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Gottesdienst „Licht und Salz“ aus der JVA Neuburg-Herrenwörth übertragen

19. Februar 2026

Wie jeden Sonntag gestalten in der bayerischen JVA Neuburg-Herrenwörth Inhaftierte den sonntäglichen Gottesdienst mit. Ein katholischer Sender überträgt dies zum ersten Mal im digitalen Radio. Gefängnisseelsorger Florian Schmutz leitet die Liturgie und predigt über das Salz und das Licht, das jeder und jede mit seinem Mensch-sein ausstrahlen kann. Dies genauso im Knast als Straftäter wie „draußen“: Alle sind Menschen.

Was heißt es, Licht und Salz zu sein? Ohne Vorbedingung kann jeder und jeder Mensch Licht und Salz in der Welt sein. Aber Straftäter hinter den Mauern ebenso? Beides kann laut Schmutz im Verborgenen und alltäglich hinter den Mauern umgesetzt werden: ein Gerücht nicht weiterzutragen, einen Konflikt nicht eskalieren zu lassen, jemandem zuzuhören, der sonst kein Gehör findet. Oder: Ehrlich zu sagen, dass das ein Verschulden war oder nicht alles ins Lächerliche zu ziehen. Jemandem Hoffnung zu geben, der aufgrund seiner Geschichte und Verurteilung ausschließlich Dunkelheit sieht, ist im Knast nicht immer angesagt.

Sonnenlicht vermeiden

„Jeder ist sich selbst der Nächste“, sagen manche Inhaftierte. Es wird von sich abgelenkt, der andere ist in seiner Straftat vielleicht viel schlimmer dran als man selbst. Eben in dieser Situation Licht und Salz  im Gefängnis zu sein, lassen Gefangene oft nicht zu. Der Vorhang im Haftraum wird bei Sonnenschein zugezogen. Eine Höhle des Dunklen scheint angenehmer zu sein, als das Sonnenlicht durch die Gitter zu genießen. „Man verpasst so viel, was draußen sein kann“, sagt ein Inhaftierter, „da will man lieber schlafen“, sagt er. Florian Schmutz bringt es in seiner eindrücklichen Ansprache in der JVA auf den Punkt:

Salz und Licht: Jetzt!

„Vielleicht kennen sie eine Situation. da sitzt man irgendwo fest, da steckt man fest und kommt nicht weiter, nicht freiwillig, sondern unfreiwillig, und dann werden einem Worte gesagt, wie du sollst, du musst, du bist berufen, du bist wichtig, auf dich kommt es an, und innerlich denkt man sich, echt jetzt, gilt es wirklich für mich, hier und jetzt? ich glaube in so ein Punkt hinein setzt das heutige Evangelium an. Jesus sagt in der Bergpredigt zu den Menschen nicht, sie sollten salz der Erde sein. Er sagt, sie sind das Salz der Erde, ihr seid das Salz der Erde, nicht irgendwann, nicht später, nicht erst, wenn wieder alles gut ist, nicht erst, wenn noch eine Ausbildung darauf gesattelt worden ist, ein Theologiestudium. oder ein Schulabschluss, jetzt, aber ehrlich, Salz ist doch nichts besonderes, kein großer Luxus für uns heutzutage, kein großes Highlight, Salz fällt kaum auf, aber ohne Salz schmeckt alles fahrt, Nudeln, ohne Salz, Suppe ohne Salz, da… fehlt irgendwas, wenn es nicht da ist, und wenn nur eine ganz kleine Menge fehlt, sie fehlt, und das Licht, Licht macht keinen Lärm, Licht diskutiert nicht, Licht erklärt sich nicht, es ist einfach da und die Dunkelheit weicht.

Wenn es kippt merkt man Salz und Licht

Das ist der erste Punkt, den wir mitnehmen können. Jesus knüpft beides nicht an Leistung, Salz der Erde zu sein und Licht der Welt zu sein. Er knüpft es nicht an eine Leistung, nicht an einen Lebenslauf, nicht eine saubere Vergangenheit. Er sagt uns nicht, wenn wir uns bewährt haben, wenn wir draußen sind, wenn wir unser Leben im Griff haben, sondern er sagt einfach, sie sind Salz, sie sind Licht, das kann vielleicht auch unbequem sein. Das nimmt uns jede Ausrede, dann kann ich nicht mehr sagen, ich bin nichts wert, ich kann nichts bewirken, ich bin da fein raus. Nein, gerade da, wo es eng ist, wo Menschen dicht aufeinander leben, wo die Stimmung vielleicht mal schnell kippt, wo Worte sehr verletzen können, da wird man sofort merken, ob das Salz da ist, und ob da Licht da ist, ob wir Salz sind und ob wir Licht sind. Wenn wir in die Lesung hineinspringen aus dem Korintherbrief, das sagt Paulus vielleicht was Überraschendes, der schreibt sinngemäß: Ich bin nicht mit großen Reden gekommen, nicht mit schlauen Argumenten, sondern schwach, unsicher, und trotzdem war da ein Erleben von Kraft da.

Etwas Neues, leise, unscheinbar, aber echt

Ich glaub, das ist wichtig. Vielleicht kennen viele Menschen dieses Gefühl, ich bin nicht stark, ich bin nicht überzeugend, ich habe nicht die besten Argumente. Der Apostel Paulus sagt, das, müssen sie auch nicht. Glaube und Menschsein funktioniert nicht über perfekte Worte, sondern über die Echtheit. Kraft entsteht nicht daraus, dass jemand laut ist und auffällt, sondern echte Kraft entsteht daraus, dass jemand aufrecht bleibt, auch, wenn er innerlich zittert, das ist dann kein großes Heldentum, das ist Realität. Jesus sagt etwas Ehrliches und etwas Hartes. Salz sagt er kann schal werden, kann sein Geschmack verlieren. Martin Luther hat übersetzt: Salz kann dumm werden. Licht kann verdeckt werden. Was heißt es hier bei uns ganz konkret? Vielleicht verliert Salz seinen Geschmack, wenn man sich anpasst, nur um dazu. zu gehören, wenn man bei Sprüchen mitmacht, die andere klein machen, wenn man abstumpft, weil es einfacher ist, vermeintlich einfach ist, nichts mehr zu fühlen, und Licht wird vielleicht verdeckt, wenn ich mir selber sage, halte ich lieber mal den Kopf unten, falle ich lieber nicht auf. Ich bin eh schon abgestempelt. Aber Jesus sagt uns nicht: „dann sind wir raus.“ Jesus sagt uns, stelle das Licht wieder hin, stelle auf den Leuchter, lass dein Salz nicht schal werden, lass es Salz wirken, nicht unbedingt für die ganze Welt, wir müssen nicht heute die ganze Welt retten, nicht auf einmal, aber hier bei uns im Kleinen. […]

Am Ende sagt Jesus, wir sollen Licht der Welt sein, damit die Menschen unsere guten Werke sehen und unseren Vater im Himmel preisen. Nicht, damit wir unbedingt gut dastehen, nicht damit wir in den Augen der Welt Anerkennung bekommen, sondern damit sichtbar wird, Gott ist da, auch hier, auch bei uns. Und vielleicht ist es mit die stärkste. Botschaft heute Morgen, dass Gott diesen Ort, unser Gefängnis, uns Menschen hier nicht aufgegeben hat. Er hat sie nicht aufgegeben, trotz ihrer Geschichte, trotz ihrer Vergangenheit. Er ist mittendrin, und vielleicht fühlt sich heute morgen niemand besonders salzig oder besonders hell, muss auch nicht sein, ist doch egal, ein Körnchen Salz, ein kleines Licht reicht, und Gott traut uns genau das zu. Er traut uns vielleicht mehr zu, als wir uns selber zutrauen, und vielleicht beginnt genau so etwas Neues, leise, unscheinbar, aber echt.“

Florian Schmutz

 

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