnlichen Erfahrungen. Nicht nur bei Besuchern, sondern auch am eigenen Leib. Oft habe sie das Gefühl, nur eine Nummer zu sein. Stigmatisiert und definiert durch das, was sie getan hat. Zuletzt zwei Autos gestohlen.

Das Einzige, was mir hier Kraft gibt, sind die Stunden mit dem Gefängnisseelsorger. Ohne ihn würde ich mich oft nicht einmal mehr wie ein Mensch fühlen. Manchmal komme ich mir wie eine Schwerverbrecherin vor. Judith P.

Für Andreas Bär muss Strafvollzug trotz aller Umstände immer menschenwürdig sein. Nicht alle Vollzugsbeamten seien so hart mit den Gefangenen. “Trotzdem gibt es einige, die zum Beispiel nicht einmal an die Zellentür klopfen, wenn sie reinkommen.” Und auch andere Regularien stören ihn. Letzten Sommer wollte er seine Gruppenstunden bei Hitze im Hof abhalten. Verboten. Dann vielleicht wenigstens Abkühlung beim Hofgang? Nicht gestattet. Die Frauen könnten eine Wasserschlacht anfangen. “Im Sommer sitzen sie also auf der Zelle und brüten im wahrsten Sinne des Wortes vor sich hin”, erzählt er. So entstehe Frust und aus diesem schließlich Resignation. Die Gefängnisseelsorge will zeigen, dass Selbstaufgabe auch im Gefängnis keine Option ist. Denn in einem völlig fremdbestimmten Alltag sollen Gefangene ihre eigene Würde und ihr eigenes Menschsein bewahren dürfen.

Julia Haase | katholisch.de

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