Alfons Zimmer war bis 2022 über 30 Jahre in beiden Bochumer Justizvollzugsanstalten als Gefängnisseelsorger tätig. Früh gab es eine russisch-orthodoxe Seelsorge-Gruppe im Knast. Die Rumänisch-Orthodoxen baten um Zwiebelschalen für ihre roten Ostereier. Zimmer berichtet von einer orthodoxen Osternacht „draußen“. Die feierliche russisch-orthodoxe Liturgie ist nichts für Ungeduldige. Der Gottesdienst dauert gut vier Stunden.
Die Rumänisch-Orthodoxen treffen sich am Sonntagmorgen in Dahlhausen, die Koptisch-Orthodoxen in Werne, die Äthiopisch-Orthodoxen und die die Russisch-Orthodoxen in zwei Hammer Kirchen, die Serbisch- und die Griechisch-Orthodoxen in Nachbarstädten. Ein syrisch-orthodoxer Chor probt in Linden. In der Bochumer Dreifaltigkeitskirche und andernorts in Deutschland feiert die russisch-orthodoxe Gemeinde das Fest der Feste – in diesem Jahr eine Woche nach dem katholischen und evangelischen Osterfest, im nächsten Jahr fünf Wochen später.

Weit vor Mitternacht strömen Scharen von Gläubigen zur Dreifaltigkeitskirche in Bochum-Hamme. Das orthodoxe Lichtkreuz über dem Eingang zeigt: Das ehemals katholische Gotteshaus wird von der russischen Gemeinde genutzt und ist jetzt dem heiligen Georg geweiht. Frauen tragen tuchbedeckte, brechend mit Selbstgebackenem, mit Wein, mit roten Eiern gefüllte Körbe herbei. Alles wird im großen Gemeindesaal abgestellt. Noch gilt strenges Fasten.
Die leere Kirche wird zu verschlossenen Grab
Die Gesänge und Texte im Kirchenraum, vorgetragen in Kirchenslawisch, klingen schon österlich. Im Mittelpunkt steht die Apostelgeschichte des heiligen Lukas, die Missionsreisen der Apostel, das Wachsen der Kirche im römischen Reich nach Ostern. Die Kirche ist überfüllt, vor allen Ikonen leuchtet ein Kerzenmeer. Dicht gedrängt stehen Frauen, Männer, Kinder. Eine halbe Stunde vor Mitternacht kommt Bewegung auf. Der Priester trägt ein dunkles kostbares Tuch, das sog. Grab Christi, zum Altar hinter die Ikonenwand. Seit dem Vortag, dem orthodoxen Karfreitag, stand es zentral im Raum als Zeichen für das Leiden und Sterben Christi. In wenigen Minuten wird auf diesem Tuch die göttliche Liturgie der Osternacht gefeiert.
Noch vor Mitternacht erhält jede, jeder im Kirchraum eine brennende Kerze.
Alle warten, bis der Priester mit seiner Segenszeremonie im Heiligtum fertig ist und mit symbolträchtiger Dreierkerze samt Begleitern mit Fahnen, Kreuz und Leuchtern den Kirchraum verlässt. Die Gläubigen folgen. Die leere Kirche selber wird nun zum verschlossenen Grab Christi. Hunderte von Gläubigen ziehen einmal, andernorts dreimal, singend und betend um das Gotteshaus. Vor der verschlossenen Kirchentüre bleibt die Menge stehen. „Deine Auferstehung preisen die Engel“, so singen sie. „Gewähre auch uns auf Erden, dich mit reinem Herzen zu preisen.“ Zur Türe gewendet ruft der Priester: „Machet die Tore auf, die Türen in der Welt hoch.“
Christus ist wahrhaft auferstanden
Dann, als sollte nicht nur der Tod, sondern mit ihm jeglicher Zweifel zerschmettert werden, erschallt aus dem Mund des Priesters ein lautes „Christos Woskresje!“ Die Antwort aller ohne Ausnahme kommt umgehend, eindringlich, überzeugend, fast hart, weil die Männerstimmen dominieren: „Woistinu Woskresje!“ Er ist wahrhaft auferstanden. Falls einer aus der Menge wirklich zweifeln sollte, ob an der Sache was dran ist, an der Rede von der Auferstehung Christi, hier spätestens wird er aufgerüttelt. Hört er Hunderte in Festigkeit dieses Bekenntnis sagen, rufen, dann wird es ihm schwer fallen, nicht zu glauben. Er wird zweifeln. An seinem eigenen Zweifel wird er zweifeln, wenn so viele glauben.
Die Kirchentüre öffnet sich. „Christus ist erstanden. Er zertrat den Tod durch den Tod. Denen in den Gräbern schenkt er das Leben.“ Bei den Osterrufen gaben die Männer den Ton an. Jetzt in den reinen Ostergesängen sind es die Stimmen der Frauen. Feierlich in Lied, in Zeremonie, in kollektiver Freude wird das Fest der Feste begangen. Die „Lichte Auferstehung Christi“, so nennen es die russischstämmigen Orthodoxen. Noch oft in der Nacht feuert der Priester sie an. Und sie warten nur darauf: „Woistinu Woskresje!“.

Speis und Trank soweit das Auge reicht: Nach der Liturgie treffen sich die Gläubigen zum Festmahl im Gemeindesaal.
Die österliche Freude schenkt Kraft
Gut vier Stunden dauert die Liturgie. Kondition ist gefragt. Die österliche Freude lässt den Betern Kraft zufließen. Die große Mehrheit begeht die Feier stehend. Die Osterpredigt musste der Priester nicht vorbereiten. Sie ist seit Jahrhunderten dieselbe. Für das Volk ist sie dennoch nie langweilig. Es ist die Predigt, die schon im 4. Jahrhundert der Kirchenvater Johannes Chrysostomos gehalten hat, der Bischof von Konstantinopel: Jeder soll kommen. Wer streng gefastet hat. Wer wenig gefastet hat. Wer gar nicht gefastet hat. Alle sind eingeladen. Jeder. Jede.
Am frühen Morgen geht das Fest weiter im Gemeindesaal. Die Körbe mit Kulitsch, einem Topfkuchen mit Kerzen, mit dem Pascha, einer „Kalorienbombe“ aus Quark, Sahne, Butter, Zucker und vielen Eiern, mit Wein, sie werden gesegnet. Das Fasten wird gebrochen. Wenn die Sonne dann aufgeht am Sonntag der Sonntage, sitzen viele noch beim Mahl zusammen. Was übrig bleibt, das meiste, wird mitgenommen nach Hause, für die Daheimgebliebenen, die Alten, die Kleinkinder, die Kranken. Jeder, jede soll teilhaben an Fülle und Freude.
Alfons Zimmer
Hintergrund
Seit dem 16. Jahrhundert haben die Ost- und die Westkirche meist verschiedene Osterfest Termine. Die russisch-orthodoxe und einige andere orthodoxe Kirchen richten sich nach dem Julianischen Kalender, katholische und evangelische Kirche folgen dem 1582 von Papst Gregor XIII. reformierten Gregorianischen Kalender. Die Ostertermine können bis zu fünf Wochen aus einander fallen. Der orthodoxe Mitternachtsgottesdienst beginnt in der Regel ab 23 Uhr.





