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Lebendige Gedenkorte: Ein internationales Projekt

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Der Berliner Künstler Roman Kroke hat in seiner Funktion als Organisator von “Living Memorials”, Gefängnisseelsorger Meins Coetsier mit der Musikgruppe “Divine Concern” eingeladen, an dem internationalen Projekt “Lebendige Gedenkorte” teilzunehmen und damit den Themenkreis „Geschichte und Erinnerungskultur” mitzugestalten. Das länderübergreifende Event findet digital Mitte August in Belarus und in Präsenz Ende September 2021 in Berlin statt. Das Projekt bietet die Möglichkeit einen persönlichen “Fingerabdruck” in Form von Worten, Musik, Fotos oder einem Video inmitten des Naliboki Waldes und im historischen Gebäude der Wannsee Konferenz zu hinterlassen.

Die internationale Initiative entwickelt sich über mehrere Module von August 2021 bis März 2022 und wird von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft” finanziert. Im Mittelpunkt des Projekts stehen zwei historische Orte. Zum einen die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin, Europas wohl symbolträchtigste Gedenkstätte, wenn es um die Planung der Deportation und Ermordung der europäischen Juden geht. Zum anderen verschiedene Orte in und um Novogrudok (Belarus), die mit der Geschichte der jüdischen Bielski-Partisanen verbunden sind. An dieser ehemaligen Lagerstätte der Bielski-Partisanen, überlebten mehr als 1200 Juden den Holocaust. Edward Zwicks Film Defiance (2008), mit James Bond 007-Darsteller Daniel Craig zum Beispiel, sorgte für weltweite Beachtung der Partisanengeschichte.

In mir ist kein Dichter, nur ein kleines Stück Gottes, das zu Poesie heranwachsen könnte. Und ein Lager braucht einen Dichter, der das Leben dort, auch dort, als Barde erlebt und darüber singen kann.

Etty Hillesum

An beiden Orten wird eine Gruppe von Pädagogen einigen Leitfragen nachspüren, die auch Diakon Dr. Coetsier als motivierter Wissenschaftler und Etty Hillesum Experte mit seiner Musikband “Divine Concern” behandelt. Sein Beitrag beschäftigt sich damit, wie der Begriff „Lebendiger Gedenkort“ (engl. „Living Memorial“) verstanden werden kann. Für Coetsier ist Living Memorial kein Konzept, sondern ein Anliegen, ein göttliches Anliegen. Dass Spirituelle in Kunst und Musik bereichert das Verständnis der Menschenwürde und kann helfen zu erkennen, dass die Erfahrung der Einstimmung auf das Göttliche, auf jeden Menschen sowie die reale Begegnung und Dialog miteinander, ein Schlüssel zum Menschsein sind.

Die Motivation beim Projekt “Living Memorial” mitzumachen war, an die Bedeutung der menschlichen Suche nach Gott zu erinnern, so wie sie in den Briefen und Tagebüchern der niederländischen Jüdin Etty Hillesum zu finden sind. Ihr spirituelles Erbe spiegelt die göttliche Sorge um das menschliche Leben um Würde und Liebe, inmitten der Schrecken des 20. Jahrhunderts wieder. Sie zeigt, dass das Schreiben und Lesen von Texten, von Gedichten und Literatur sowie das Singen eines Liedes ein Akt der Stärkung und Ermutigung sein kann.

Bedeutsam ist, dass sie glaubte, dass diese schrecklichen Umstände ein „Lied“ von einem „Künstler“, einem „Dichter“ mit einem „denkenden Herzen“ brauchen. Aus dieser Überzeugung entstand ihr Entschluss, „das denkende Herz eines ganzen Konzentrationslagers“ zu sein. Alle Etappen des Projekts werden auf der Online-Plattform fortlaufend dokumentiert. Hier findet man Hintergrundinformationen zu den historischen Stätten, dem Projektteam und dem künstlerisch interdisziplinären Ansatz zum Living Memorial.

Die beiden Gruppentreffen werden von einem Kamerateam begleitet, das einen mehrsprachigen Dokumentarfilm produzieren wird. Der Film wird auf europäischen TV-Kanälen ausgestrahlt werden und anschließend als kostenloses Online-Streaming zur Verfügung stehen. Die Ergebnisse des Projekts werden in einer Ausstellung in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz präsentiert.


Die Musikband “Divine Concern” ist ein deutsches Gefängnismusikprojekt von Meins G.S. Coetsier (Gesang und Gitarre), Addi Haas (Klavier/Akkordeon/Schlagzeug/Percussion) und Tilo Zschorn (Gitarre). Inspiriert von Johnny Cash gehen sie regelmäßig in die Gefängnisse der JVA Hünfeld und Fulda und musizieren mit den Inhaftierten. Auf der Suche nach zeitgenössischen Formen von Religiosität, Spiritualität und Kunst machen sie einen Sound hinter Stacheldraht und bringen Menschen aller Nationen, Rassen, Ethnien und Religionen zusammen. Ihre Musik spiegelt persönliche Geschichten von Leben, Tod, Liebe und Freiheit, von Kummer und Schmerz, Humor und Spaß wider und zeigt, wie die göttliche Präsenz in den unwahrscheinlichsten Ecken der zeitgenössischen Welt zu finden ist.

Titelbild: Figuren Rudi Bannwarth, Ettlingen

 

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