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Let’s talk about Sex… Im Jugendvollzug?

Manchmal muss man mit Inhaftierten mittanzen
1. Oktober 2021

Das Thema schwebt seit langem über unseren Köpfen, denn wir werden darauf angesprochen. Sexuelle Themen kommen in Seelsorgegesprächen vor. Doch in der Seelsorgeausbildung lernen wir in der Regel ja nicht, gut darüber zu sprechen. Was sollen wir also in so einer Situationen tun? An den Psychologen verweisen? Das Gespräch eher im Allgemeinen halten? Andererseits: Da traut uns jemand zu, dass wir die Richtigen dafür sein könnten. Also machen wir uns Gedanken und üben es.

Sexualität ist im Jugendvollzug allgegenwärtig, wird aber nur selten zum Thema gemacht. Ob man nach dem Sport in der Halle duschen muss (Gemeinschaftsdusche) oder auf dem Haus duschen darf (Einzeldusche). Und wenn schon in der Halle, dann aber zumindest in Unterhosen. Das ist die neue Schamhaftigkeit. Wenn aber einer aus der WG-Dusche kommt, mit nichts als einem Handtuch um die Hüften, dann ist dieses Feigenblatt auch schnell mal weggerissen und die Heiterkeit groß. Das ist dann sexuelle Belästigung. Deshalb darf man die Dusche nur noch vollständig angezogen betreten und verlassen. Ob man in einem Haftraum, in dem sich ein Koran befindet, onanieren darf, ist ein heißes Thema. Manche tun das in jeder freien Minute – der Druck ist so groß, dass es schon weh tut. Manche werden dabei erwischt, weil wieder mal jemand ohne zu klopfen die Tür aufgeschlossen hat. Sexualität wird vermisst. Und darüber wird gesprochen, auch mit uns. Dabei wird auch darüber gesprochen, wie Sexualität in der letzten Beziehung ausgesehen hat, und was das für Auswirkungen hatte. Und darüber hinaus sind da ja auch noch die Sexualstraftäter da. Viele Themen also, die uns bewegen. In drei Kreisen haben wir uns dem genähert.

Wie ist Sexualität heute?

Zuerst also die Frage, wie Sexualität bei Jugendlichen heute aussieht. Wir Seelsorgerinnen und Seelsorger sind da ja Generationen weit weg davon. Dafür hatten wir den Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche Michael Elsner als Referenten bei uns. Ein Schwerpunkt seiner Einführung war die Allgegenwärtigkeit und Bedeutung von Pornographie. Bereits Kinder konsumieren sie. Das Einstiegsalter liegt mittlerweile bei elf Jahren. Nach einer Studie konsumieren 47% der 16 – 19jährigen Jungs täglich Pornographie, ganz überwiegend auf mobilen Endgeräten. Andere Studien sind da vorsichtiger mit Zahlen, aber auch dort sind es überraschend viele. Zwar ist der Konsum „harter“ Pornographie Minderjährigen verboten, aber bei vielen Anbietern ist das Problem mit einem entsprechend gesetzten Häkchen erledigt. Welche Auswirkungen diese mediale Verfügbarkeit auf die sexuelle Entwicklung von jungen Männern hat, ist ein spannendes Thema, das bereits überleitet zum nächsten Themenkreis.

Sexuelle Störungen und Delinquenz

Auch hier verändert sich etwas. Wenn im Chat Dennis (16) Luisa (14) bittet, ihm ein Nacktbild zu schicken, war ich bisher immer der Überzeugung, dass unter dem Pseudonym Dennis (16) in Wirklichkeit Karl-Heinz (49) auf Bildersuche ist. Das mag vielleicht auch sein. Aber es wird zunehmend wahrscheinlicher, dass es sich wirklich um Dennis (16) handelt. Auch Sexualstraftäter werden immer jünger. Und wenn Dennis in seinen heimlichen Filmchen gelernt hat, dass das „Nein“ der Frau auch nach dem dritten Mal in Wirklichkeit doch „Ja“ bedeutet, dann haben nicht nur die Mädchen ein Problem, die sich auf ihn einlassen. Dennis hat ein Problem. Wahrscheinlich hat er nie gelernt, stabile Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das ist wohl das einzige, was man verallgemeinernd über Sexualstraftäter sagen kann. Denn die Menschen und die Situationen sind so unterschiedlich, dass es kaum möglich ist, Typologien zu bilden. Nur das häufig unstrukturierte und lose Bindungsmuster, gepaart mit einem niedrigen Selbstwertgefühl, scheint durchgängig aufzufallen. Wenn dann noch schulische Probleme und Alkohol in der Familie dazukommen, kommt ein junger Mann schnell an seine Grenzen.

Behandlerisch ist hier ein Beziehungsangebot gefordert, in dem eine Bindungserfahrung ermöglicht wird, die beständig und verlässlich ist. Therapeutinnen der Sozialtherapie im Bayerischen Jugendvollzug haben uns dazu ihr Konzept vorgestellt. In einem Bild: Mit den Jugendlichen „tanzen“, also im Vor und Zurück mitgehen. Nicht die rigide Forderung darf im Vordergrund stehen, sondern die Beweglichkeit. Denn erst, wenn eine Beziehung aufgebaut ist, kann eine Veränderung beginnen. Ohne Beziehung wird sie nicht kommen. Als Seelsorgende sind wir nicht so viel Zeit mit den Jungs zusammen, aber auch in unserem Konzept spielt die Frage nach einer zuverlässigen Beziehung und einem Bindungsangebot eine Rolle.

Die persönliche Haltung

Im dritten Kreis bringt uns die Beschäftigung mit den Sexualstraftätern zurück zu unserem eigenen Konzept von Sexualität. Was delinquente Sexualität ist, sagen uns die Gerichte. Was sexuelle Störungen sind, sagt uns der ICD 10. Aber was ist das andere? Das „Normale“? Was ist gesunde Sexualität, was gute und was partnerschaftliche? Hier lässt uns schon die Sprache im Stich. Normale vs. perverse Sexualität? Gesunde vs. kranke? Gute vs. schlechte Sexualität? Muss Sexualität denn immer partnerschaftlich organisiert sein? Es ist gar nicht so einfach, das, was wir meinen, auch angemessen in Worte zu fassen. Die Begriffe jedenfalls machen es eher mühsamer. Es zeigt sich schnell, dass jeder und jede von uns sein eigenes Bild von gelingender Sexualität hat. Das zu erkennen ist wichtig.

Denn es ist meine je eigene Basis im Gespräch. Die ist weder in Stein gemeißelt noch in Erz gegossen. Denn mein Gegenüber kann das alles ja auch anders sehen. Was mir in der Sexualität wichtig ist, gut und gesund erscheint, kann ein anderer anders empfinden – ohne dass es damit automatisch krank und schlecht wäre. An diesem Punkt müssen auch wir das Tanzen lernen. In einer Übung haben wir herausfinden können, welche Begriffe für uns persönlich ganz eng mit Sexualität verbunden sind. Und klar: Wenn ich mir meiner Position sicher bin, dann kann ich damit auch viel besser ins Gespräch gehen.

Geprägte Milieus

Zwei Fachleute waren uns per Video zugeschaltet. Sie kommen aus Berlin – und wir saßen in Bayern am Ammersee. Hania Weisbach und Yilmaz Atmaca von MINDprevention, die auch zum Thema Sexualität Workshops in Anstalten anbieten. So ein hybrides Setting hat natürlich deutliche Nachteile, aber anders hätten wir uns solche Referenten nicht leisten können. Mit ihnen haben wir noch einen Blick in patriarchal geprägte Milieus werfen können, wie sie in manchen Migrantenfamilien vorherrschend sind – nicht nur in der ersten Generation. Da stehen Loyalitätsketten zentral im Raum, wer wem zum Gehorsam verpflichtet ist. Wer niedriger steht, hat zu folgen. Wer außerhalb dieser geprägten Loyalitäten steht, hat keinen Anspruch auf Gehör und Respekt. Das kennen wir unter dem Begriff der Parallelgesellschaft. Dieses Milieudenken prägt den Umgang in den betroffenen Herkunftsfamilien. Es wurde uns aber auch klar, dass es sich dabei nicht einfach nur um Machtkonstellationen handelt. In der Darstellung eines Familienkonflikts wurde die die ganze Ohnmacht und Sprachlosigkeit deutlich, wenn Systeme sich nicht in Beziehung bringen lassen. Auf die Ausgestaltung von Heirat und Familiengründung wirkt sich traditionelles Denken mitunter konfliktreich aus. Und eben auch auf die Gestaltung von Sexualbeziehungen – vor allem, wenn sie eigentlich gar nicht erlaubt sind.

Fazit

Eine Fahrt über den See und ein Gang nach Kloster Andechs haben die Tagung herrlich abgerundet. Mein Fazit: Alle Referenten haben uns ermutigt, das Thema Sexualität im Seelsorgegespräch anzunehmen. Vielleicht müssen wir uns damit noch Mühe geben und eine passende Sprache lernen, aber es lohnt sich. Man muss die Sexualität nicht ausklammern, nicht abweisen oder drumherum schleichen. Wenn andere uns zutrauen, das Thema zu besprechen, dann können wir das auch wagen. Schließlich haben wir Tanzen gelernt. Es ist gar nicht so schwer.

Eckhard Jung | JVA Wiesbaden

 

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