parallax background

Die lebensechte Figur ist wie ein Spiegelbild

Buchbesprechung: Mit Rock und Pop durchs Kirchenjahr
22. März 2021
Nähe und Zuneigung wird durch Pandemie geraubt
18. April 2021

“Wer sitzt denn da in der Anstaltskirche?” fragt verwundert ein junger Gefangener, als er mit dem Seelsorger in die Kirche der Justizvollzugsanstalt Herford kommt. Neugierig wie er ist geht der Inhaftierte Marc in den Gottesdienstraum und will den Mitgefangenen ansprechen. Ob der betet? So ganz allein? Erst jetzt merkt Marc, dass es eine sitzende Schaufensterpuppe ist. Die ist auch noch mit den besten Knast-Kleidungsstücken ausgerüstet. Kappe, neue Jeanshose und Anstalts-Pullover. “Das könnte ich alles gebrauchen. Ich habe eben eine Schadensmeldung wegen fehlender Kleidungsstücke bekommen”, sagt Marc vereinnahmend. Erst im zweiten Anlauf kommt die Frage danach, warum sich ausgerechnet solch eine Schaufensterpuppe in der Kirche befindet.

“Die Kirche ist doch kein Museum”, regt sich Marc auf. “Dann ist der noch schwarz ohne Gesicht…” fügt er schnell hinzu. Erstaunte und fragende Blicke. “Manche erschrecken sich bestimmt, wenn sie den da vorne hinten sehen” meint Marc. Im Knast darf niemand alleine in öffentlichen Räumen sitzen. Das ist sehr verdächtig. Die Idee mit der Schaufensterpuppe hatten die beiden Gefängnisseelsorger. “Die lebensechte Figur ist wie ein Spiegelbild”, erklärt Stefan Thünemann, “die Haltung des Gefangenen ist typisch. Als wolle er aufstehen und zum Angriff übergehen.” Der “Kumpel” ist Teil eines Gottesdienstes. “Wer bin ich und was macht mich als leibhaftiger Mensch aus? “Auch wenn alle Inhaftierten gleich angezogen sind, jeder hat seine Geschichte und ist einzigartig”, erzählt Michael King. “Die Figur ist wie ein Kunstwerk, aber Kunst hat mit uns Menschen zu tun”, sagt King. Der Kirchenraum des 140 Jahre alten Gefängnisses ist selbst ein Kunstwerk. Es ist der einzige Raum ohne Gitter. “Würden die Mauern erzählen können, würden sie viele Geschichten erzählen, die sich an diesem Ort ereignet haben”, sagt Michael King.

“Mit jugendlichen Inhaftierten können wir durch Symbole den Blick auf das Leben und darüber hinaus richten. Worte alleine reichen nicht aus, zumal einige der Gefangenen Deutsch als Fremdsprache gelernt haben”, meint Thünemann. “Beispielsweise ist das Kerzen entzünden ein symbolisches Ritual und kann Gelassenheit und Hoffnung vermitteln”, fügt er hinzu. Bereits in sehr frühen Kulturen gab es Figuren. Sie wurden als Kultobjekte in religiösen und magischen Ritualen verwendet. Kinder nutzen oft aus Stöcken, Wurzeln und Steinen gebildete menschenähnliche Figuren. Im Rollenspiel ahmen sie manches Verhalten nach. Für Marc scheint dies einleuchtend zu sein. Ins Gespräch kommt man auf jeden Fall mit der Aktion. “Es soll kein Spielzeug sein. Es ist ein mobiles Denkmal, um sich der Realität zu stellen und nachzudenken”, meinen die Gefängnisseelsorger. “Im Gottesdienst muss der aber die Mütze abziehen”, fällt Marc ins Wort, “das müssen wir auch einhalten”, sagt er und klopft der lebensechten Figur auf die Schulter.

Michael King

 

Feedback 💬

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.