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PeerMediation hinter Gittern

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In der Jugendstrafanstalt (JSA) Berlin-Plötzensee wird seit über 10 Jahren das Projekt „PeerMediation hinter Gittern“ durchgeführt. Interessierte Inhaftierte können an einer 20-wöchigen internen Mediationsausbildung teilnehmen. Parallel finden stetig drei Ausbildungskurse (je 2 Stunden pro Woche) statt. Nach erfolgreich abgelegter schriftlicher und mündlicher Prüfung sowie Feststellung der charakterlichen Eignung bearbeiten die ausgebildeten Inhaftierten als „PeerMediatoren“ Konflikte zwischen Inhaftierten in einem Mediationsverfahren. Die Mediationen werden von MitarbeiterInnen der Jugendstrafanstalt unterstützend begleitet.

In der JSA befinden sich ca. 300 jugendliche und junge erwachsene Inhaftierte. Sie sind zwischen 14 und 24 Jahre alt. Das Bildungs- und Sprachniveau der Inhaftierten ist sehr unterschiedlich und eher niedrig. Fragen an Birgit Lang, der Schulleiterin und Mediatorin in der JSA Berlin-Plötzensee.

Wie ist die Idee zu dem Projekt „PeerMediation“ entstanden?

Die Idee ist aufgrund meiner eigenen Mediationsausbildung entstanden. Einerseits wollte ich anwenden und bewahren, was ich erlernt habe, andererseits dachte ich, die Mediation hat recht viel mit dem zu tun, was im Vollzug passiert, und dass es optimal wäre, wenn wir das für die Entwicklung einer konstruktiven Konfliktkultur nutzen könnten. 2003 habe ich die erste Mediationsausbildung mit zwei Honorarkräften im Rahmen eines EU‑Projektes modellhaft erprobt. Das war erfolgreich und hat den Jugendlichen auch viel Spaß gemacht. Wenig später kam Hartwig Taege zu unserem Team dazu und es gelang uns, regelmäßige Mediationsausbildungen für die Jugendlichen anzubieten: ein zweistündiges Treffen pro Woche und drei Ausbildungsrunden parallel.

Im Prinzip geht es darum, dass die Jugendlichen am Vollzugsgeschehen immer mehr partizipieren sollen, also auch daran, wie sie ihre eigenen Konflikte lösen. Das Projekt PeerMediation hinter Gittern geht davon aus, dass eine ganzheitliche Gewaltprävention im Strafvollzug nur dann funktioniert, wenn die Jugendlichen die Möglichkeit haben, die Kommunikations- und Konfliktkultur aktiv mitzugestalten und selbstbestimmte Lösungsszenarien zu entwickeln. Die Idee ist also, dass die Konfliktparteien selbst eine Lösung finden, wie sie in Zukunft besser miteinander klarkommen, ohne dass man unbedingt eine Strafe verhängen muss.

Welche Ziele hat das Projekt „PeerMediation hinter Gittern“?

Auf der Ebene der Institutionen hat es eine Veränderung der Konfliktkultur und dem Umgang mit Konflikten zum Ziel. Auf Ebene der Inhaftierten ist ein Ziel, die Fähigkeit zu vermitteln, Konflikte selber in die Hand zu nehmen und auch selbstständig zu lösen. Es geht darum, neue Konzepte, neue Strategien im Umgang mit Konflikten zu entwickeln. Das alles kann man unter den großen Begriff „soziale Kompetenzentwicklung“ fassen. Die Inhaftierten sollen auch Strategien lernen, um Konflikten möglicherweise aus dem Weg zu gehen oder zu vermeiden. Sie sollen relativ frühzeitig merken, an welchem Punkt sie aus einer konfliktträchtigen Handlungskette aussteigen können und wo sie – ohne das Gesicht zu verlieren – noch einmal einen Schritt zurückgehen können. Da muss man einschätzen können, in welcher Phase des Konfliktes man sich gerade bewegt, in der man noch ohne Gesichtsverlust die Szene wieder verlassen kann. Die Teilnehmer sollen dafür sensibilisiert werden, was konfliktreiche Situationen sind und woraus sich konfliktreiche Situationen entwickeln können.

Ist der Gedanke der PeerMediation im Jugendstrafvollzugsgesetz verankert?

Im aktuellen Berliner Jugendstrafvollzugsgesetz gibt es den Paragraphen 96 ‚Einvernehmliche Konfliktregelung und erzieherische Maßnahmen‘. Dort steht unter Pkt. 2 „Im Rahmen der einvernehmlichen Konfliktregelung … ist auch die Teilnahme an einer Mediation in Betracht zu ziehen“. Das ist für uns ein sehr positives Zeichen, dass tatsächlich die Mediation, die bis dato nicht im Gesetz mitenthalten war, in der neuen Fassung von 2016 namentlich benannt wird. Das ist sicherlich auch auf das Engagement von Herrn Luxa, dem ehemaligen Leiter dieser Anstalt, zurückzuführen, der sich die Verankerung der PeerMediation im Justizvollzugsalltag auf die Fahne geschrieben hat.

Der Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) ist in Deutschland ein Angebot im Rahmen von „Restorative Justice“.

Welche Unterstützung braucht so ein Projekt?

Um eine konstruktive Konfliktkultur zu entwickeln, ist die Unterstützung auf unterschiedlichsten Ebenen in einer Justizvollzugsanstalt notwendig. Es ist einfach sehr wichtig, dem Ganzen einen Rahmen zu geben. Das ist das Plus des Projektes PeerMediation hinter Gittern. 2013 habe ich die AG „PeerMediation“ ins Leben gerufen; das ist eine Gruppe von Unterstützern aus dem Allgemeinen Vollzugsdienst, dem Werksdienst und dem Sozialdienst, d. h., dieses Projekt wird von Kolleginnen und Kollegen mitgetragen , die in den Unterbringungsbereichen und Werkstätten arbeiten und die den Inhaftierten ein Feedback geben können, wenn sie aus der Mediationsausbildung zurückkommen und etwas Neues ausprobieren wollen.

Die Verhaltensweisen, die wir versuchen bei ihnen zu etablieren, sind ja erst einmal neu für sie. Sie probieren diese dann aus, und in der Regel werden sie damit nicht auf Anhieb erfolgreich sein. Die Kolleginnen und Kollegen vor Ort können die Jugendlichen dann auffangen oder die Situation gemeinsam auswerten. Es ist aber auch wichtig, dass die Anstaltsleitung und die Vollzugsleitung das Projekt unterstützen. Sie können viele Akzente und Impulse setzen, Anregungen geben. So werden z. B. alle dienstliche Meldungen auf Leitungsebene diskutiert, und hier besteht die Möglichkeit zu sagen: „Wir empfehlen eine PeerMediation.“ Es ist wichtig, dass der Prozess top down und bottom up, also von der Leitungsebene und von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen wird und er sich dann irgendwo auf der Mitte trifft. Nur so kann ein Projekt im Alltag dauerhaft verankert und implementiert werden.

Gibt es so eine Art Lobby für dieses Thema?

Diese Arbeitsgruppe „PeerMediation hinter Gittern“ ist unsere wichtigste Lobby, weil das die Menschen sind, die im Alltag mit den Inhaftierten umgehen und den Gedanken der konstruktiven Konfliktlösung auch weitertragen oder positiv verstärken können. So ein Projekt hat vor allem dann Erfolg, wenn es uns gelingt, eine neue Kultur im Umgang mit Konflikten zu etablieren. Wir können den Jugendlichen viel beibringen, doch sie müssen im Alltag auch unterstützt werden, Konflikte einfach mal anders anzugehen. Ein Jugendlicher lernt bei uns zum Beispiel etwas und geht dann in seine Wohngruppe oder an seinen Arbeitsplatz. Da kommt dann ein anderer Inhaftierter auf ihn zu und will Stress mit ihm. Wenn ein Bediensteter, der bei uns in der Unterstützergruppe ist oder die Idee der Mediation kennt, in der Nähe ist, kann der ihn ganz anders in seinem Verhalten wahrnehmen und unterstützen.

Welche Inhalte vermitteln Sie?

Wir orientieren uns an unserem Skript bzw. Curriculum, das wir selbst erstellt haben und stetig weiter entwickeln. Im Prinzip entsprechen die Inhalte dem, was auch im Rahmen der Streitschlichterausbildung in Schulen vermittelt wird. Wir fangen an mit Glasl und den Eskalationsstufen, wir behandeln das Kommunikationsmodell, das Eisbergmodell des Konfliktes (Was ist sichtbar, und was liegt unterhalb der Wasseroberfläche an Bedürfnissen, Gefühlen, Werten und Einstellungen?), die Bedürfnispyramide und das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun. Das Ganze wird ergänzt durch viele Rollenspiele zur Festigung und Vertiefung.

Die Ausbildung besteht immer aus einem Dreiklang. Wir beginnen mit einem Warm-up, also einer Übung, an der wir bestimmte Dinge plastisch darstellen möchten, die später theoretisch erklärt werden. Wir lassen z. B. zwei Teilnehmer Rücken an Rücken aus Legosteinen eine Figur bauen. Beide haben die gleichen Legosteine zur Verfügung. Der eine baut eine Figur und erklärt dem anderen, was er gerade tut. Nachher müssen zwei gleiche Gebäude oder Gebilde entstanden sein. Daran versuchen wir zu erklären, wie Kommunikation funktioniert, was wir brauchen, um einander zu verstehen. Das ist immer der Opener. Dann gibt es einen kleinen Theorie-Input, in dem wir ein Modell erklären, das wir anschließend zusammen mit den Insassen praktisch erarbeiten. Zusätzlich gibt es die Rollenspiele, in denen alles, was sie gerade gelernt haben, ausprobiert werden kann.

Interview: Robert Glunz | Deutsche Stiftung Mediation

 

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