Der Leiter der JVA Heinsberg im Jugendvollzug, Jochen Käbisch, ist gegen eine Herabsetzung der Strafmündigkeit. Bereits 14-Jährige sind inhaftiert. Viele erleben hinter Gittern zum ersten Mal eine richtige Tagesstruktur. Jochen Käbisch hat die Debatte über die immer wieder neu aufkommende Forderung nach einer Senkung des Alters zur Strafmündigkeit auf 12 Jahre mitkommen.
In Dormagen wird der 14-jährige Yosef von einem Mitschüler erstochen, der noch zwei Jahre jünger ist. Es dauerte nur ein paar Stunden, bis der erste Politiker reflexhaft die Herabsetzung der Strafmündigkeit auf eben diese zwölf Jahre forderte. Käbisch spricht sich entschieden dagegen aus, er kennt sich in dem Thema besser aus als so mancher meinungsstarker Politiker: Käbisch leitet seit mehr als vier Jahren die JVA in Heinsberg. Mit 562 Haftplätzen nur für Jungen ist dies das größte Jugendgefängnis in NRW. „Der Strafvollzug ist für so junge Täter überhaupt nicht geeignet“, sagt der ehemalige Staatsanwalt. „Um sie müssen sich andere Institutionen kümmern“, findet er.
Gefängnis ist Ultima ratio
Das Gesetz ist mehr als 100 Jahre alt: Seit 1923 gilt in Deutschland die Strafmündigkeit ab 14 Jahren. Sie gibt vor, dass Jugendliche mit 14 für Straftaten verantwortlich gemacht werden können. Für sie greift das Jugendstrafrecht. Dieses besondere Rechtssystem strebt danach, jugendliche Täter mit erzieherischen Maßnahmen zu unterstützen. Es betrachtet ihr Fehlverhalten als natürlichen Teil des Erwachsenwerdens. Der Gesetzgeber stuft Personen unter 14 Jahren pauschal als schuldunfähig ein. Sie können entsprechend nicht verurteilt werden. 14-Jährige im Gefängnis sind eine statistisch kleine Gruppe, aber es gibt sie. In der JVA Heinsberg sind in den letzten beiden Jahren 17 junge Menschen in diesem Alter in U-Haft gekommen. Gefängnis für Jugendliche ist immer der letzte Schritt. Ultima ratio. Wer hinter Gittern landet, hat oft schon Bewährungsstrafen erhalten und Sozialstunden leisten müssen. Die Maßnahmen hatten keinen Erfolg, und nun kommen hier viele Menschen mit problematischen Biographien zusammen mit dem hehren Ziel der Resozialisierung. Anders ausgedrückt: kriminelle Energie trifft auf andere kriminelle Energie mit dem angepeilten Ergebnis, dass sich fortan die Menschen besser entwickeln.
In der JVA treffen Intensivtäter mit einer längeren kriminellen Karriere auf junge Menschen, die ohne erkennbare Vorgeschichte ein Kapitaldelikt begehen. Aktuell ist ein 14-Jähriger inhaftiert, dem Brandstiftung und versuchter Mord vorgeworfen werden. Kinder, die behütet aufgewachsen sind, landen hier, aber häufiger Kinder, die schon länger als „Systemsprenger“ auffällig gewesen sind, sagt Frau Lowis. Die Sozialarbeiterin kümmert sich um die 14- und 15-Jährigen, denen die Freiheit entzogen wird. Ihren Vornamen will sie ebenso wie ihre Kollegin Frau Hastenrath nicht in der Zeitung lesen, damit sie „da draußen“ nicht lokalisiert werden kann. Die Zielgruppe ist im zweiten Obergeschoss im Hafthaus 8 untergebracht. Aktuell leben da fünf 14-Jährige. Es ist eine ruhige Station ohne viel „Durchgangsverkehr“, und weil sie nicht komplett mit ganz jungen Häftlingen belegt ist, sind hier auch ein paar ältere Häftlinge untergebracht.
Baseballtraining hinter Gittern
Ein paar „Stammkunden“ lässt der Freiheitsentzug tatsächlich kalt, aber viele beeindruckt die Zeit in dem Gefängnis. „Tagsüber geben sich alle cool in der Gruppe, aber wenn denn abends die Zellentüren abgeschlossen werden, fließen die Tränen“, sagt Frau Lowis. Sie und ihre Kollegin kümmern sich verstärkt um die jüngsten Gefangenen, die gegen ihren Willen zum ersten Mal von den Eltern und dann auch von den Handys getrennt werden. Mehr Sozialhelfer als im Erwachsenen-Gefängnis begleiten die Heranwachsenden. „Mit Gewalt kennen sich viele aus, aber in anderen Bereichen sind sie völlig unselbständig“, sagt Frau Lowis. Uhr lesen, mit Messer und Gabel essen, die schmale Pritsche in den zehn Quadratmeter großen Einzelzellen beziehen, gehören nicht immer zu den Kernkompetenzen. Und „Bitte und Danke“ ist auch nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Seit gut drei Jahren werden 14-und 15-Jährige in Heinsberg noch intensiver betreut. Das Konzept sieht nicht nur einen sofortigen Kontaktaufbau mit der JVA-Ankunft vor. Mindestens einmal pro Woche sucht der Sozialdienst das Gespräch, parallel wird mit den Eltern, dem Vormund oder der Jugendgerichtshilfe das Vorgehen besprochen. Bei Bedarf und schweren Kapitaldelikten wird auch der Psychologische Dienst mit eingebunden. Für die 14- bis 17-Jährigen gibt es in der JVA eine spezielle Wohngruppe, die auf intensive Betreuung, schulische/berufliche Bildung und pädagogische Förderung ausgelegt ist, um eine Rückkehr in ein straffreies Leben zu ermöglichen.
Schon früh in Jugendgangs
Die Aufarbeitung mit den Taten beginnt erst im Strafhaftvollzug, dann werden Situationen nachgestellt. Bei den Rollenspielen ist dann eben Gewalt nicht mehr die einzige Lösung. Viele Inhaftierte verbringen zumindest Teile ihrer Pubertät hinter Gittern ohne Möglichkeit zur Triebabfuhr. „Das ist für viele auch in Richtung Frühling ein Problem“, sagt Frau Lowis. So viel Testosteron führt dann auch zu entsprechenden verbalen Sprüchen gegenüber den JVA-Mitarbeiterinnen. „Aber in der direkten Konfrontation wird so mancher Gitter-Rambo dann doch etwas stiller.“ Es gibt die heranwachsenden Kerle, die sich ganz sicher nichts von Frauen sagen lassen, aber die Mehrheit stellt auch irgendwann fest, dass die Pädagoginnen auch Berichte schreiben, die bei Gerichtsverhandlungen relevant werden. Das dimmt im besten Fall die Aggressionen. Und nicht jeder Häftling ist biologisch auf der Höhe und braucht Nachhilfeunterricht: „Sie konsumieren längst Pornos, sind aber noch nicht aufgeklärt.“ Die meisten der Inhaftierten stammen aus den Ballungsgebieten Düsseldorf, Duisburg, Krefeld oder auch Aachen, viele bewegen sich in Jugendgangs, die die Nachbarschaft terrorisieren. Gewaltdelikte wie Raub oder schwere Körperverletzung gehören manchmal schon im Grundschulalter zum Alltag.

Pädagogisches Konzept
Eine Stunde Ausgang im Hof ist gesetzlich vorgesehen, theoretisch könnten U-Häftlinge 24 Stunden lang fernsehen – mit vorgegebener Auswahl. Aber die meisten suchen in der unbehaglichen Situation nach sozialen Kontakten, verlassen ihre etwa zehn Quadratmeter großen Einzelzellen so oft es geht. Für die Jugendlichen und Heranwachsenden besteht Schul- bis Berufsschulpflicht, theoretisch können alle Schulabschlüsse hinter Gefängnismauern geschaffen werden. Dass jemand wie vor zwei Jahren hier seine Abi-Klausuren schreibt, ist dann doch die große Ausnahme. Für viele Inhaftierte ist schon die regelmäßige Teilnahme am Unterricht ein erster Lernerfolg, „draußen“ entziehen sich die Intensivtäter den Schulen, „drinnen“ ist das wesentlich schwieriger, wenn morgens ein Justizbeamter beim Wecken auf den Stundenplan hinweist.
Das Gefängnis ist ein Ort mit Regeln, die Freiheit zuvor war dagegen häufig ein Ort ohne Regeln. Für viele, so berichtet es Käbisch, sei schon ein geregelter „Tag-Rhythmus“ eine große Umstellung. Der Tagesablauf ist eher streng formalisiert, Rücksicht auf Befindlichkeiten ist nicht vorgesehen. „Unser pädagogisches Konzept bestärkt die Häftlinge: Wer mehr leistet, darf auch mehr.“ Die Teilnahme an Unterricht und später auch Ausbildung ist durchaus lukrativ, bis zu 26,95 Euro erhalten Azubis täglich. Diese finanziellen Möglichkeiten schlagen sich in den Bestelllisten für den Einkauf nieder, bis zu 170 Euro dürfen die Gefangenen monatlich theoretisch ausgeben. Süßigkeiten sind beliebt, aber auch Wasserkocher, Ventilatoren oder Rasierapparate. Die Handys stehen oben auf dem Wunschzettel, aber die sind natürlich verboten, und deswegen wird vor jedem Ausgang vorab das Gelände inspiziert, ob die daumendicken Geräte zuvor nicht über die Mauer geworfen oder von Drohnen abgeladen wurden.
Kein Tabak, kein Alkohol
Alkohol, nicht einmal das Gärprodukt Hefe, kann ebenso wenig erworben werden wie Tabak für die noch nicht Volljährigen. Die Gefangenen haben viel Zeit, und damit auch viel Zeit, sehr kreativ zu sein, sagt Frau Lowis. Die Häftlinge sind – wie in jedem Gefängnis – erfinderisch, um verbotene Substanzen in den Umlauf zu bringen. Haschisch ist verbreitet, und wie auch in den Anstalten der Erwachsenen – wenn auch im geringeren Umfang – kursieren Neue psychoaktive Substanzen (NPS): farb- und geruchlose synthetische Cannabinoide, die auf Papier geträufelt werden. Über Briefe gelangen diese „Pappen“ in die JVA. Die meisten der Gefangenen sind Raucher, und viele bringen auch im jungen Alter schon ausgeprägte Drogenkarrieren mit, die geprägt sind von Lachgas-Konsum und viel Kontakt mit synthetischen, als preiswerten Substanzen. Die 562 Haftlätze für die männlichen Gefangenen sind selten komplett belegt, der Trend bei jugendlichen Straftaten ist nicht mehr rückläufig wie in der Pandemiezeit, als es weniger Gelegenheiten gab Straftaten zu begehen. Nach dem Wegfall der Beschränkungen ist wieder ein deutlicher Anstieg der Haftsachen und auch der Belegung in der JVA Heinsberg festzustellen, der in etwa auf dem Wert vor der Pandemie liegt, sagt Käbisch.
Seelsorger als Drogenkurier aufgefallen
Derzeit ist gerade der Bereich der Untersuchungshaft stark belegt. Zunehmend werden gefährliche und schwere Körperverletzungen registriert. Das Messer gehört für viele Heranwachsende zur Grundausstattung. „Dem habe ich einen Stich gegeben“, sei ein üblicher Sprachgebrauch, beobachtet Frau Hastenrath. Die beiden Stellen für die katholischen Seelsorger sind derzeit nicht besetzt, seitdem einer der letzten Mitarbeiter des Bistums als Drogenkurier aufgefallen war. Er hatte versucht, mit Minihandys und Haschisch angereicherte Döner in die Anstalt zu schmuggeln. Ohnehin ist der Islam deutlich dominanter: Deswegen hat der Imam, der zum Freitagsgebet in die JVA kommt, regen Zulauf. Etwa ein Drittel der Inhaftierten besitzt eine ausländische Staatsbürgerschaft, etwa ein weiteres Drittel die doppelte Staatsbürgerschaft. „Deutsch als Fremdsprache“ ist ein häufig genutztes Schulfach in der JVA.
Zahl der Verurteilungen ist rückläufig
Die Zahl der Verurteilungen von Jugendlichen und Heranwachsenden ist im Zehnjahresvergleich um 55 Prozent zurückgegangen. Laut Statistischem Landesamt wurden 12.397 junge Menschen im Jahr 2022 von Gerichten in NRW verurteilt, darunter waren 5028 Jugendliche unter 18 Jahren und 7369 Heranwachsende im Alter von 18 bis unter 21 Jahren.
Im Jahr 2012 hatte es 27.538 Verurteilungen gegeben (11.309 Jugendliche und 16.229 Heranwachsende). Die Zahl der Verurteilungen von Erwachsenen (ab 21 Jahre) sank im Vergleich dazu im selben Zeitraum lediglich um 14,1 Prozent.
Innerhalb von 3 Jahren wieder rückfällig
An Gerichten ist die Neigung zu registrieren, dass bei Jugendlichen ohne festen Wohnsitz oder Sprachkenntnisse der Haftgrund Fluchtgefahr eher angenommen wird, weshalb sie schneller in U-Haft kommen, sagt Käbisch. In seiner JVA ist die Kommunikation mitunter einfacher für die Delinquenten, weil es Integrationshelfer gibt, die arabisch, rumänisch, russisch oder albanisch sprechen. Bei Bedarf, wie zuletzt, wird dann auch einmal ein vietnamesich-kundiger Video-Dolmetscher dazugeschaltet. Schon 14-Jährige werden konsequent gesiezt. Und manchmal heißt es Wochen nach der Entlassung: „Da sind Sie ja wieder.“ Die Rückfallquote bei Jugendlichen nach einer Gefängnisstrafe in Deutschland ist hoch, höher als bei Erwachsenen. Studien deuten darauf hin, dass etwa 64 Prozent der zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung Verurteilten innerhalb von drei Jahren erneut straffällig werden. Besonders die Zeit direkt nach der Entlassung gilt als kritisch, wenn die Jungen wieder in ihre vertraute Umgebung und vielleicht in ihre Clans und Peergroups zurückkehren. „Wir können nichtjede kriminelle Karriere aufhalten“, sagt Anstaltsleiter Käbisch. „Wir bieten ihnen hier die Chance, sie sie vielleicht vorher noch nicht hatten. Aber nutzen müssen sie die selbst.“
Christoph Pauli | Mit freundlicher Genehmigung: Aachener Zeitung





