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Say something: Ein Ostergottesdienst im Jugendvollzug

5. April 2026

Fünfzehn jugendliche Inhaftierte gehen mit eiligen Schritten in die Anstaltskirche. Gefolgt von fast eben so vielen Bediensteten am Ende der Gruppe. Sie schauen sich in der Kirche um und unterhalten sich angeregt. Einer bietet dem anderen ein Bonbon an. Erwartungsvoll blicken sie auf das schwarze Tuch und die riesige Kerze auf dem Altar. Alles wie immer sonntags, möchte man meinen.

 

Doch warum ist diese Nacht so anders als alle anderen Nächte? Der frühe Ostermorgen bricht an. Die Uhr im Zentrum des „Spiegels“ der JVA zeigt 9.15 Uhr. Manche der Gefangenen können die Zeit der analogen Uhr nicht lesen. Sie benötigen auch keine Uhr, weil sie die Durchsage zur Teilnahme am Gottesdienst über die Lautsprecheranlage hören. Die Nacht ist vorbei. Die Kirchenglocke der JVA läutet. Es gibt Rufe von den Haftraumfenstern, dass diese zu laut sei. Die Inhaftierten kommen zur Ruhe, das erste Lied wird auf einer Gitarre gespielt.

Sag etwas…

Warum ist die Nacht so anders als alle anderen Nächte? Die Frage scheint nicht verstanden zu werden. Für die Gefangenen ist es eine Nacht wie jede andere auch. Sonntags gibt es die Möglichkeit die Zeit zu strukturieren und nach dem Gottesdienst einen Kaffee zu trinken. Der Gefängnisseelsorger bittet einen Gefangenen, die neue Osterkerze zu halten. „Wie lange brennt die denn“, fragt einer. Bestimmt zwei Jahre meint er.  So lange ist der Jugendliche in Haft. Ein anderer entzündet die Kerze und stellt sie auf den Kerzenhalter. Kleine Kerzen werden nacheinander entzündet. Ein Gefangener singt in Begleitung eines anderen am Klavier „Say something„. Im Song werden Abbrüche in Beziehungen, Tod und Krankheit besungen und der Refrain fordert auf „etwas zu sagen“. Ein Mutmachlied trotz schmerzlich dargestellter Lebenserfahrungen.

„Steh auf“ Haltung

Auferstehung – das ist das so andere in dieser Nacht. Die Nacht aushalten und darauf hoffen, das neues Leben ersteht. „Hier im Knast kann ich nicht neu anfangen“, sagt resigniert ein 21-Jähriger, der zum zweiten Mal inhaftiert ist. Er wird berichtigt von einem anderen, der sagt: „Doch, wenn ich  bei einem Besuch von draußen eine gute Nachricht bekomme und ich die Zwischenprüfung als Schlosser schaffe.“ Es gibt sie also, die „Steh auf“ Haltung. Die Musik von Christina Aguilera mit der Stimme eines Gefangen gesungen, geht unter die Haut, wie einer sagt. Bedienstete und Gefangene applaudieren am Ende des Songs. Ostern im Knast und die Nächte dort können also doch verändern. „Trotz alledem und gerade deshalb“, sagt ein Bediensteter, „sind hier alles Menschen.“ Während des Kaffeetrinkens sitzen die Gefangen am Klavier und singen nochmals „Say something“.

Michael King | JVA Herford

 

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