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Literaturpreis verhilft Worten in die Freiheit

„Ich sterbe, bevor ich sterbe” – mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene haben in Zellen verborgene Worte und Gedanken von inhaftierten Straftätern den Weg in die Freiheit gefunden.

 

Die Kommende in Dortmund-Brackel ist das Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn und ein Ort, an dem Kirche kritische Fragen stellt und Sinn oder Unsinn zu ergründen versucht. Mit der zehnten Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises in 30 Jahren führte die Kommende in eine „Welt des Widersinns“ hinein in deutsche Haftanstalten. Die 1986 verstorbene deutsche Schriftstellerin Ingeborg Drewitz ist Namensgeberin des Literaturpreises. Die sozialkritische Autorin stellte auch die Menschenrechte in den Mittelpunkt ihrer Arbeit.

„Begegnungen in der Welt des Widersinns“. So überschrieben war der diesjährige Wettbewerb der Worte, die ohne den von der Dortmunder Gefangeneninitiative organisierten Preis nicht in die Freiheit geschafft hätten. Ausgezeichnet wurden 14 auch unter die Haut gehende Texte, die allesamt in deutschen Knästen entstanden sind.

Die Krimiautorin Gabriella Wollenhaupt, der Literaturwissenschaftler Dr. Friedemann Grenz und ein ehemaliger Gefangener lasen sechs Texte vor und gaben den Autoren kurz eine Stimme in der Freiheit. Die Texte beschreiben Sehnsüchte, Zustände und Verzweiflung, aber selten Mut. Sätze wie „Die Zeit ist ein Ungeheuer. das nicht mit sich reden lässt” oder ‚„Der Tod ist nicht tragisch. Tragisch ist nur, nicht gelebt zu haben“ zeugen davon, dass Gefangene mit dem Schreiben die intensive Auseinandersetzung suchen.

Nur zwei Gefangene konnten die Preise in der Kommende persönlich entgegen nehmen. In den anderen Fällen lehnten die Gefängnisdirektoren eine Ausführung nach Dortmund aus „personellen“ und „organisatorischen“ Gründen ab. Das sorgte für Kritik auch unter den Besuchern.

Mit Kritik belegte der frühere Anstaltsleiter und heutige Strafverteidiger Thomas Galli den deutschen Strafvollzug. Er war Schirmherr der Preisverleihung. Seine wesentliche Aufgabe, die Resozialisierung der Strafgefangenen, erfülle der Knast nicht. Im Gegenteil, er sei Nährboden für noch mehr Kriminalität. Geht es nach Thomas Galli, wird der geschlossene Strafvollzug abgeschafft. „Die Systeme draußen“ seien zu stärken. Die Resozialisierungsfunktion des Knasts sei nicht ausreichend, so Galli.

Peter Bandermann
Ruhr Nachrichten

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