Nach Haft und Entlassung: Mittellos, obdachlos und haltlos?

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Wer aus einer längeren Haft entlassen wird, steht häufig vor dem Nichts, hat keinen Job, keine Wohnung, kein Konto, keine Versicherung mehr. Dann wieder Teil der Gesellschaft zu werden, ist eine besondere Herausforderung. Der Soziale Dienst der Justiz unterstützt ehemalige Häftlinge auf diesem Weg – allerdings nur, wenn es vom Gericht so angeordnet wurde. Er arbeitet auch mit Menschen zusammen, deren Strafe zur Bewährung ausgesetzt ist.

Der Soziale Dienst der Justiz arbeitet mit Straftätern, die aus der Haft entlassen wurden oder deren Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde. Ob ein Mensch wieder eine Straftat begehen wird, hängt von vielen Faktoren ab. Die meisten Straftäter werden nur einmal vom Sozialen Dienst betreut. Manchmal gibt es aber auch besonders schwierige Fälle, die über viele Jahre immer wieder betreut werden müssen. Der Soziale Dienst in Halle wünscht sich mehr Unterstützung. Für seine Arbeit brauche es entsprechende Ressourcen und Strukturen. Der Weg zum Sozialen Dienst der Justiz in Halle führt weit aus der Innenstadt hinaus in den abgelegenen Stadtteil Ammendorf. Dort muss man über das Gelände einer Autowerkstatt laufen, ehe man vor dem gelb gestrichenen Neubau steht, in dem sich das Amt befindet. Zufällig landet hier niemand. Zum Sozialen Dienst kommen Menschen, deren Auflagen vorschreiben, dass sie von einem Sozialarbeiter betreut werden müssen. Sie sind frisch aus der Haft entlassen oder ihre Strafe zur Bewährung ausgesetzt.

Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle

Schon während der Haft ist es möglich, mit dem Sozialen und dem Psychologischen Dienst oder der Suchthilfe der Justizvollzugsanstalt (JVA) zusammenzuarbeiten und Hilfsangebote wahrzunehmen, die zum Beispiel bei der Job- und Wohnungssuche unterstützen. „Fakt ist aber auch, dass nicht jeder Inhaftierte Probleme hat“, sagt Fabian Herbert. Er arbeitet beim Sozialen Dienst in Halle und ist schon seit Anfang der 1990er-Jahre als Sozialarbeiter tätig. Es gebe auch Menschen, erklärt Herbert, die zwar eine Straftat begangen haben, darüber hinaus aber keine gravierenden sozialen Probleme hätten. Sie könnten ihre Angelegenheiten auch ohne Unterstützung klären. In den Justizvollzugsanstalten gibt es nicht nur Hilfs- und Beratungsangebote, sondern auch die Möglichkeit, zu arbeiten und ein sogenanntes „Überbrückungsgeld“ anzusparen. Ein Häftling verdient im bundesweiten Durchschnitt etwa ein bis drei Euro pro Stunde. Weil Häftlinge nicht als Arbeitnehmer gelten, bekommen sie keinen Mindestlohn. Ihre Beschäftigung wird als Resozialisierungsmaßnahme gewertet. Das angesparte Überbrückungsgeld soll nach der Haft den Lebensunterhalt in den ersten vier Wochen sichern und wird bei der Entlassung bar ausgezahlt.

Der Resozialisierungsansatz spielt übrigens nicht nur in der Haft, sondern auch im Alltag des Sozialen Dienstes eine wichtige Rolle. „Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle“, erklärt der Leiter des Sozialen Dienstes Halle, Yves Plöhnert. Einerseits wolle man den Straftätern helfen, ihre Probleme zu bewältigen und ein neues Leben anzufangen, andererseits müsse – gemäß der Auflagen des Gerichts – auch streng kontrolliert werden, wie es nach der Haft weitergeht, um zu verhindern, dass wieder neue Straftaten begangen werden. In dem Sinne habe der Soziale Dienst eine besondere gesellschaftliche Verantwortung.

Wovon es abhängt, ob die Resozialisierung gelingt

Meistens arbeiten die Sozialarbeiter zwischen zwei und fünf Jahre mit den Straftätern zusammen. Eine harte Zeit für viele von ihnen, denn je nachdem, wie lange man in Haft war, kann es sein, dass man erstmal vor dem völligen Nichts steht. Die alte Wohnung ist weg, Job, Konto und Krankenversicherung auch. Läuft es schlecht, führt der Weg aus der Haft in die Obdachlosigkeit. Selbst, wenn alle nötigen Anträge bei den Ämtern eingereicht werden, dauert es oft mehrere Wochen oder sogar Monate, bis zum Beispiel das erste Arbeitslosengeld da ist. Deshalb ist auch das Überbrückungsgeld so wichtig.

Ob einem Straftäter der Neustart gelingt, hängt nach Aussage von Yves Plöhnert von ganz vielen Dingen ab. So können ein fester Partner, der Wunsch, eine Familie zu gründen oder Verantwortung für seine Kinder zu übernehmen, Gründe sein, die verhindern, dass jemand wieder eine Straftat begeht. Oft seien es auch Veränderungen im Freundeskreis oder der Umzug in eine neue Stadt, die dazu beitragen können, dass ein Straftäter aus dem Teufelskreis ausbricht, in dem er sich jahrelang befunden hat. Der mit Abstand wichtigste Faktor sei aber die Arbeit, sagt Fabian Herbert.

Wenn jemand eine Beschäftigung und dadurch einen strukturierten Alltag habe, schütze das am stärksten davor, wieder straffällig zu werden. Neben bestimmten Lebenslagen, hänge das natürlich auch von der psychischen Struktur eines Menschen ab. Auch, ob ein Straftäter Drogen nimmt, beeinflusst seine Chancen. Neben all diesen Faktoren spiele auch das Alter eine wichtige Rolle dabei, ob ein Mensch wieder kriminell wird, erklärt Herbert. Beim Sozialen Dienst in Halle würden zum Beispiel viele junge Straftäter betreut, die noch in der Entwicklung sind. Herbert und Plöhnert erleben es nach eigener Aussage immer wieder, dass Menschen im Laufe der Jahre reifer werden und ihr Alltag sich durch Beziehungen, Arbeit und ein anderes Umfeld so stark verändert, dass sie keine neuen Straftaten mehr begehen.

Schwierige Fälle

Herbert erzählt, dass er aber auch mit Straftätern zu tun hat, die seit ihrem 16. Lebensjahr immer wieder auffällig geworden sind und die er im Grunde schon sein ganzes Berufsleben begleitet. „Aber auch die haben ein Recht auf eine menschenwürdige Existenz“, sagt Herbert. Das zu ermöglichen, sei dann zweifellos schwierig und anstrengend, aber in seinen Augen absolut notwendig. Ihm bleibe dann nichts anderes übrig, als seine Arbeitsansätze zu relativieren. Er versuche in solchen Fällen nicht mehr, eine große Veränderung herbeizuführen, sondern die Lebensrealität seines Gesprächspartners zu verstehen und auf dieser Basis Hinweise zu geben. Manchmal scheitern die Sozialarbeiter aber auch. Dann müssen sie sich eingestehen, dass sie dem ein oder anderen Klienten nicht mehr helfen können, zum Beispiel Alkoholikern, den häufig jede Motivation fehle, ihre Lage zu verändern.

„Solche Fälle sind aber die absolute Ausnahme“, ergänzt Yves Plöhnert. „Die meisten sind nur einmal bei uns und schaffen es dann, nicht nochmal straffällig zu werden.“ Es gebe allerdings immer mal Fälle, wo Straftäter zwei, drei oder vier Mal betreut werden müssen, aber dann kämen sie eben kein fünftes oder sechstes Mal. Plöhnert glaubt, dass sich straffälliges Verhalten bis zu einem gewissen Grad auch „auswachsen“ kann. Der Ansatz des Sozialen Dienstes sei, dieses „Auswachsen“ zu begleiten und im Idealfall zu verhindern, dass weitere Straftaten begangen werden. Aber auch eine Veränderung der Straftaten könne eine erste positive Entwicklung sein, meint Plöhnert. „Also ich sehe es in meiner Arbeit schon als Erfolg an, wenn ich es schaffe, dass ein schwerer Gewaltverbrecher zum Beispiel keine Gewaltstraftaten mehr begeht, sondern vielleicht nur noch Diebstahlshandlungen.“ Dann habe er, wie Plöhnert sagt, auch schon etwas erreicht, weil die Opfer immerhin nicht mehr körperlich verletzt würden.

Es braucht mehr Unterstützung

Für die meisten Menschen ist das Arbeitsumfeld, in dem sich die Mitarbeiter des Sozialen Dienstes bewegen, nach Aussage von Yves Plöhnert vor allem eine Parallelwelt, die sie nicht verstehen. Aber genau deshalb sei es besonders wichtig, die Tätigkeit der Sozialarbeiter zu fördern, denn am Ende sei jede Straftat eine zu viel. Um das zu verhindern, würden sie zu jedem Einzelnen eine persönliche Arbeitsbeziehung aufbauen und ihre Klienten Schritt für Schritt begleiten. Dafür brauche es aber entsprechende Ressourcen. Das sieht auch Fabian Herbert so: „Wenn ich das Ergebnis Sicherheit haben möchte, brauche ich auch Strukturen, die das ermöglichen.“ Da gebe es nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern in ganz Deutschland noch Reserven. So fehle es etwa an Nachwuchs und auch das freiwillige Engagement der Bevölkerung im Arbeitsumfeld des Sozialen Dienstes – zum Beispiel durch Vereine – habe in den vergangenen Jahren abgenommen, sagt Herbert. Das seien aber Probleme, die nur auf politischer Ebene zu lösen seien. Trotz der Sorgen, die ihr Beruf mit sich bringt, haben Yves Plöhnert und Fabian Herbert sich einen gewissen Optimismus bewahrt. Und den braucht es auch, denn nur wer sogar an Menschen glauben kann, bei denen alles verloren scheint, hat vermutlich das Zeug, ein wirklich guter Sozialarbeiter zu sein.

Annekathrin Queck | Mit freundlicher Genehmigung: MDR SACHSEN-ANHALT

 

1 Kommentar

  1. Dennis Riehle sagt:

    Um einen Einblick in das Leben im Gefängnis zu erhalten, lassen sich bei Brüssel Richter sowie Mitglieder der Staatsanwaltschaft einsperren. Gleichzeitig wird das neu errichtete Gefängnis dabei getestet. Das wäre sicherlich ebenso einmal ein Projekt für Deutschland.
    Zum Artikel…

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