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Erziehen und Strafen in Luxemburg

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Luxemburg ist weit weg von Waren an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern. Nicht viel kürzer war es für die Bayern oder aus Wien. Auf Einladung von Romain Kremer versammelten sich 12 Teilnehmer Ende April 2018 bei den Franziskanerinnen in Luxemburg zur Jahrestagung der “Arbeitsgemeinschaft Jugendvollzug”. Das Thema: „Erziehen und Strafen“ schien spannend und aktuell zu sein – für den Jugendvollzug allemal. Das Kennenlernen war für die meisten ein Wiedersehen.

Zwei neue Kollegen nahmen teil. Wer bin ich? Welche Bedeutung hat oder hatte mein Name für meine Biografie? Damit wurde es 21 Uhr und Zeit für den gemütlichen Teil. Zu erzählen gab es genug, trotz langer Anreise und aufkommender Müdigkeit. Was habe ich für eigene Erfahrungen mit Erziehung und Strafen in Kirche und Familie, aber auch im Knast? Das hat uns am ersten Vormittag unter Anleitung unseres luxemburgischen Kollegen, Romain Kremer, beschäftigt. Es wurde deutlich, wie unterschiedlich wir sind und was uns bewegt.

Mittags gab es im Garten der Jesuiten über der Straße Köstliches vom Grill. Nachmittags ging es weiter mit der professionellen Sicht durch den Psychologen und Psychotherapeuten René Schmit, früherer Leiter eines Kinderheims. Er hat uns von seiner Arbeit und dem Jugendschutzgesetz in Luxemburg erzählt. Es gibt kein Jugendstrafgesetz im Land, dafür Erziehungsheime. Dort werden durch Beschluss der Justizbehörden erst einmal unbefristet Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren in „Centre socio-éducatif de l’État“ untergebracht.

Maison d’accueil – Haus der Begegnung der Franziskanerinnen von der Barmherzigkeit in Luxemburg.

Was braucht der Jugendliche, wo kann man ihn auf seinem Lebensweg unterstützen und fördern? Viele Beispiele und Erfahrungen hat René uns gegeben. Er bezeichnete sich als Seiltänzer und Begleiter für die Jugendlichen. Den Abschluss des Tages erlebten wir im Bahnhofsviertel und trafen ehemalige Schützlinge aus dem Gefängnis. Ein erster Einblick in die Stadt und Welt unseres Gastes. Auch wenn der Austausch gut ist, Praxis ist wichtiger. So machten wir uns am Mittwoch auf den Weg. Zuerst nach Dreiborn. Dort gibt den neu eröffneten Gefängnisbau mit hohen Sicherheitsvorkehrungen (Unité de sécurité – UNISEC). Hoher Zaun, verschlossene Türen, Bedienstete, ErzieherInnen, PädagogenInnen und SozialarbeiterInnen begleiten die Jugendlichen.

Es können bis zu 12 Jungen und Mädchen aufgenommen werden. Sie stellen zusammen die Regeln auf und die Betreuer sind jederzeit Ansprechpartner. Es ist ein Experiment, ein Versuch. Alles noch in der Erprobungsphase. Es geht darum, Vertrauen zu den Jugendlichen aufzubauen. Allerdings ist die Zeit dort laut Jugendschutzgesetz auf drei Monate begrenzt. Nachfolgeprojekte werden anschließend gesucht oder der Jugendliche wird mit Erlangung seiner Volljährlichkeit entlassen. Wir hatten viele Fragen und haben uns alles aufmerksam angeschaut. Leider kamen wir nicht in Kontakt mit den Jugendlichen, aber beäugt wurden wir interessiert.

In dem für ca. 80 Minderjährige ausgelegten sozialpädagogischen offenen Zentrum auf dem selben Gelände hatten wir ein Gespräch mit dem dortigen Leiter, Ralph Schröder. Vieles wussten wir schon. „Wenn jemand hier wegläuft?“ Dann ist das eben so. Irgendwann wird er gefasst und wieder gebracht. Es sind Jugendliche , die eine Gefahr für sich selbst oder die Gesellschaft darstellen und die durch ihr Seiltänzer und Begleiter sein baufälliges Verhalten auf sich aufmerksam gemacht haben. Dies können Kinder und Jugendliche sein, die beispielsweise mehrmals zu Hause ausgebüxt sind, regelmäßig die Schule schwänzen, Vandalismus-Delikte begangen, Menschen angegriffen haben oder Rauschgiftmittel verkauften. Der „Service psycho-sociale“ hilft u.a. die Kindheit, der schulische Hintergrund, das familiäre Umfeld und die Gesundheit des Jugendlichen zu berücksichtigen.

Im abgeschlossenen Bereich mit hohen Sicherheitsvorkehrungen “Unité de sécurité” (UNISEC) im luxemburgischen Dreiborn.

Nach einem Picknick in den angrenzenden Weinbergen ging es weiter in den Offenen Vollzug eines ehemaligen Bauernhof in Givenich. Rundgang, Erläuterungen, Anschauen von Werkstätten und ein Kaffee. Dort erzählte die Erzieherin Vanessa von ihren Eseln und ihrer Tier unterstützten therapeutischen Arbeit. Esel lassen sich nicht einfach schubsen oder drängen. Man muss sich behutsam mit ihnen vertraut machen. Zwang, Druck oder sogar Strafe bringt nichts, im Gegenteil. Wie gut dies zu unserem Thema passt. In der schmucken und in Renovierung befindlichen Kirche brachten wir mit Taizeliedern unsere Stimmung zum Ausdruck. Auf dem Rückweg hielten wir am Esel-Freigelände an und erfuhren nach der Theorie handfest die Praxis. Nach einer Weinprobe und einem guten Abendessen kamen wir nach einem langen, anstrengenden Tag erschöpft, voller Eindrücke, aber hundemüde in Luxemburg Stadt an.

Am Donnerstag stand uns Messaoud Atraus, Imam aus Algerien, zur Verfügung. Eine Herausforderung für ihn und uns. Es war nicht nur die Übersetzung, die die Kommunikation zu diesem sensiblem Thema schwierig machte. Wir brauchen noch viel Zeit und Geduld im interkulturellen-religiösen Dialog. Die Franziskanerin, Sr. Marie-Jeanne, nunmehr ehrenamtlich im Gefängnis tätig, berichtete uns danach von ihrer Arbeit mit den weiblichen Gefangenen im Centré pénitentiaire de Schrassig.

Der Nachmittag wurde genutzt, um noch mehr von der Stadt und Geschichte Luxemburgs zu erfahren. Wir hatten einen Fachmann im Team. Kathedrale, herzoglicher Palast und die Orte von Romains Sturm- und Drangzeit, ehemaliges Benediktinerkloster, zwischenzeitlich Gefängnis. Kloster und Knast haben nicht nur den ersten Buchstaben gemeinsam. Gemütlich klang der Abend aus. Der Abreisetag hatte nur noch eine Rumpfmannschaft zum Abschluss präsent. Es ist eben ein weiter Weg wieder zurück, nicht nur bis zur Müritz in Mecklenburg-Vorpommern. Dankbar, voller Eindrücke, gestärkt und mit vielen neuen Ideen, machten sich alle auf den Weg. Aber nicht ohne den Schwestern und den MitarbeiterInnen am Tagungsort für die große Gastfreundschaft zu danken und sich in das große Gästebuch zu verewigen.

Gabriel Zörnig  | Ehem. JA Neustrelitz

 

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