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Durch persönliche Berichte ist der Krieg in der Ukraine präsent

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Von links nach rechts: Für die Arbeitsgemeinschaft International Doris Schäfer (JVA Würzburg), Dorothee Wortelkamp-M’Baye (JVA Köln), Vorsitzender Andreas Bär (JVA Nürnberg) und der Gast aus der Ukraine Constantin Panteley.

Es ist eine gute Tradition, beim jährlichen Treffen der Katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland e.V. einen Gast aus einem der europäischen Nachbarländer einzuladen, um über den eigenen Tellerrand hinaus schauen zu können. Dieses Jahr kam Constantin Panteley. Er ist Priester der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine und auf nationaler Ebene für die Gefängnisseelsorge zuständig.

Er lebt mit seiner Frau und den sechs Kindern in Kiew. Ausgerechnet während seines Aufenthaltes bei den deutschen Kollegen und Kolleginnen gab es einen schweren Raketenangriff auf Kiew, was ihn in große Sorge versetzte. Dadurch kommt der Krieg allen anderen sehr nahe. Constantin Panteley arbeitet seit 2006 in der Gefängnisseelsorge, die in der Ukraine bis dahin keine Strukturen hatte. Auf diese Weise wurde er, zusätzlich zu seinem Dienst in einem Kiewer Gefängnis, als nationaler Koordinator der Gefängnisseelsorge eingesetzt. Da die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine nur 6% der Bevölkerung ausmacht, die römisch-katholische Kirche 1%, während die Mehrheit orthodox ist, knapp gefolgt von den unterschiedlichsten protestantischen Denominationen, muss die Gefängnisseelsorge ökumenisch aufgestellt sein. Die Koordination erfolgt in einem Seelsorgerat der Justiz, dessen Sekretär Constantin Panteley ist.

Reform des ukrainischen Gefängnissystems

Constantin erzählte, dass man in den letzten Jahren versuchte, das Gefängnissystem in der Ukraine zu reformieren. Vor allem wollte man die Zahl der Inhaftierten reduzieren, indem mehr Strafen zur Bewährung ausgesetzt wurden. Zusätzlich reduzierte sich die Gesamtzahl der ukrainischen Inhaftierten durch die Besetzung von ostukrainischen Gebieten, wo eine ganze Reihe von Gefängnissen in russische Hände fiel, da es während der Sowjetzeit besonders viele Gefängnisse im Ostteil der Ukraine gab. Was aus den ukrainischen Gefangenen in diesen „besetzten“ Gefängnissen wurde, ist kaum nachvollziehbar. Einige wenige kamen zur russischen Armee oder wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt. „Von allen anderen fehlt jede Spur“, berichtet Constantin.

Durch Beschuss beschädigtes Einkaufszentrum, das am 21. März 2022 bei einem russischen Angriff in Kiew bombardiert wurde. Nach Angaben des Rettungsdienstes starben mindestens sechs Menschen.

Auf dem Hintergrund dieser Erfahrung gab es bereits Evakuierungspläne für die Gefängnisse, bevor der Krieg im Jahr 2021 im gesamten Land ausbrach. Viele Gefangene wurden in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ nach den ersten russischen Angriffen in westlichere Gefängnisse verlegt. Ihre gesamte Habe mussten sie zurücklassen, sodass zwischen zeitig die Hauptaufgabe der ukrainischen Gefängnisseelsorge darin bestand, sich um die materiellen Bedürfnisse dieser Gefangenen zu kümmern. Ein Priester der Gefängnisseelsorge hat im Moment die Aufgabe übernommen, sich in den Gefangenenlagern um russische Kriegsgefangene zu kümmern, die, wie er im Gespräch öfter betonte, streng nach den Vorgaben der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen behandelt werden.

Eintauchen in eine andere Welt

Seine Seelsorgearbeit im Gefängnis in „normalen“ Zeiten beschreibt er folgendermaßen: Gefangene können Anträge schreiben, aber er geht auch von Zelle zu Zelle, um zu sehen, wo es Gesprächsbedarf oder andere Probleme gibt. Wenn die Bediensteten Schichtwechsel haben, müssen sie sich zu einer Art Appell aufstellen. Dort bekommt der Gefängnisseelsorger fünf Minuten, um ein paar Worte der Ermutigung zu sprechen oder für die kommende Schicht Gottes Segen zu erbitten. Außerdem berichtete er von Wallfahrten für das Gefängnispersonal.

Andere Spiritualität

Sicher war der Besuch von Constantin Panteley für ihn selbst auch das Eintauchen in eine andere, teils fremde Welt. Hauptamtliche Laien gibt es zum Beispiel in seiner Kirche nicht. Die Realität der katholischen Kirche in Deutschland und die Frömmigkeitsformen unterscheiden sich sehr im Vergleich zur griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, sodass ihn ein Lied der Band Rammstein zum Mittagsgebet eher irritieren als zum Beten anregen konnte. Aber er versicherte, dass er den Geist dieser Tage, den er aufnehmen konnte, mitnehmen möchte und dass er sich gestärkt fühlt für seinen Dienst durch das Wissen, dass es in Deutschland eine große Gemeinschaft von GefängnisseelsorgerInnen gibt, die an ihn, an die Menschen und in besonderer Weise an die Gefangenen in seinem Land denken. Durch diese Solidarität fühlt er sich getragen und gestärkt. Als praktisches Zeichen der Solidarität wurde am Ende eines gemeinsamen Gottesdienstes eine Kollekte unter den Kolleginnen und Kollegen eingesammelt, die ihm mitgegeben wurde. Insgesamt sind auf diese Weise 1.000 Euro zusammengekommen.

Wollschuhe als Dank

Constantin Panteley hat sich am Ende der Tagung mit bewegten Worten für die Einladung und die Gastfreundschaft bedankt. Als Zeichen der gegenseitigen Freundschaft hat er Andreas Bär, dem Vorsitzenden der Katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland, ein kleines ukrainisches Kreuz überreicht. Für Doris Schäfer, der Leiterin der Arbeitsgemeinschaft international, hatte er in Handarbeit hergestellte Wollschuhe im Gepäck, die ein Gefangener gefertigt hatte. Während der Pandemie hatte die Gefängnisseelsorge in der Ukraine zu einem Wettbewerb aufgerufen, bei dem Gefangene Eigenproduktionen (Texte, Bilder, Handarbeiten…) einreichen konnten. Eine dieser Eigenproduktionen kann nun die Füße einer Seelsorgerin in Deutschland wärmen, sollte der Winter wegen Gasmangels sehr kalt werden. Auf jeden Fall dienen sie dazu, die Freundschaft zwischen der ukrainischen und deutschen Gefängnisseelsorge warm zu halten.

Doris Schäfer

 

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