„Und raus bist Du. Migration und Delinquenz“, so lautet der provokante Titel zur Studientagung der Arbeitsgemeinschaft Jugendvollzug. 17 GefängnisseelsorgerInnen aus dem Bundesgebiet treffen sich im Jugend- & Gästehaus des Bistum Trier. Sie stellen sich eine Woche den vielfältigen und komplexen Aspekten von Migrationsgeschichten und möglicher Inhaftierung von jungen Menschen.
Beides hat nicht unbedingt miteinander zu tun. Migration und Straftaten dürfen nicht in einem Atemzug in Zusammenhang gebracht werden. Jugendliche Männer, egal welcher Herkunft, sind oft gefährdeter straffällig zu werden. Sich mit seiner eigenen biografischen Migrationsgeschichte auseinanderzusetzen ist der erste Schritt der Gruppe, sich dem Thema zu näheren. Dabei kommt einiges zu Tage: Ein Kollege mit griechischen Wurzeln aus Bayern bis hin zum langjährigen Arbeitsaufenthalt in Hongkong. „So manche Etikette bekommt man da mit“, sagt ein Gefängnisseelsorger. „In Bolivien war ich der Gringo und in Sachsen-Anhalt plötzlich der Wessi“, erzählt einer. Dass Menschen aus anderen Ländern nach Europa immigrieren, hat allerdings einen anderen Charakter. Niemand verlässt gerne seine Heimat. Es sind existenzielle Erfahrungen verbunden mit psychischen Belastungen, die die Menschen beschäftigen.
Davon erzählt Musa Deli, der einen deutsch-türkischen „Migrationshintergrund“ hat. Er ist Sozialpsychologe und Leiter des Gesundheitszentrums für MigrantInnen in Köln. Er beschreibt die Migrationsbelastungen mit ihren Auswirkungen auf die Folgegenerationen: Verlust des vertrauen Umfeldes, von Sicherheit und vertrauten Werten, erhöhte Erwartungen aus dem Herkunftsland an finanzieller Unterstützung wie auch vorbildlichem Verhalten trifft im neuen Lebensumfeld auf eine enttäuschende Realität und löst Unsicherheit, Unterlegenheitsgefühle, Verhaltensunsicherheit, Misstrauen und „Stress“ aus. Diesem Stress begegnen Menschen oft durch Rückzug auf die Herkunftskultur, Religion und Familie. Einer erfolgreichen Integration stehen diese Mechanismen aus nachvollziehbaren Gründen entgegen, und zwar auch dann noch, wenn es um Personen geht, die inzwischen in dritter oder gar vierter Generation in Deutschland leben.

In der Erziehung geben Menschen ihre Erfahrungen – seien sie positiv oder negativ – weiter und ermöglichen oder verhindern (meist sicher eher unbewusst als bewusst), dass die nachgeborene Generation Identität und Integration im aufnehmenden Land erlebt. Die psychischen Mechanismen, die hier wirksam werden, sind denkbar einfach und nachvollziehbar. Sie noch einmal aus erster Hand von Musa Deli vor Augen geführt zu bekommen, weckt in den Teilnehmenden der Tagung eine neue Qualität an Aufmerksamkeit für die Problematik im Arbeitsfeld des Jugendvollzugs.

Prof.in Dr. Gina Rosa Wollinger von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Köln führt die Teilnehmenden der Tagung ein in die Leseproblematik der polizeilichen Kriminalstatistik. Im öffentlichen Diskurs werden aus politischem Interesse Zahlen und Fakten nicht selten so miteinander in Beziehung gesetzt, dass das Bild entsteht, Migration sei ursächlich für Kriminalität. Wollinger klärt darüber auf, wie die Daten der PKS differenziert zu interpretieren sind und bestärkt so die Zuhörenden für ihre Teilhabe am öffentlichen Diskurs.

Rechtsanwalt Siegbert Busse breitet in seinem Vortrag die Fallstricke des Migrationsrechts aus. Es wird deutlich, dass es hoher juristischer Fachkompetenz und persönlichen Engagements bedarf, um eine Person darin zu unterstützen, ihren Weg durch das Dickicht der Paragraphen zu nehmen. Umso erschreckender wirkt die Tatsache, dass Busse im Großraum Trier als einziger Fachanwalt für Migrationsrecht tätig und keine Nachfolge in Sicht ist. Auch hier wird deutlich, dass sich die Lebenswirklichkeit Migrierter am Rand der Mehrheitsgesellschaft darstellt.

Shekho Usso von der Caritas Trier vertritt das Projekt „Flucht und Asyl“ des Sozialdienstes für Flüchtlinge in den Gemeinschaftsunterkünften. Einmal mehr ist es eine persönliche Perspektive des vor 10 Jahren nach Deutschland Eingereisten, die seiner Darstellung Überzeugungskraft verleiht. In der Reglementierung des Hauslebens, soziale und psychische Probleme sowie der begrenzte Raum mit Einschränkungen der Entfaltung der persönlichen Individualität, erkennt die Gruppe einiges aus den Gefängnissen wieder: Wenig Freizeitaktivität, Kompensation von Stress durch Gewalt oder Drogenkonsum. Unter diesen Umständen verwundert es, dass in den Medien nicht häufiger über Eskalationen berichtet wird.

Die Hilfsangebote für Wohnungslose erläutert Martin Hintz vom Benedikt Labre Haus in Trier. Ähnlich wie bei Menschen in Haft oder in Notunterkünften schlägt sich ihre Existenz am Rande der Gesellschaft in ihrer Lebensrealität nieder. Wohnungslosigkeit und Kriminalität gehören nicht zusammen, können aber zusammen auftreten, wenn im Einzelfall Menschen keinen realen Zugriff auf Handlungsalternativen haben. Eine Gesellschaft, die hier Veränderung will, muss mit vorurteilsfreiem Blick und Tatkraft für solche Handlungsalternativen Räume schaffen.

Die Gruppe, bestehend aus evangelischen und katholischen GefängnisseelsorgerInnen, besucht im Rahmen der Tagung das „Multikulturelle Zentrum Trier e.V.“ Sie werden empfangen von Ruth Lieser, die hauptberuflich angestellt ist. Im bunten Schulungsraum, in dem Deutschkurse angeboten werden, trägt sie zur Diskussion bei. Die Situation von Flüchtlingen in Europa ist zum größten Teil katastrophal, oft müssen die Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben oder werden direkt wieder abgeschoben, bevor sie überhaupt einreisen können.
Die Einstellungen in der Bevölkerung über Asylsuchende sind sehr unterschiedlich. Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich eine Abneigung gegenüber MigrantInnen zu steigern scheint. Weinger Kostenübernahmen und immer wieder veränderte Gesetze erschweren die Arbeit. „Im selben Haus ist die Staatsanwaltschaft untergebracht. Da sind wir relativ sicher vor Angriffen“, sagt die erfahrene Sozialarbeiterin auf die Frage, ob sie sich sicher fühlt. Gemeinsam ist, dass sich die Gefängnisseelsorge und viele andere Menschen an anderen Orten überwiegend für und mit den MigrantInnen einsetzen. „Wenn der Täter der Amokfahrt 2020 in Trier ein Migrant gewesen wäre, wäre die Stimmung gekippt, wie so oft mit anderen Ereignissen“, erzählt sie. Es stimmt hoffnungsvoll, wenn Menschen, unabhängig aus welchen kulturellen Wurzeln sie kommen, „Migration“ als Chance, Bereicherung und Ressource verstehen. Erinnerungs- und pastoraler Ort: Trierer Dom
Beate Josten | JVA Wuppertal-Ronsdorf





