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In jedem Mensch steckt ein heiler Kern – auch im Knast

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Diakon Heiner Vogl schließt die Kapellentür der JVA Bernau auf: „Unsere Gottesdienste werden richtig gut besucht.“

Der gebürtige Straubinger Vogl ist Ansprechpartner für die Inhaftierten und Bediensteten der Justizvollzugsanstalt in Bernau am Chiemsee. Er spricht über das Projekt zur Resozialisierung der Straftätter auf einem landwirtschaftlichem Hofgut, Empathie und das Wichtigste – Vertrauen – stehen im Vordergrund. Auf ihn kommt man gerne zu: Das war schon so, als er noch Bauingenieur bei der Stadt Traunstein war und setzte sich fort in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bernau. Seit einem Jahr unterstützt Heiner Vogl dort als Diakon und Seelsorger Menschen, deren Lebensstatik instabil geworden ist.

Heiner Vogl ist ein Mensch, der Geduld hat; mit seinen Mitmenschen und auch mit sich selbst. Immerhin war er schon Anfang 40, als er seinem Leben einen unüblichen Schwenk verpasste, der aber nur Außenstehende wirklich verwunderte. Für ihn selber war es eher die Konsequenz einer längeren Sinnsuche, ein „Paulus-Erlebnis gab es jedenfalls nicht“ wie er sagt. Gegen das Etikett „Späteinsteiger“ hat er nichts, ist doch der Diakon eines der ältesten Ämter in der Kirche, neben dem Bischof, und seine Aufgabe ist das Verkünden einer Botschaft und der Dienst am Menschen. Schon als Ingenieur sah er sich als Dienstleister, „und ich habe es gemocht, wenn man auf mich zukam und ich helfen konnte“.

Drei Jahre Studium im italienischen Rom

1960 in Straubing geboren und katholisch sozialisiert – mit evangelischer Mutter – wohnt Diakon Vogl heute mit seiner Familie in der Gemeinde Schleching, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Die ganze Familie war mit ihm für drei Jahre in Rom, wo er, mit einer zeitlichen Unterbrechung, an der Päpstlichen Akademie der Salesianern Don Boscos Theologie studierte. Die Töchter waren damals fünf und sieben, lernten rasch fließend Italienisch und wie er sich erinnert „waren das erlebnisreiche Jahre unter Menschen verschiedenster Nationen und Kulturen. Die Erfahrung als Fremde unter Fremden hat uns gutgetan.“ Mit 49 wurde er im Münchner Liebfrauendom geweiht, in Salzburg machte er 2013 zur Abrundung noch seinen Magister in Theologie und heute ist er Diakon im Hauptberuf.

Diakon Vogl zündet eine Kerze vor der Madonna an, die in Handarbeit von einem Gefangenen gefertigt wurde.

Der Mensch ist nicht als Mensch verurteilt

Das war das Ziel seiner Sinnsuche und er brauchte dafür „auf kein Zeichen von oben zu warten, denn dafür haben wir uns Menschen, Gott sei Dank.“ Die Menschen, für die er in der JVA Bernau als Seelsorger Ansprechpartner ist, sind für ihn übrigens nichts Besonderes, besonders sind eher ihre Situationen. „Der Mensch ist ja nicht als Mensch verurteilt worden“, sagt er mit Nachdruck, „sondern für seine Tat. In jedem steckt doch ein heiler Kern, den die Inhaftierten oft selber nicht kennen.“ Die so gerne schief angeschaute Resozialisierung von Straftätern ist für ihn also kein leerer Begriff.

Wie das in Bernau konkret aussieht, wird klar, als wir im Auto zu einer Rundtour über das 125 Hektar große landwirtschaftliche Gelände aufbrechen, ein staatliches Hofgut sozusagen. Auf ihm wird Viehhaltung von Kühen und Schweinen sowie Gemüseanbau betrieben, einmal wöchentlich gibt es sogar einen „Hofladen“ für die Öffentlichkeit, die Qualität seiner Produkte ist längst kein Geheimtipp mehr. „Wenn unsere Inhaftierten nicht arbeiten könnten,“ betont Vogl, „wüsste ich nicht, wie es überhaupt gehen sollte.“

Zu diesem Programm gehören auch diverse Handwerksbetriebe und ein Gutshof für die Schweinezucht, der außerhalb des umzäunten Geländes von Gefangenem im gelockerten Vollzug betreut wird. Mit zu diesem Hof gehört die etwas abseits gelegene kleine Kapelle „Maria Trost“, in der wir unser Gespräch weiter führen. Der Diakon zündet ein paar Kerzen an und die Fragen drehen sich bald um die Erwartungen an einen Seelsorger und seine Rolle im Gefüge einer Justizvollzugsanstalt.

Vogl als Seelsorger Teil der JVA Bernau

„Mein Tag in Bernau beginnt damit, dass ich in der Früh ins Postfach schaue und mir die Anträge der Inhaftierten durchsehe. Danach richtet sich dann mein Tagesablauf. Ich bin Teil der Beschäftigten in der JVA, zu denen die Vollzugsbeamten, wie auch die so genannten Fachdienste gehören. Das sind Juristen, Psychologen, Pädagogen, Sozialpädagogen, der Medizinische Dienst und eben wir Seelsorger.“ Ganz für sich, quasi inoffiziell, nennt Vogl die Inhaftierten übrigens „Bedürftige“, und seine Definition von Hilfe, die er gleich mit einer Bibelstelle belegt, sieht aufs Wesentliche verkürzt so aus: Dränge deine Hilfe nicht auf, sondern frage dein Gegenüber: Was brauchst du? So erniedrigt sich keiner und jeder behält seine Würde. Empathie ist wichtig, Begegnung auf Augenhöhe aber auch.

Damit das funktioniert ist es gerade bei einem Seelsorger entscheidend, dass er als verschwiegen und zuverlässig wahrgenommen wird. Vertrauen ist dafür die wichtigste Grundlage, und zwar beiderseitig. Vogl scheint auch so etwas wie ein Relais zwischen drinnen und draußen zu sein, zwischen seinen Bedürftigen und ihren Familien. Da kann er offenbar einiges ausrichten, und wenn er von gelungenen Beispielen aus seinem ersten Jahr erzählt, klingt Zufriedenheit mit. Man spürt, dass er sich genau am richtigen Platz angekommen fühlt.

Auf dem Weg zur Kapelle „Maria Trost“. Sie gehört zum Hofgut Weßen, Teil des offenen Vollzugs.

Keine Unterschiede zwischen Konfession und Religion

Seine Arbeit teilt er sich mit einem evangelischen Pfarrer, wobei die Inhaftierten keine Unterschiede zwischen ihnen machen. Pfarrer werden sie von allen genannt, ob von Christen, Muslimen oder welcher Religion auch immer. Ihre Gottesdienste sind regelmäßig auch ökumenisch, „sie sind sogar richtig gut besucht“, erklärt Vogl, „aber schon ein bisschen lauter, als man es sonst kennt. Das ist halt auch eine Gelegenheit, sich auszutauschen“.

Angesprochen auf die „draußen“ üblichen Vorurteile gegenüber Ehemaligen, die ihre Strafe verbüßt haben, wird er nachdenklich, fast ein wenig ratlos. In der JVA Bernau sitzen zwar nur Straftäter mit dem maximalen Strafmaß von drei Jahren ein, doch das Abstempeln und den nicht immer verständlichen Entzug von Vertrauen hält Vogl für ein großes Problem. „Doch ich tue, was ich kann“, versichert er und man glaubt es ihm.

In der Kirche im Dialog bleiben

Auf dem Weg von der Kapelle zurück zum Auto kommt die Frage auf die Situation der katholischen Kirche, den Priestermangel und die dafür möglichen Ursachen. Diakon Vogl seufzt und meint: „Ich würde mir wünschen, dass wir uns in der Kirche als geschwisterliche Gemeinschaft begreifen und im Dialog bleiben.“ Seinen Bedürftigen wäre es egal, ob er Priester ist, sie wollten und brauchten einen Seelsorger. Und dann fügt er hinzu: „Der Diakon kann den Priester zwar nicht ersetzen, doch das Bild eines Menschen, der ganz normal im Leben steht, um wirklich den Menschen beizustehen, das ist sicher ein Modell, das Jesus sehr nahe kommt.“ Bei den Notizen für das Gespräch stand noch die Frage: „Missionieren Sie?“ Sie hat sich inzwischen erübrigt und wird gestrichen. Die Stunde mit dem spät berufenen Diakon hat gezeigt, dass Vorbild sein wohl auch ein Weg ist.

Klaus Bovers | Mit freundlicher Genehmigung: Oberbayrisches Volksblatt OVB-Heimatzeitungen/Chiemgau-Zeitung

 

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