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Prison Slam – Dichterwerkstatt in der Jugendanstalt

Kunstform des Graffiti im Jugendknast umgesetzt
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Ein Spoken Word Projekt ist in der Jugendanstalt (JA) Raßnitz in Sachsen-Anhalt verwirklicht worden. Spoken Word bezeichnet eine Form der darstellenden Kunst, bei der ein selbst verfasster, lyrischer Text oder eine Erzählung vor einem Publikum vorgetragen wird. Ein Prozess der Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Gegenüber und der eigenen Lebenswelt geht damit einher. Zielstellung des Projektes ist das Verfassen und  Vortragen eigener Texte. Zudem soll die Fähigkeit der Teilnehmer gestärkt werden, sich mit spezifischen Themen wie Identität, Zukunft, Zugehörigkeit und Verantwortung auseinanderzusetzen.

“Am Anfang war das Wort”, so ist der Beginn der wohl bedeutendsten Erzählung der Menschheit. Die Bibel enthält u.a. historische Begebenheiten, poetische Texte und menschliche Erfahrungen, die immer mit dem ganz Anderen – mit Gott verstrickt sind. Die darin immanenten Werte und Moralvorstellungen prägen uns bis heute. Geschichten sind für uns Menschen wichtig. Jeder von uns lebt in seinen Geschichten (Familiengeschichte, eigene Biografie, Geschichten des Freundeskreises, Stadtgeschichte, Nationalgeschichte etc.). Wir Menschen leben in Geschichten, die unsere eigene Identität maßgeblich prägen. Dabei leben wir nicht automatisch in unserer eignen Geschichte, sondern sie sind immer auch mit den Geschichten anderer Menschen verwoben.

Identitätsbildung fördern

Unsere Erzählungen dienen uns als Selbstvergewisserung, indem wir uns darin wiederfinden. Sie schützen uns davor, das zu vergessen, was uns für unser Leben wesentlich ist. Diese Erinnerungen sind notwendig für die Hoffnung, dass Leid und Unrecht nicht folgenlos geschehen, sondern sich die Fehler der Vergangenheit nicht endlos wiederholen. Dort, wo wir Geschichten und Erzählungen von Leid und Unrecht erfahren, sind wir immer auch gerufen zur Antwort, uns entsprechend zu verhalten. Diese Erzählungen aus der Vergangenheit rufen uns in der Gegenwart auf, die Zukunft menschlich zu gestalten – und haben somit einen wahrhaftig eschatologischen Charakter. In dem Maße, wie unsere persönlichen Geschichten unsere Identität prägen, sind positive und gelungene Erfahrungen menschlichen Handelns Grundlage für ein positives Selbstbewusstsein. Negative und gescheiterte Sozialisationserfahrungen hingegen können das Selbstbild schädigen. Insbesondere die gelungenen Erfahrungen von Anerkennung in der Familie, im Freundeskreis (Peer Groups) und innerhalb der Gesellschaft sind Quellen der positiven Identitätsbildung (vgl. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung). Erfahrungen von Missachtung innerhalb der genannten Bereiche können das Selbstbild deformieren und die Delinquenz signifikant fördern (vgl. Peter Sitzer, Jugendliche Gewalttäter. Eine empirische Studie zum Zusammenhang von Anerkennung, Missachtung und Gewalt).

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Präsentation des Projektes und der Texte junger Gefangener.

Texte keine leichte Kost

Die Texte unserer Poeten aus der Jugendanstalt Raßnitz sind Erzählungen, die mehr oder weniger explizit von solchen Erfahrungen berichten. Ob real oder fiktional, erzählen sie einerseits vom Scheitern, von Missachtung, Stigmatisierung und andererseits von der Suche nach dem eigenen Selbst, der Sehnsucht nach Anerkennung sowie der Hoffnung auf ein gelingendes Leben. Die Texte sind keine leichte Kost. Manche sind sperrig und haben Kanten, sodass man sich leicht an ihnen stoßen kann. Es sind Texte, die von einer Lebenswirklichkeit erzählen, die vielen Menschen verborgen ist. Die Poeten haben in mehreren  Workshop-Einheiten daran gearbeitet, was sie der Welt gerne wie sagen würden. Herausgekommen sind authentische, reflektierte und ästhetische Erzählungen, die den Leser und Hörer gerade in der Kongruenz von Sprecher und Gesprochenem tief bewegen. Sie sind ein Aufruf an einer Heterotopie (vgl. Michel Focault) mitzuwirken, dass es nicht so sein muss, sondern alles auch ganz anders sein kann – sogar im Gefängnis.

Kreative Formen nötig

Das ist vom Strafvollzug natürlich nicht allein zu leisten, sondern es ist das Zusammenspiel verschiedener gesellschaftlicher Gruppen vonnöten. Resozialisierung und Delinquenzprävention sind gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die kreative Formen benötigen. Sympathisch dafür steht die gelungene Kooperation von Strafvollzug, Miteinander e.V., der Psychologin Christiane Hajek und der Gefängniseelsorge. Insgesamt nahmen 13 Gefangene aus unterschiedlichen Vollzugsabteilungen der Jugendanstalt Raßnitz teil. Zwei Gruppen arbeiteten separat voneinander und wurden seitens der Anstalt vom katholischen Seelsorger und der Anstaltspsychologin begleitet. Die Ergebnisse dieser Workshops wurden in zwei teilöffentlichen Aufführungen in der Anstaltskirche im Format eines Poetry Slams (hier genannt: Prison Slam) präsentiert. Es gab ein positives Presseecho sowie zahlreiche persönliche Rückmeldungen der ZuschauerInnen. Das Projekt wurde von zwei Mitarbeitenden des Miteinander e.V. sowie Jessy James La Fleur geleitet, die als Spoken Word Künstlerin bereits zahlreiche Workshops an Schulen, Jugendzentren und Haftanstalten durchgeführte.

Markus Herold | Jugendanstalt Raßnitz

 

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