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Die Gefängnisseelsorge ist unerforschtes Gebiet

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Geschichtlich ist die Gefängnisseelsorge weitestgehend ein unerforschtes Gebiet. Es gibt zwei ältere Arbeiten zur evangelischen Gefängnisseelsorge in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Eine Arbeit zu deren Geschichte in ganz Deutschland steht noch aus. Martin Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Erfurt, arbeitet gegenwärtig zur Geschichte der katholischen Gefängnisseelsorge.

Die Regierung der DDR wollte den Zugang von Seelsorgern in den Strafvollzug weitestgehend gering halten. Um aber nach außen hin sagen zu können, dass die Seelsorge gewährleistet sei, warb sie zu Beginn der 1950er Jahre drei “fortschrittliche”, also linientreue Pastoren von der evangelischen Kirche ab und stellte sie in den Staatsdienst ein: Hans Joachim Mund, Heinz Bluhm und Eckart Giebeler. Mund und Bluhm blieben nicht lange, Giebeler jedoch bis 1989 und war gleichzeitig für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tätig. Zu Giebeler ist im Dezember 2019 eine Arbeit erschienen.

Pfarrer Eckart Giebeler arbeitete von 1949 bis 1992 als evangelischer Gefängnisseelsorger in verschiedenen Gefängnissen der DDR und nach 1990 im Land Brandenburg. Ab 1953 übte er seine seelsorgerliche Tätigkeit als Angestellter des Ministeriums des Innern der DDR aus und verpflichtete sich 1959 per Handschlag zur Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Als IM „Roland“ schrieb er Berichte über Inhaftierte, besprach Tonbänder mit Informationen über Pfarrkonvente und Pfarrer-Kollegen und übergab dem MfS Dokumente, die „nur zum innerkirchlichen Dienstgebrauch“ bestimmt waren.

1992 veröffentlichte Giebeler seine Autobiografie unter dem Titel „Hinter verschlossenen Türen. Vierzig Jahre als Gefängnisseelsorger in der DDR“, in der er u. a. beschreibt, wie er den Anwerbungen des MfS als Christ und Pfarrer widerstanden habe. Die Geschichte von Eckart Giebeler ist in ihren individuellen Dimensionen die Geschichte einer persönlichen Tragik. Aber sie ist auch eine Geschichte von Schuld und Verrat, ungeklärtem kirchlichen Leitungsverhalten und letztlich eine Geschichte der Suche nach Zugehörigkeit, die Eckart Giebeler auf seine Weise beantwortet hat.
Marianne Subklew-Jeutner, Schattenspiel. Pfarrer Eckart Giebeler zwischen Kirche, Staat und Stasi (Schriftenreihe der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur Bd. 12), Berlin 2019.


Eine der zwei älteren Arbeiten zur evangelischen Gefängnisseelsorge in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus ist von Peter Brandt gedruckt erschienen.
Peter Brandt, Die evangelische Strafgefangenenseelsorge. Geschichte – Theorie – Praxis (Arbeiten zur Pastoraltheologie 21), Göttingen 1985.
Die Arbeit von Brigitte Oleschinski kann man bei einer Bibliothek über Fernleihe ausleihen. Sie liegt als Mikrofilm vor.
Brigitte Oleschinski, „Ein letzter stärkender Gottesdienst…“. Die deutsche Gefängnisseelsorge zwischen Republik und Diktatur 1918–1945, Diss. phil., Maschinenschrift, Berlin 1993.

Zur Gefängnisseelsorge in der DDR erschien 1994 ein erstes Buch. Beckmann und Kusch haben 1992 einen Film für die ARD gedreht. Darin u.a. die Stasi-Verbindung von Pastor Eckart Giebeler aufgedeckt. Die Recherche-Ergebnisse sind als Buch herausgegeben. Seelsorge an Gefangenen war eine der schwierigsten, aber auch dringendsten Aufgaben der Kirchen in der DDR, denn die bedrängten Häftlinge suchten Hilfe und Zuspruch. Doch die für den Strafvollzug zuständige Volkspolizei wollte möglichst keinen Einblick in die Zustände hinter Gittern gewähren und gestattete nur widerwillig einigen wenigen Pfarrern Zutritt zu den Haftanstalten.

Unter ihnen waren Helden und Kleingläubige, Verräter ebenso wie Tröster in der Not. Ständig überwacht von der Stasi, oft aber auch mißtrauisch betrachtet von Gefangenen, konnten sie ihre Arbeit meist nur im Verborgenen tun. Es schildert darüber hinaus die Wende im Knast und fragt nach der Rolle der Kirche beim Aufbau eines Strafvollzugs nach westlichem Muster in den neuen Bundesländern.
Andreas Beckmann / Regina Kusch, Gott in Bautzen. Die Gefangenenseelsorge in der DDR, Berlin 1994.

Zur evangelischen Gefängnisseelsorge in der DDR bis 1958, mit dem Schwerpunkt auf die Tätigkeit von Pfarrer Mund, ist 2019 an der Universität Siegen von Stefanie Siedek-Strunk eine Doktorarbeit eingereicht worden, die jedoch noch nicht gedruckt erschienen ist.


Katholische Gefängnisseelsorge taucht so gut wie gar nicht auf, mit der Ausnahme von Pfarrer Johannes Drews und seiner Tätigkeit 1989 in Brandenburg/Görden. Eine Arbeit zur Geschichte der Gefängnisseelsorge in Deutschland steht noch aus. Martin Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Erfurt, arbeitet gegenwärtig zur Geschichte der katholischen Gefängnisseelsorge in der Sowjetisch besetzten Zone (SBZ) und in der DDR (1945-1990). Die Arbeit wird 2020 erscheinen. Einen Aufsatz über die Geschichte der Gefängnisseelsorge in Thüringen kann man hier lesen.

 

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