parallax background

Kreuzwegtafeln erinnern an den eigenen leidvollen Weg

17. Mai 2022
Auseinandersetzung, die das Leben tatsächlich verändert
17. Mai 2022
Gefängnisseelsorge bringt ihren Arbeitsplatz auf den Katholikentag
30. Mai 2022

Die Menschen im Gefängnis haben es schon erlebt: Sie werden festgenommen, warten auf die Gerichtsverhandlung, bekommen ein Urteil und werden bestraft. Unabhängig davon, ob jemand schuldig ist oder unschuldig, ob das Urteil gerecht ist oder ob es sich um ein Fehlurteil handelt – dieser Weg ist schmerzhaft. Der Kreuzweg in katholischen Kirchen beschreibt diesen Weg, den auch Jesus gegangen ist, in 14 Stationen.

In der Justizvollzugsanstalt Karlsruhe gibt es 14 Holztafeln, in denen sich die Gefangenen mit ihrem Schmerz wiederfinden können. Die Relieftafeln helfen, das eigene Leben mit dem Leben Jesu in Verbindung zu bringen: Von dem Gefühl, verlassen zu sein („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) bis zum Aufkeimen von Hoffnung („In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist.“). Die Kreuzwegtafeln der JVA Karlsruhe sind aus Lindenholz und wurden vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einem unbekannten Künstler geschnitzt. Sie hingen die letzten 50 Jahre in der Kapelle des Vincentiuskrankenhauses in Karlsruhe und wurden im Jahre 2021 nach der Profanierung der Krankenhauskapelle der katholischen Seelsorge an der JVA geschenkt. Von den Kreuzwegbilder wird ein Leporello erstellt. Das ist ein langer Papier- oder Kartonstreifen, der ziehharmonikaartig zusammengelegt ist.

Situation auf Häftlinge übersetzen

Michael Drescher findet, dass der Kreuzweg hervorragend in die Justizvollzugsanstalts-Kapelle past, was nicht nur damit zu tun habe, dass der Kreuzweg und die JVA wohl ungefähr das gleiche Alter hatten. „Es gibt auch viele Möglichkeiten, die Darstellungen auf den Tafeln umzuinterpretieren und sie damit an die Situation der Häftlinge anzupassen“, sagt er und nennt Beispiele: Station vier zeigt, wie Jesus seiner Mutter begegnet, Station acht stellt die Begegnung mit den weinenden Frauen dar. „Auch in der JVA sind die Begegnungen mit den Familienangehörigen sehr emotional“, berichtet Drescher. Station sechs, in der Veronika Jesus das Schweißtuch reicht, bezieht der Gefängnisseelsorger auf die ehrenamtlichen Helfer, die sich für die Inhaftierten engagieren. Als weiteres Beispiel nennt er die Station neun, in der Jesus zum dritten Mal unter dem Kreuz fault. „Auch das lasst sich auf die Situation der Gefangenen umdeuten“, meint Drescher. „Für viele wird die Last schwer, wenn die Familie, der Arbeitsplatz weg ist.“ Bisher gibt es in der JVA keinen Kreuzweg. Drescher ist davon überzeugt, dass sich die Tafeln gut in die Gottesdienste einbauen lassen.

Neuer Platz für die Tafeln

Viele Jahre hingen die 14 Tafeln in der Kapelle der St. Vincentius-Klinik in der Steinhäuserstraße. Die ViDia Kliniken sind ein Verbund Christlicher Kliniken in Karlsruhe. Unzählige Menschen haben vor diesen Kreuzweg-Tafeln gebetet und Trost gesucht und gefunden. Im Zuge der Neu- und Umbaumaßnahmen an den ViDia Kliniken wurde die Kapelle entweiht – und für die Holztafeln musste ein neuer Platz gefunden werden. Dieser Platz wurde nun in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Karlsruhe entdeckt. Künftig werden die Kreuzweg-Tafeln die Gefängniskapelle schmücken.

Michael Drescher | Fotos: U. Haubold

 

Feedback 💬

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.