Die Kirche der JVA Herford ist gesperrt. Diese Mitteilung wirkt unwiderruflich und ist seitens von „Sicherheit und Ordnung“ der JVA im Jugendvollzug in der Weise angeordnet worden. In der Apsis der 1881 gebauten Kirche steht ein Gerüst. Die LED-Leuchten sollen im Bogen installiert werden. Die Gefahr besteht, dass jemand am Gerüst hochklettert. Daher wird der Gottesdienst kurzerhand in die Schule der JVA verlegt.
Ungewohnter Ort für einen Gottesdienst
Die Berufsschule der Justizvollzugsanstalt Herford ist 2021 eingeweiht worden. Im dortigen Foyer ist der Blick nach oben durch die Glasfenster gewährleistet. Die Bänke von den Seitenwänden werden als Kreis in die Mitte gerückt. Ein ungewohnter Ort für einen Gottesdienst. Die inhaftierten Jugendlichen werden auf diesem Weg zur Schule über den Hof gebracht. Die Zaun-Tür muss von der Zentrale elektronisch aufgemacht werden. Die zwei Bediensteten sitzen im Gottesdienst dazwischen, weil es keinen anderen Stuhl im Foyer gibt. Die Klassenzimmer sind verschlossen.
Eine Kerze wird entzündet. Hoffentlich reagiert der Rauchmelder nicht, der dort installiert ist. Der Gottesdienst verläuft konzentriert und ruhig trotz der Improvisation. „Überall kann Gottesdienst gefeiert werden“, sagt ein Jugendlicher. „Nur hier kann man keine eigene Kerze entzünden“, sagt dieser. Das ist in der Kirche der JVA Herford anders. Dort gibt es einen Kerzenbaum und die Gefangenen zünden dort nach dem Gottesdienst immer eine Kerze an. Inhaltlich wird das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter vorgelesen und das gewichtige Buch der Bibel in die Mitte auf ein Verkehrsschild mit „Vorfahrt gewähren“ gelegt.
Unterlassene Hilfeleistung der Frommen
„Verkehrsschilder sind prägnante Zeichen, die Hinweise geben und ohne die eine geregelte Fahrt für alle unmöglich wäre“, sagt der Gefängnisseelsorger. Deshalb gibt es im übertragenen Sinne Regeln und Gesetze in der Gesellschaft. Diese werden immer wieder gebrochen und Konsequenzen drohen. Im Gleichnis des barmherzigen Samariters (Matthäus 22, 35-40) müssten die frommen Leute – laut Gesetz – dem Verletzten und Überfallenen helfen, doch sie gehen weiter. Nur der Samariter, von dem man es nicht erwartet, zeigt sich barmherzig. Er führt in in eine Herberge und lässt sogar noch Geld für die Weiterversorgung da. Ob die „unterlassene Hilfeleistung“ der beiden Priester geahndet wird? Wir wissen es nicht. Die Strukturen dahinter, warum ausgerechnet immer wieder die Menschen zwischen Jerusalem und Jericho überfallen werden, müssten in den Blick genommen werden.
SamariterInnen im Vollzug
Die Ursachen von Kriminalität sind wichtig, nicht alleine die Erstversorgung nach der Tat. Präventive Maßnahmen vor der Straftat wären angesagt. Die jugendlichen Täter schauen betroffen, sie haben schon viele Gespräche und Jugendhilfen hinter sich. Greift jetzt nur noch die Freiheitsentziehung? Der Weg der Veränderung muss jeder Einzelnen alleine gehen. Das Gesetz ist für die Menschen da und nicht der Mensch für das Gesetz. Im Jugendvollzug werden von den Inhaftierten oft eigene inoffizielle Regeln gesetzt. Einige der Regeln im Strafvollzug sind für manche nicht immer nachvollziehbar und doch müssen sie eingehalten werden. „Die Situation wird wieder anders werden. Jeder von Euch wird entlassen“, sagt der Gefängnisseelsorger. „Gestaltet Euren eigenen Weg und denkt an die Barmherzigkeit, wie die des Samariters.“ SamariterInnen gibt es hinter den Mauern ebenso. Davon ist der Gefängnisseelsorger überzeugt.
Michael King






