Die Homilie zur Vesper an der bundesweiten Studientagung der Gefängnisseelsorge mit dem Leitthema „Zur Freiheit berufen“ hat Erzbischof Udo Markus Bentz gestaltet. In der Krypta im Hohen Dom zu Paderborn sprach er zur Kurzlesung 1 Petrus 3, 8–9. “Wir können einen Menschen nicht grundsätzlich verändern und das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber wir können ihm beistehen, damit ein anderer Schritt möglich wird – auch nach großer Schuld”, so der Erzbischof.

Der Vorsitzende Andreas Bär der Katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland e.V. dankt dem Erzbischof für seine Worte in der Krypta des Hohen Doms zu Paderborn.
Wenn ich an die Gefangenenwallfahrt nach Werl Ende Juni zurückdenke, kommt mir zuerst immer das erstaunliche Miteinander in den Sinn. Menschen aus verschiedenen Justizvollzugsanstalten, Bedienstete und Seelsorgende. Wir saßen zusammen, kamen ins Gespräch, beteten und feierten Gottesdienst. Die Rollen, die sonst den Alltag bestimmen, standen für eine Weile nicht so sehr im Vordergrund. Man begegnete einander als Menschen. Ich bin froh, dass ich in diesem Jahr dabei sein konnte. Für mich gehört es zu meinem Selbstverständnis, auch dort Nähe zu suchen, wo Menschen sonst leicht aus dem Blick geraten.
Ich möchte, dass die Gefangenen wissen: Ihr gehört zu uns. Euer Leben geht uns etwas an. Die Kirche ist für euch da. Am Ende des Tages mussten die Menschen zurück in die Haft. Die Türen schlossen sich wieder. Ihre Sorgen gingen mit. Eine Wallfahrt löst das alles nicht. Ich möchte ihr auch im Rückblick nicht mehr aufladen, als ein solches Format tatsächlich leisten kann. Aber an diesem Tag gab es Begegnung, gemeinsames Essen, Gebet. Für einige vielleicht eine Unterbrechung der Einsamkeit. Das ist schon etwas. Und es muss sich nicht erst ein ganzes Leben verändern, um bei Gott wertvoll zu sein.
Was bedeutet eigentlich Freiheit, wenn die Tür hinter mir wieder verschlossen wird?
Ich merke, dass ich bei den ganz großen Worten immer vorsichtiger werde. Freiheit. Neubeginn. Hoffnung. Wir sprechen sie als Kirche oder auch in der Politik oft schnell aus, manchmal in einem hohen Ton. Aber halten diese Worte eigentlich auch stand, wenn jemand zum Beispiel seit Jahren in Haft ist? Wenn Beziehungen abgebrochen, zerbrochen sind? Wenn einer immer wieder an derselben Stelle scheitert? Das wirkliche Leben folgt keinem noch so schönen Gedankengang. Ein Mensch kann morgens seinen guten Vorsatz fassen und abends wieder vor dem stehen, was er doch hinter sich lassen wollte.
Unsere Worte müssen auch in diesem Leben etwas bedeuten. Simone de Beauvoir, eine eigenständige, oft unterschätzte Denkerin, hat in ihrer Ethik der Ambiguität einen Gedanken entwickelt, an dem ich in diesem Zusammenhang gerne festhalten möchte: Freiheit bedeutet auch, über das Gegebene hinausgehen zu können. Mich überzeugt daran die Möglichkeit: Es könnte auch anders weitergehen. Aber wie weit ein Mensch gehen kann, lässt sich nicht vom Schreibtisch aus sagen. Manche Prägungen sitzen tief. Angst, Krankheit und Abhängigkeit können den Spielraum sehr eng machen. Wer von außen sagt: Du bist doch frei, entscheide dich einfach gut und anders, der kann einem Menschen auch bitter unrecht tun.
Und trotzdem möchte ich niemanden so ansehen, als wäre über ihn schon alles gesagt. Auch nach der größten Schuld nicht. Ich kenne seine Tat. Ich kenne vielleicht etwas von seiner Geschichte. Aber ich weiß nicht im Voraus, wozu er noch fähig sein wird. Das weiß ich von mir selbst ja auch nicht. Diese Zurückhaltung gehört für mich zum Realismus: Wir kennen die Grenzen eines Menschen oder von uns selbst nicht bis zum Letzten. Wir kennen auch die Möglichkeiten nicht. Martin Heidegger hat einmal geschrieben: „Höher als die Wirklichkeit steht die Möglichkeit.“ Die Geschichte von Kain und Abel stellt diese Frage mit großer Nüchternheit. Kain muss seinem Zorn nicht folgen. Er kann immer auch anders handeln. Er fühlt sich von Gott zurückgestoßen, weil Gott Abel und sein Opfer vorzieht. Dass er seinen Bruder dann doch tötet, macht seine Tat ja nicht zu einem unabwendbaren Schicksal. Er hätte in dem Moment ganz anders reagieren können.
Das ist Freiheit. Und doch gibt Gott Kain auch nach dem Mord nicht der Vernichtung preis. Abel bleibt tot. Sein Blut schreit zum Himmel. Nichts daran wird beschönigt. Und dennoch wird Kains Leben nicht für wertlos erklärt. Darin liegt eine Spannung, die wir aushalten müssen: die ganze Wahrheit der Schuld und die bleibende Würde des Schuldigen. Das „Kainsmal“ ist ein Schutzzeichen, nicht ein Zeichen der Demütigung. Gerade darin liegt auch eine Hoffnung für das Leben nach der Schuld. Sie darf aber nicht zur Forderung werden, die wir einem Menschen entgegenhalten: Jetzt ändere dich endlich. Manchmal ist jemand noch weit davon entfernt, ehrlich auf die eigene Schuld zu schauen. Er weicht aus, rechtfertigt sich, hält die Wahrheit nicht aus. Dann braucht es Klarheit und Geduld.

Jedes gedrehte Feld offenbart Verletzungen, Scham, Leid und unentschuldbares Versagen. Im Paderborner Dom verlangt das Mahnmal „memory“ Mut zur Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt und Missbrauch von Tätern in den eigenen Reihen.
Schuld macht einen Menschen verantwortlich. Sie macht ihn aber nicht ein für alle Mal fertig
Die Lesung sagt: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem noch Kränkung mit Kränkung! Stattdessen segnet“. Auch das ist ein großer Anspruch. Wie reagieren wir, wenn unser Vertrauen enttäuscht wird? Wenn wir belogen werden? Wenn wir spüren, dass jemand unsere Zuwendung benutzt? Mitgefühl und Barmherzigkeit sind dann keine schönen Eigenschaften, die man einfach hat. Sie werden uns abverlangt. Und manchmal merken wir, wie wenig davon in uns übrig ist. Sie kennen solche Situationen aus dem Vollzug genug. Da gelingt ein Gespräch, und beim nächsten Mal scheint alles wieder zu. Da bittet jemand um Hilfe und zieht sich anschließend zurück. Man kann das als bloßes Scheitern sehen. Manchmal muss man aber auch anerkennen, wie schwer es einem Menschen fällt, Nähe auszuhalten oder eine andere Antwort zu finden, als wir denken. Das entbindet ihn selbst nicht von der Verantwortung. Es bewahrt uns aber davor, mit einem guten Rat schon fertig zu sein.
„Stattdessen segnet“
Für mich heißt das: Ich will dem anderen nicht zusätzlich schaden. Ich will ihm Gutes, auch wenn ich enttäuscht bin. Ich muss deshalb nicht alles hinnehmen. Es braucht Grenzen, auch zu Ihrem eigenen Schutz. Aber innerhalb dieser Grenzen kann die Frage offenbleiben: Was hilft diesem Menschen jetzt wirklich? Pater Christoph Wrembek hat es im Gespräch zu Ihrer Studientagung sehr prägnant gesagt: Gefängnisseelsorge muss vielleicht weniger darauf aus sein, einen Menschen zu „retten“, als ihm zugewandt zu begegnen und ihn seine Menschenwürde und Gottes Barmherzigkeit erfahren zu lassen. Genau das kann manchmal heißen: ein klares Wort. Praktische Unterstützung. Ein freundliches Gesicht. Oder zunächst auch nur, dass das nächste Gespräch überhaupt möglich bleibt. Dabei dürfen diejenigen, denen Gewalt angetan wurde, die Opfer, die Betroffenen, niemals aus dem Blick geraten. Ihre Verletzungen gehören zur Wahrheit dieser Geschichte. Alles andere wäre eine Verhöhnung ihres Leids. Und niemand darf von ihnen Vergebung verlangen. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich auch dem Leid stellen, das er verursacht hat.
Als Christen glauben wir, dass Gott auch dort bei einem Menschen bleibt, wo wir kaum noch weiterwissen. Wo die Sprache versagt. Ich kann auch nicht erklären, warum der eine einen Weg aus seiner Verstrickung findet und der andere immer wieder zurückfällt. Der Glaube nimmt uns diese Ratlosigkeit nicht ab. Aber Jesus hat sich Menschen zugewandt, deren Leben beschädigt und nach menschlichem Empfinden ohne Ausweg war. Am Kreuz hört er noch die Bitte des mit ihm gekreuzigten Verbrechers: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Christus hört ihn und sagt ihm das Paradies zu. Darauf vertraue ich auch dann, wenn ich selbst keine Veränderung mehr sehen kann. Vielleicht wächst deshalb die Möglichkeit eines anderen Schrittes erst aus einer ganz elementaren christlichen Erfahrung: Ich muss das nicht allein tragen. Ich kann es auch gar nicht. Jemand hilft mir, den nächsten Tag zu bestehen. Jemand hört mir zu, ohne mir sofort zu erklären, wie mein Leben werden soll. Ein Mensch fasst Zutrauen. Dann kann ein oft winzig kleiner Spielraum entstehen. Wir können ihn nicht herstellen. Aber immerhin. Wir können dazu beitragen, dass die Tür nicht gleich wieder verschlossen wird.
Das ist für mich ein Wert Ihres Dienstes. Sie begegnen wirklichen Menschen, nicht einem Ideal vom Menschen. Sie erleben Widersprüche, Rückschritte und Entscheidungen, die Sie nicht verstehen. Manchmal müssen Sie ein Gespräch beenden. Manchmal brauchen Sie Abstand. Und manchmal gehen Sie wieder hin, obwohl Sie sich wenig davon versprechen. Dass Sie dabei fachliche Unterstützung und Austausch brauchen, gehört zur Wirklichkeit dieser Arbeit. Niemand kann solche Begegnungen auf Dauer allein tragen. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie sich dieser Wirklichkeit stellen. Auch für die Geduld, von der später kein Bericht wirklich erzählt. Heute Abend dürfen Sie selbst vor Gott kommen: mit dem, was gelungen ist, und mit dem, was offenbleibt. Sie müssen ihm keinen Erfolg vorweisen. Sie dürfen auch sagen: Ich weiß nicht weiter.
„Ihr seid dazu berufen, Segen zu erlangen“
Gerade deshalb geht mir die Wallfahrt mit den Gefangenen in Werl so nah. Sie war eine konkrete Erfahrung von Gemeinschaft. Menschen hatten ihren Platz im Gespräch miteinander und im Gottesdienst. Wir haben miteinander Zeit verbracht. Zugehörigkeit darf auch für einen Menschen in Haft nicht nur ein Satz sein. Er soll ihr leibhaftig begegnen können. Wir müssen das lebendige Leben, mit all seinen Brüchen und Widersprüchen, nicht erst in Ordnung bringen, bevor wir es vor Gott tragen können. Das wäre eine Überforderung für uns und andere. Wir können es Gott anvertrauen, wie es jetzt ist. Auch das Leben der Menschen, um die wir uns sorgen. Das braucht viel Sensibilität und Behutsamkeit. Und es braucht manchmal lange, bis ein Mensch selbst sagen kann: Ich kann noch einen anderen Schritt gehen. Bis dahin können wir ihm beistehen. Nicht alles ist möglich. Seine Existenz und seine Schuld können wir ihm nicht abnehmen. Aber vielleicht ist dieser nächste kleine Schritt möglich. Und wenn er gelingt, ist das gar keine Kleinigkeit.
Dr. Udo Markus Bentz | Erzbischof von Paderborn





