„Meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater.“ Der biblische Wüstenmann Johannes der Täufer kritisiert Menschen dafür, sich allein auf ihre Abstammung (auf den Urvater Abraham) zu verlassen anstatt durch Taten zu zeigen, wes Geistes Kind sie sind. Ethnische Herkunft oder Abstammung spielen in unseren Zeiten immer noch eine Rolle. Insbesondere für Menschen mit Migrationshintergrund sind Diskriminierungen im Alltag aufgrund ihrer Abstammung auf dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt im Kontakt mit Behörden weiterhin nicht selten.
Die Herkunft von Menschen spielt also schon eine Rolle, beeinträchtigt in sozial schwachen Familien Bildungschancen der Kinder und führt umgekehrt zu Privilegien. Obwohl wir wissen, dass wir uns unsere Väter nicht aussuchen, unsere Herkunft nicht und unsere Vergangenheit nicht, sind wir beeinflusst davon – zum Guten oder zum weniger Guten und halten daran fest.

Ein Frachtschiff mit Anker vom Wasser aus gesehen: Gefangen in der Weite und der Größe…
„Meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater.“
Johannes redet gegen ein „Ausruhen auf die Vergangenheit“. Die wahren Kinder Abrahams sind nicht zwingend seine leiblichen Nachkommen – radikaler noch: sie sind überhaupt nicht die leiblichen Nachkommen, sondern diejenigen, die Abrahams Glauben nachahmen und dem Wort Gottes vertrauen wie er. Anders gesagt: Wer auf seine leibliche Abstammung baut, setzt sein Vertrauen auf etwas anderes als in Gott. Nicht umsonst ist uns wichtig, von Gotteskindschaft zu reden und darauf zu bauen. Denn sie macht uns frei. Sie vermag uns aus Zusammenhängen herauszulösen, sie gibt Kraft, aus Kreisläufen auszubrechen. Jesus bezeichnet die als seine Familie, als Mutter, als Schwester, als Bruder, die den Willen Gottes tun. Bei Johannes klingt diese Botschaft schon an. Kinder Abrahams kann Gott aus Steinen erwecken; Gotteskinder müssen nicht aus dem jüdischen Stammbaum stammen.
„Meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater.“
Nicht die Vergangenheit entscheidet – sondern die Gegenwart. Im jeweiligen Augenblick zeigt sich, zu wem wir gehören, was und wer uns wirklich prägt. Diese Worte sind wie eine Verhaltenstherapie, die darauf basiert, dass wir erlernte ungünstige Verhaltensweisen und Denkmuster auch wieder verlernen können mit Hilfe anderer Botschaften. Johannes, Jesus noch viel mehr, arbeitet an dieser neuen Prägung: Kind Gottes zu sein gilt jeder und jedem. Und Kind Gottes zu sein haben wir nicht in der Tasche, sondern ist jeden Augenblick neu Zusage – und damit Herausforderung. „Lass uns als neue Menschen leben“ bitten wir mitunter. Weil das gar nicht so einfach ist, als neue Menschen zu leben: Die rechte Wange hinzuhalten, wenn dir jemand auf die linke schlägt; nicht auf das Böse zu reagieren; an einen liebevollen Gott zu glauben.
„Meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater.“
Eigentlich ist das auch ein befreiendes Wort, wenn uns unsere Vergangenheit, unsere Herkunft gefangen nimmt. Wir müssen nicht alles so machen wie unsere Vorfahren – und wir dürfen es nicht, weil jede Zeit ihre eigenen Fragen stellt und darum auch eigene Antworten braucht. Das ist die eigentliche Botschaft, die sich mit Abraham verbindet: Aufbruch, Zurücklassen, sich aufmachen, Verheißungen glauben, auch wenn so vieles dagegen spricht wie damals etwa das Alter des Abraham, der mit 75 Jahren loszieht – und wir fragen würden: Hatte er nicht seine Zukunft schon hinter sich? Das Ziel wird auf dem Weg erkennbar – am Beginn steht nichts anderes als Vertrauen. Und Abraham erfährt: Jenseits des Erwartbaren tut sich ihm ein neues Leben auf.
Bernd Mönkebüscher | Titelbild: Hendrik Steffens





