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Kein „Entweder-oder“, sondern der konkrete Mensch mit Würde

17. Oktober 2026

„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“, sagt Jesus im Matthäus-Evangelium. So antwortet er auf die Fangfrage der Pharisäer auf der einen und der Anhänger des Kaisers auf der anderen Seite, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Sagt er Ja, erbost er die geistlichen Anführer in ihrer Ablehnung eines gottgleichen Kaiserkultes, sagt er Nein, bringt er die politische Führung gegen sich auf.

In seiner berühmt gewordenen Antwort auf die kritischen Anfrage, die unweigerlich in die Sackgasse eines Entweder-oder zu führen scheint, sieht Jesus tatsächlich den Kaiser und Gott gesondert voneinander an. Heißt das, dass sich Religion aus der Politik herauszuhalten hat, wie es manchmal gefordert wird? Hat sich Politik nicht stets einem moralischen Anspruch zu stellen?

 

Antwort trennt nicht, sie verbindet

Leidvoll erleben wir durch unsere Geschichte hindurch, wie selbst aus demokratischen Systemen heraus politische Willkür und diktatorische Machtergreifung geschehen können, und Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität und Minderheitenschutz missachtet werden. Und wie wäre andererseits ein religiöses Leben, in dem politische Stellungnahme nicht vorkommen darf? Es verkommt zur frommen Zutat, wird lebensfremd und unverbindlich. Jesus aber lässt sich auf ein Entweder-oder nicht ein, seine Antwort trennt nicht, sie verbindet vielmehr, indem sie auf Beziehung und Zugehörigkeit verweist. Damit lenkt Jesus die Aufmerksamkeit auf eine tiefer liegende Wirklichkeit: wo ist der Mensch verortet und welches Woraufhin bestimmt sein Leben? Inmitten der hasserfüllten Auseinandersetzung – die Pharisäer waren den Kaiserlichen Feind, und beide zusammen Jesus und seinen Jüngerinnen und Jüngern – sagt Jesus klar: hier geht es um den Menschen, denn der gehört Gott. Gebt also Gott, was Gott gehört, seht den Menschen, euch selbst und die anderen, an in der Bezogenheit auf Gott.

Würde zu schützen ist Verpflichtung

Plötzlich leuchtet auf, dass es um die Würde eines jeden Menschen geht. Kein Mensch wurde gefragt, ob er in diese Welt geboren werden will und wenn ja, an welchem Ort. Jeder Mensch aber hat von Beginn des Lebens an das absolute Ja-Wort Gottes zu sein und zu leben. Jeder Mensch ist kostbar – und das nicht nur für sich selbst, sondern in der Verbundenheit der gesamten Schöpfung. 1949 hat Deutschland nach den Verbrechen der Nationalsozialisten die Menschenwürde ins Grundgesetz geschrieben. Im ersten Artikel heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Wir Menschen sind einander geschenkt, uns zu begegnen, zu lieben und zu verzeihen, dabei bereichern wir uns einander in aller Vielfalt und können Leid miteinander tragen.

Anerkennen der Begrenztheit

Welche politische Wucht steckt in einem solchen religiös verankerten Menschenbild? Sie entlarvt eine Politik, die auf Spaltung und Ausgrenzung setzt, als eine Missachtung der natürlichen Verbundenheit aller auf dieser Erde. Sie deckt auf, wo Politik als Mittel zu persönlicher Machtergreifung missbraucht wird, und fordert heraus zu Respekt und zur Achtung der Vielfalt. Die Würde des Menschen zu achten, bedeutet in religiöser Perspektive seine Bezogenheit zu Gott anzuerkennen, was zugleich seine Kostbarkeit wie seine Begrenztheit ausmacht. Die Bibel erzählt, wie Gott den Menschen schuf und es als „sehr gut“ ansah – nur um ihn dann aus dem Paradies in die Wirklichkeit der Welt zu werfen. „Existenz“ bedeutet in der lateinischen Herkunft des Wortes „bestehen“: sein in den alltäglichen Herausforderungen. Und das mit dem Segen Gottes. Zur Würde des Menschen gehört das Anerkennen seiner Begrenztheit, seiner Not und seines Scheiterns. In dieser Bedingtheit menschlichen Lebens leuchtet unser Angewiesensein auf, in Barmherzigkeit und mit der Kraft des Verzeihens einander zu begegnen. Wo das geschieht, geben wir Gott, „was Gott gehört.“

Christoph Kunz | Matthäus 22, 15-21

 

4 Rückmeldungen

  1. Diemut Barth sagt:

    Ein Tipp: Das Buch von Tupoka Ogette, selbst in Deutschland geboren und aufgewachsen, :” exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen” aus dem UNRAST Verlag, ist sehr hilfreich.

    Ich möchte mich auch bei Ihnen bedanken, für Ihre Arbeit im Strafvollzug. Es ist eine so wertvolle und wichtige Aufgabe: In der Tat: keiner von uns hat sich ausgesucht, wo, in welche Familie hinein er/sie geboren wurde. Doch gerade diese Realität hat so viel Einfluss auf unseren Lebensweg, unsere Entscheidungen. Als junge Erwachsene bin ich einmal mit einer Jugendgruppe in einer Strafvollzugsanstalt zu einem Gottesdienst mitgegangen, den wir gestalten hatten. Was mir davon in Erinnerung geblieben ist, waren die Worte des Pastors, der zum Singen einlud:

    “Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder” Damals wäre ich am liebsten im Boden versunken. Wie viel Beschämung doch gerade von denen kommt, die es so viel besser hatten… Daher freue ich mich über Ihre Antwort, aus der so viel Feingefühl und Achtsamkeit spricht ! Weisheit und Einfühlungsvermögen für Ihre Arbeit und auch die Ausbildung von GefängnissselsorgerIinnen wünsche ich Ihnen weiterhin von ganzem Herzen.

  2. Katharina sagt:

    Versteckter Rassismus: Ist nicht, dass eine dunkle Schaufensterpuppe symbolisch die Inhaftierten repräsentieren soll. Vielmehr tiefer darüber nachgedacht: wenn wir tatsächlich Menschen aller Hautfarben auf Augenhöhe sehen, dann würde es keiner Kritik und unnötige Vermeidung einer bestimmten Hautfarbe bedürfen, egal welche Hautfarbe die Gefangenen „vertritt“! Ich würde das nicht mit einer „weißen“ Maske kaschieren… Das ist auch eine Art versteckter Rassismus, wenn wir Menschen aufgrund einer Hautfarbe denken beschützen zu müssen…

    Die Geschichte macht mich nachdenklich, aber dass ich auch aufgrund intensiver Auseinandersetzung zum “rassismuskritisch denken lernen“ an eine Diskriminierung durch eine bestimmte Auswahl einer Hautfarbe nicht gedenke. Es hätte gleichwertig auch eine rote, weiße oder gelbe Puppe sein können, wenn es denn eine Auswahl beim Kauf gegeben hätte. In diesem Sinne sind wir doch ALLE PoC 🌞

    Jetzt hätten wir Grund genug, die Puppe so zu lassen, wie sie IST… denn jetzt gibt es sogar eine schöne sensible Geschichte zu ihr. 👍

  3. 📚 sagt:

    Danke Ihnen für Ihren Kommentar. Ihre Kritik und Ihr Einspruch sind berechtigt. Sie haben einen Punkt getroffen. Auf den Fotos sind GefängnisseelsorgerInnen bei der Studientagung in Paderborn abgelichtet. Katholischerseits sind es überwiegend (weiße) Männer, wenige Frauen und nur einer, der aus einem afrikanischen Land kommt. Dass der symbolische “Gefangene” ausgerechnet als “schwarze” Schaufensterpuppe präsent ist, ist rein zufällig. Das kann kontroverse Diskussionen auslösen, was bisher allerdings ausblieb. Damit wird kein Stereotyp „bedient“, den wir als Gefängnisseelsorge auf keinen Fall spiegeln wollen. In keiner Weise ist damit interniert, dass Kriminalität „People of Color” alleine in den Fokus rückt. Wir bleiben dennoch sensibel…

  4. Diemut Barth sagt:

    Guten Morgen, ich habe gerade den Artikel von Christoph Kunz gelesen. Das sind sehr wertvolle Gedanken zu dem Text aus dem Matthäus Evangelium zur Würde des Menschen. Dankeschön!

    Was zu dem Artikel nicht passt, sind die Bilder, die eine andere Aussage sprechen: Lauter weiße Männer, ich nehme an das sind Gefängnisseelsorger. Und zwischendrin symbolisch ein Inhaftierter einer Vollzugsanstalt. Und der ist schwarz… Das entspricht dem Stereoty: die PoC (People of Color), die “Nicht-Weißen” (die nicht wie ich sind) sind die, die in Konflikt mit dem Gesetz kommen, die Kriminellen. Das entspricht nicht der Realität in Deutschland. Damit wird PoC ihre Würde genommen! Ich nehme auch mal an, dass es in Deutschland mehr weiße als schwarze Schaufenster Figuren gibt. Warum also wurde hier eine dunkle Figur mit dunklen Haaren gewählt?

    Mit freundlichen Grüßen
    Diemut Barth – weiß und weiblich

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