Vor unserem Haus stand der Rettungswagen – mal wieder. Aus dem Fenster unserer Wohnung sah ich, wie die Sanitäter unten ins Haus gingen. Öfter schon waren sie da, um die Nachbarin aus der ersten Etage ins Krankenhaus zu fahren. Beim letzten Mal, so erzählte es ihr Mann, habe sie sich auf eigenen Wunsch entlassen, um wieder zuhause zu sein. Er machte sich große Sorgen um seine sehr kranke Frau. Irgendwann war der Rettungswagen dann wieder weggefahren, allerdings ohne jemanden mitzunehmen.
Es geschieht immer wieder, dass Gott uns ruft, hinein in seinen Willen, hinein in die Ergebung gegenüber seinen Fügungen und Führungen, hinein in den Verzicht, hinein in seine Liebe, hinein in das Kreuztragen, hinein in die unbelohnte Pflicht des Alltags, hinein in das Schweigen, wo wir erbittert reden wollten, hinein in tausend Dinge, die eine Einladung zum königlichen Gastmahl sind und ganz anders aussehen.
Denn diese Einladung geschieht nicht, indem ein heiliger Bote Gottes kommt und sagt, dass es sich um das Reich Gottes handelt. Nein! Das geht ohne Gepränge vor sich; das geschieht in der Tiefe unseres Gewissens, das geschieht im Alltag wie nebenbei.
Karl Rahner
Aneinander vorbeilaufen
Mir kam die Idee, nach unten zu gehen und die Nachbarn zu fragen, ob sie gerade Hilfe oder Unterstützung brauchen. Ach nein, habe ich mir gesagt, es wird schon gut sein, und außerdem hatte ich mich ja schon mal angeboten, falls sie ein Gespräch wünschten. Am nächsten Tag waren die Rollladen vor den Fenstern heruntergelassen und sie blieben auch die folgenden Tage unten. Da bekam ich die Nachricht, dass an jenem Tag die Nachbarin verstorben war, und ihr Mann in die Notaufnahme des Krankenhauses aufgenommen werden musste. Mehrmals klingelte ich in den Tagen danach vergeblich an ihrer Wohnung unten in der ersten Etage unseres Hauses. Wie oft kommt es vor, dass wir nicht da sind, wo wir mit unserem Dasein, unserem Zuhören, unserer Unterstützung, unserem Mitgefühl gerade gefragt waren?
Womöglich haben wir es öfter gar nicht mitbekommen aus lauter Geschäftigkeit oder, schlimmer noch, in Unachtsamkeit. Und wenn wir es mitbekommen haben, wie ich in dieser Situation, fiel uns garantiert eine gute Ausrede ein, dass es gerade wirklich nicht passte. Wir haben auch noch anderes zu tun, was sich nicht aufschieben lässt. Und wir sind ja nicht die Einzigen, die helfen könnten. Den Kopf voll mit Gedanken, Plänen, Sorgen und Wünschen laufen wir alle wohl öfter aneinander vorbei und merken nicht, worum es im Moment wirklich geht. Der menschliche Geist ist geübt, jedes Mal eine Ausrede parat zu haben.
Denen man es gar nicht zugetraut hätte…
Um dieses nicht da sein geht es auch im Gleichnis des Sonntagsevangeliums. Dabei wird es, wie es in den Gleichnissen Jesu üblich ist, noch dramatisch zugespitzt. Da wird das Reich Gottes mit einem königlichen Hochzeitsmahl verglichen – doch all die, die eingeladen sind, kommen nicht. Manche haben keine Lust, andere haben Wichtigeres zu tun und einige wehren sich sogar gewalttätig. Daraufhin werden einfach all die anderen, die eigentlich nicht Geladenen, Gute und Böse, zusammengeholt, und der Festsaal füllt sich. Auch dieses Gleichnis Jesu ist ein Affront gegenüber all jenen, die meinen in ihrer Rechtschaffenheit sowieso berufen zu sein, die aber dann doch fehlen, wenn’s drauf ankommt.
Andere aber, denen man es gar nicht zugetraut hätte, sitzen plötzlich beim Festmahl. Nicht schön, besonders wenn man bedenkt, dass wir, die wir als Christinnen und Christen unsere Berufung in dieser Welt zu leben gedenken, mit den zuerst Eingeladenen angesprochen sind. So ist dieses Evangelium ein Aufruf, wach und aufmerksam zu sein für das, was im Moment geschieht. Es erinnert uns daran, dass wir uns nicht mitreißen lassen müssen von Geschäftigkeit oder Gleichgültigkeit, dass es möglich ist, innezuhalten und sich neu zu orientieren. Und es enttarnt unsere vielen Ausreden als Lügen. Besser wäre, beim nächsten Mal der Intuition des Gewissens zu folgen, zu handeln, statt viel drumherum zu reden. Das Reich Gottes aber ist stets präsent, das ist die Überzeugung des Evangeliums. Deswegen gilt: die Einladung kommt immer wieder.
Christoph Kunz | Matthäus 22, 1-10





