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Glaube spielte in preußischer Gefängnisreform eine Rolle

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An der Außenwand der Kirche, dem Inneren des Gefängnisses zugewandt, hing ein großes Kreuz. Vorher war dort auf der Wand nichts. Dieses Kreuz hatte bis zu einem großen Sturm auf dem vorderen Dach des alten Gefängnisses „Ulmer Höh“ über der Altarseite der Kirche gestanden,. Dies mehr als hundert Jahre. Die Verwitterung, der Rost und die Materialermüdung hatten es dem Sturm leicht gemacht, das Kreuz in Einzelteilen herunter zu fegen, “Gott sei Dank” damals ohne Personenschaden.

Ursprünglich hatte unter dem Kreuz eine Glocke gehangen, möglicherweise die, welche im Gefängnis zum Anschlagen der Freistunden u.ä. genutzt wurde. Ein Kreuz auf dem Gefängnis! Was das wohl bedeuten sollte? Das „Ulmer Höh“ Gefängnis in Düsseldorf, vor mehr als hundert Jahren erbaut, war damals ein Produkt der preußischen Gefängnisreformen. Und neben vielen anderen damals höchst fortschrittlichen Veränderungen war auch den Kirchen, der Religion, dem Glauben eine klar definierte Rolle zugewiesen. Der Staat sorgte für die körperliche Zucht. Die Kirche hatte für die geistig/geistliche Zucht zu sorgen. Dabei war bei der Bezeichnung “Zuchthaus” ernsthaft nicht nur an Zucht und Ordnung gedacht worden, sondern auch an Erziehung.

Um es verkürzt zu beschreiben: leider endete der preußische Reformwille im Militarismus und den folgenden Weltkriegen. Das seit einigen Jahren aufgegebene Gefängnis “Ulmer Höh” wurde im 2. Weltkrieg nicht sehr schwer beschädigt; das Kreuz blieb folglich mehr oder minder beachtet an seinem Platz, bis der Sturm de Veränderung erzwang. Dem Wunsch der Bediensteten wie der Inhaftierten unserer Schlosserei, das Kreuz selbst zu restaurieren, konnte nach einigem Hin und Her wegen der Finanzierung entsprochen werden. Die Justiz übernahm die Kosten und die Künstler in der Schlosserei leisteten hervorragende Arbeit. Nun standen wir vor der Frage: wo soll das Kreuz seinen neuen Platz finden? In der Kirche hängt über dem Altar ein großes Kreuz mit Corpus. Ein zweites Großkreuz in der Kirche anzubringen, ergab keinen Sinn. Die Kirche ist schließlich kein Museum.

Im Jahr 2012 ist die JVA „Ulmer Höh“ geschlossen und die neue JVA in Düsseldorf-Ratingen eröffnet worden. Ende April 2016 zerstörte ein Feuer die Kapelle auf dem alten JVA-Areal. Nach dem Brand galt das Gebäude als einsturzgefährdet. Eine Investoren- und Baugruppe erwarb vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) das Gelände, um Wohnraum für mehrere Generationen, Sozialwohnungen und öffentlichen Kulturraum zu schaffen. Während der Abbruchphase des Gefängnisses 2018 wurde bekannt, dass die Kapelle erhalten bleiben wird.

Die stehen gebliebene Kirche auf dem Areal der ehemaligen Justizvollzugsanstalt „Ulmer Höh“ in Düsseldorf-Derendorf. Fotocredit: Interboden Gruppe

Heute – im neuen Gefängnis der JVA Düsseldorf-Ratingen – ist das Kreuz weiterhin ein Hinweis. Den Christen mag das Kreuz Zeichen der Hoffnung sein, Signal der Solidarität Gottes mit den Notleidenden. Denen, die den christlichen Glauben ablehnen, mag dieses Kreuz Stein des Anstoßes sein, Erinnerung an ihren Widerstand gegen diesen Glauben. Denen, die einen anderen Glauben haben, mag dieses Kreuz mit Respekt Erinnerung an ihren Glauben und ihre Hoffnung sein, so wie Jesus allen Menschen ohne Prüfung ihres Glaubens mit Respekt begegnet ist. Das Kreuz außen an der Kirche jedoch im Gefängnisgebäude mag aber auch sagen: was hier gottesdienstlich geschieht, ist kein isoliertes heiliges Geschehen ohne Bezug zum alltäglichen Leben im Knast. Dieses Kreuz weist hinein in das Haus der Gitter, weist alle, die sich hier „Christen“ nennen, darauf hin: hier leben Menschen, hier, gerade hier, ist das “Notwendig”, was Gottes Wille ist, Raum zu geben der Barmherzigkeit, Raum zu geben dem Leben; paradox, so wie das Kreuz selbst.

Den Bekenntnisfreien kann das Kreuz an ihren eigenen Lebenssinn erinnern, an ihre Mühe mit der Frage: wohin soll mein Leben führen? Für alle bleibt auch unter dem Kreuz gültig: bewegen wird sich nur der, der sich erinnern läßt.

Reiner Spiegel | JVA Düsseldorf-Ratingen

 

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