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Jakob‘s Traum mit der Leiter

Was haben Sie in der letzten Nacht geträumt? Oder: Wissen Sie noch, was Sie geträumt haben? Manchmal wachen wir auf und sind ganz irritiert von dem was wir geträumt haben. Manchmal vermuten wir sogar, dass das, was wir geträumt haben, wie eine Art Prophezeiung war. Das merken wir aber immer erst im Nachhinein. Wissen Sie noch, was Sie geträumt haben?

 

Das Komische an den Träumen, oder das irritierende unserer Träume ist, dass, so absurd sie vielleicht auch waren, immer irgendwie mit uns zu tun hatten. Immer war etwas in dem Traum, das zu unserem Leben passte oder passt. Das ist das besondere an Träumen: Sie haben immer mit uns zu tun. Wir kommen immer darin vor! Und deshalb ist es auch so spannend, über Träume zu reden. Wer über Träume redet, redet immer auch über sich.

Und so ist es auch bei Jakob. Sein Traum hatte mit ihm zu tun. Darum wird er von Anfang an darüber geredet haben. Und er kam selber darin vor: Jakob ist auf den Flucht vor seinem Bruder Esau. Er ist müde und erschöpft. In solchen Momenten, wenn man so am Ende ist bekommt man ein Gespür dafür, wenn man sagt: „Der kleine Bruder vom Tod ist der Schlaf.“ Und in einem solchen Traum begegnet ihm Gott. Und der verspricht ihm, dass er und seine Nachkommen auch zukünftig in dem Land leben werden, in dem er gerade auf der Flucht ist vor seinem Bruder.

Irgendwann, so das Versprechen Gottes, wird der Fluchtort zur Heimat. In seiner Situation, kaum zu glauben. Aber neben diesem Versprechen in diesem Traum ist das eigentlich bemerkenswerte das Bild, das er träumt: eine Leiter von der Erde in den Himmel, oder umgekehrt und darauf gehen die Engel auf und ab. Und ganz oben steht Gott und ganz unten liegt und träumt Jakob. Dies Bild fasziniert mich: die Leiter als Verbindung zwischen Himmel und Erde. Und da bin ich hier mitten im Gefängnis. Ich habe zu Hause hier und da Leitern stehen – große und kleine. Brauche sie ganz selbstverständlich hier und da.

Aber hier im Gefängnis?! Hier ist sie genau das, wozu sie erfunden worden ist: um Höhe, um Mauern, um Zäune zu überwinden. Eine Leiter hier im Gefängnis ist etwas ganz besonderes. Alle sind eingeschlossen oder irgendwie angeschlossen. Nur wer sie wirklich braucht, darf sie nehmen. Aber sie darf nicht einfach rumstehen. Die Leiter wird hier noch viel mehr zum Symbol dafür, mit ihrer Hilfe unüberwindliche Zäune und Mauern überwinden zu können.

Und Jakobs Traum? Er ist mit seinem Traum von der Leiter zwischen Himmel und Erde auch etwas ganz Besonderes: Die Jakobsleiter überwindet eine Distanz, die bis dahin unüberwindlich schien. Gott war für die Menschen so weit weg, wie für Inhaftierte die “Welt draußen”. So nah eigentlich und doch so weit weg. Und dann träumt Jakob, dass genau diese Unüberwindlichkeit überwunden werden kann, mit großer Leichtigkeit, dass die Engel auf und abgehen. Das ist das besondere an diesem Traum. Vielleicht genauso besonders und irritierend wie unsere Träume.

Und vielleicht haben Sie ja alle schon mal von der Freiheit geträumt, hier ganz einfach, mir nichts dir nichts, herauszumarschieren in die Freiheit, obwohl man als Strafgefangener die Strafzeit im Gefängnis verbringen muss. Träume haben immer etwas mit uns zu tun. Und Jakobs Traum hat insofern mit ihm zu tun, dass Gott am Ende das Unüberwindliche überwindet. Im Traum mit der Leiter. Und das hat mit mir zu tun, und deshalb sind Träume so irritierend.

Stefan Thünemann | JVA Herford

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