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Schlafen werde ich viel in dieser Weihnachtszeit

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Ein Inhaftierter schreibt seine Gedanken zur Weihnachtszeit in der niederrheinischen Justizvollzugsanstalt Geldern auf. Als Gefängnisseelsorger frage ich ihn, ob er seinen Text veröffentlichen würde. Er stimmte zu. In keinem anderen Zeitraum des Jahres ist bei inhaftierten Menschen die Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Familie und Harmonie so groß wie am Weihnachtsfest. Genauer am Tag des Heilig Abend.

Ein Gefangener schmückt seine Haftraumtür. Für diese Aktion hätte dieser fast eine Schadensmeldung bekommen. Die Bediensteten drücken aber ein Auge zu.

Ich spüre es, wie die Tiere sich für den Winterschlaf einrollen, sich in Höhlen zurückziehen oder einfach den Puls runterfahren, so bewegt sich die Masse der Menschen Richtung trautes Heim, wo seit Wochen dekoriert ist. So stelle ich mir es auf jeden Fall vor. So sollte es sein, wie es in Echt aussieht oder sich abspielt entzieht sich meiner Kenntnis. Denn als ich ein freier Mann war, wollte und konnte ich nicht an dieses Fest der Liebe teilhaben. Ich dachte, arbeiten ist wichtiger und Liebe ist ein Luxus, der verdient werden musste. Und überhaupt, was ist die Bedeutung von Weihnachten? Schön und gut, Christus ist geboren…

Solchen Gedanken hing ich nach, während die meisten im trauten Heim Heilig Abend zusammen verbrachten, alleine, kiffend, im Auto an der Maas in Holland. Traurige Figur. Heute verbringe ich mit vielen Leidensgenossen hinter Gittern die Weihnachtszeit. Und auch hier sind es die Kleinigkeiten die einen lächeln lassen und daran erinnern dankbar zu sein, für das was man hat, wenn’s auch noch so klein erscheinen mag.

Um Weihnachten zu feiern gibt es sicherlich schönere Orte auf dieser Welt aber auch schlimmere. Es ist ok, wo immer wir auch gerade sind und die Weihnachtszeit ist auch eine Zeit des Anfangs. Von was, das liegt in unserer Hand.
Ich werde dieses Weihnachten mit liebevollen Highlights versuchen auszuschmücken. So gut wie es mir möglich ist. Zum Beispiel mit selbstgemachtem Kuchen, Essen und Geschenke. Anderen ein Lächeln zu zaubern ist mir Weihnachten genug. Und schlafen werde ich viel. Denn die Feiertage verbringen wir ab 16 Uhr alleine, jeder für sich.

Die Beamten, die dann hier sind würde ich gerne sagen: Sorry, dass ihr meinetwegen hier sein müsst. Aber das würde zu dem Zeitpunkt nicht zu ändern sein. Also lasse ich es lieber und genieße die friedliche Ruhe, die sich wie ein Schleier über das ganze Gefängnis legen wird.

R.B.

 

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